Frau neben einem Satelliten-Modell

Wissenschaft Persönlich: Dr. Anja Frost

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich WissenschaftlerInnen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im März 2019 stand uns Dr. Anja Frost Rede und Antwort. Was die Bremer Wissenschaftsszene ihrer Meinung nach mit einer Krähe gemein hat, wieso ihr Stand auf dem Freimarkt aus einem Spiegelsaal bestehen würde und warum "intensives Anstarren" eines ihrer Lieblingsarbeitsinstrumente ist, verrät die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die am Bremer Institut für Methodik der Fernerkennung (IMF) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) arbeitet, im Interview.

 

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin geworden wären?
    Ich wäre wahrscheinlich als Ingenieurin in der freien Wirtschaft gelandet. 
     
  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?
    Wenn wir aus scheinbarem Rauschen ein brauchbares Signal generieren, also ein Ton- oder Bildsignal, dann begeistert mich dies. Wenn ich mir dazu vor Augen führe, dass die Signale, mit denen ich hier am DLR arbeite, von einem Satelliten kommen, der mit 7,6 Kilometern pro Sekunde um die Erde saust, in einer Höhe von 500 Kilometern, und seine Orbitgenauigkeit im Bereich von Zentimetern liegt, finde ich das immer noch ganz ungeheuerlich.
     
  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besuchern erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?
    Ich hätte ein Spiegelkabinett. Wissenschaftlern stehen oft nur fragmentarische Bilder der Wirklichkeit zur Verfügung. Nicht selten sind die Spiegel verzerrt, und mitunter tauchen Phantome auf. Es bedarf Gehirnschmalz, einen Weg durch das Labyrinth zu finden – und trotzdem läuft man manchmal an eine Wand und muss umdenken! Das Ganze macht vor allem aber enorm Spaß.
     
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?
    Unsere Satellitenaufnahmen geben uns ein Bild von der Beschaffenheit des Meereises in hohen geografischen Breiten, wo kaum ein Mensch vorbeikommt. Langfristig helfen die Aufnahmen, Folgen des Klimawandels aufzuzeigen. Die Arktis reagiert sensibel wie kaum eine andere Region der Erde auf Veränderungen im Klima. Der Klimawandel tritt hier also besonders deutlich zutage. Daher lohnt es sich, das Meereis im Auge zu behalten.

    Kurzfristig unterstützen wir Forschungsschiffe, wie zum Beispiel die Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts bei ihren Kampagnen im Eis. Unsere Satellitendaten werden echtzeitnah aufbereitet und den Navigatoren an Bord zur Verfügung gestellt. Dies hilft ungemein bei der Routenplanung, denn Meereis unterliegt ständigen Veränderungen. Innerhalb weniger Stunden können sich große Eismassen zusammenschieben, wenn die Winde entsprechend stehen, und Bereiche offenen Wassers schließen. Aktuelle Informationen über das Meereis sind Gold wert, wenn man in polaren Gewässern unterwegs ist.
     
  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?
    Ich rette nicht die Welt. Zumindest nicht mehr als jeder einzelne, der bewusst mit seiner Umwelt umgeht. Trotzdem motiviert es mich, wenn durch meine Arbeit die Eisnavigation sicherer wird und eventuell Gefahrensituationen oder Schadenslagen vermieden werden.
     
  • Verraten sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?
    Meine liebste Forschungsmethode nenne ich "Lösen durch intensives Anstarren". Ich wende sie für komplizierte, technische oder mathematische Problemstellungen an. Sie funktioniert ähnlich wie Schachspielen: Der Spieler starrt intensiv das Spielfeld an – mitunter sehr lange, regungslos – doch die Rädchen im Hirn rattern. Irgendwann taucht vor seinem geistigen Auge der Zug auf, der ihn weiterbringt. Genauso sieht es aus, wenn ich einen Fehler in tausenden Zeilen Programmcode suche.
     
  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?
    Ich bin meinem Mann nach Bremen gefolgt. Ursprünglich sind wir beide aus Hannover. In Hannover habe ich auch promoviert, im Bereich der Röntgen-Computertomografie bei Prof. Dr.-Ing. Hötter. Das war eine schöne Zeit, aber mein Mann ging der Arbeit wegen nach Bremen. Als sich meine Promotion dem Ende neigte, suchte ich mir direkt in Bremen eine neue Stelle. Das war 2013. Zufällig wurde genau in diesem Jahr die DLR-Forschungsstelle für Maritime Sicherheit am Bremer Flughafen eröffnet und damit eine Stelle zur Erkennung von Eisbergen in Satellitenaufnahmen frei. Ich habe mich darauf beworben, und hier bin ich. 
     
  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?
    Wir haben in Bremen und Bremerhaven eine außergewöhnlich hohe Dichte an Instituten und Firmen, die meiner thematischen Ausrichtung nahestehen. Das erleichtert mir die Arbeit und stellt sicher, dass ich nicht an wichtigen Themen vorbeientwickele.  
     
  • Fehlt Ihnen etwas?
    Wie nahezu allen Eltern kleiner Kinder: Schlaf!
     
  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?
    Mit der Tram.
     
  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?
    Mit einer Krähe: Sie ist hochintelligent und erfindungsreich. Sie baut sich beispielsweise ein Werkzeug aus Draht, um an Futter zu kommen. Sie ist auch ausgesprochen gesellig und macht in ihrer Nachbarschaft eine Menge Lärm. Trotz allem wird sie aber wenig beachtet, außer vielleicht in Fabeln.
     
  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?
    Englisch. Ich war zwar immer ganz gut in naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik oder Mathematik, aber Sprachen lagen mir nie. Um als Ingenieurin voranzukommen, braucht man allerdings Englisch. Darum habe ich zu Beginn meines Berufslebens die Zähne zusammengebissen und mich nach der Arbeit jeden Tag für eine halbe Stunde hingesetzt um Vokabeln zu büffeln. Jetzt komme ich zurecht.
     
  • Welche stehen Ihnen noch bevor?
    Das weiß ich nicht genau. Forschung ist auch immer ein Weg in unbekannte Gefilde.
     
  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?
    Ich habe mir immer einen Job gesucht, auf den ich 100% Bock habe. Nur dann kann ich mit Herzblut an eine Sache rangehen. Und eine gute Arbeit machen. 
     
  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?
    Ich bin als Studentin von meinem Professor für ein Stipendium vorgeschlagen worden. Im weiteren Auswahlverfahren bin ich allerdings gescheitert. Ich war damals traurig darüber, habe aber festgestellt: Das Leben geht weiter. Nach der Absage hatte ich mir zur Finanzierung meines Studiums einen Nebenjob gesucht und war so schlussendlich im Rechenzentrum der Tierärztlichen Hochschule in Hannover gelandet. Dieser Job hat mir sehr viel mehr gebracht als einfach nur Geld! Zum einen habe ich ein wenig Hintergrundwissen zur Systemadministration gesammelt. Zum anderen bin ich mit vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Kontakt gekommen – Tiermedizinern, die mit voller Begeisterung von ihrer Forschung an exotischen Krankheiten bei Klauentieren oder Operationen an Fischen berichteten, während ich ihre PCs reparierte. Die Begeisterung war ansteckend. Nach meinem Studium wollte ich unbedingt in die Forschung.
     
  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?
    Bei handwerklichen Arbeiten. Ich restauriere gerne alte Möbel, oder bastle an Elektrogeräten. 
     
  • Der/Die nächste Nachwuchswissenschaftler/in zieht nach Bremen. Was würden Sie ihm/ihr raten, wo er/sie wohnen und abends weggehen soll? 
    Menschen sind sehr unterschiedlich bezüglich ihrer Vorlieben. Ich würde ihm/ihr empfehlen, sich überall umzuschauen. Bremen hat viele tolle Ecken. Mir selber gefällt es im Viertel und in der Neustadt. Am liebsten sind mir kleine, unabhängige Kneipen, die nicht "durchdesigned" wurden, sondern gewachsen sind, wie das Haifischbecken oder das Rum-Bumpers.
     
  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?
    Mit meinen Kollegen vom DLR. Wir sind ein recht bunter Haufen aus unterschiedlichen Ländern wie Indien, Italien, Russland, England und Brasilien. Einige Kollegen sind echt schräge Vögel und haben ziemlich was auf den Kasten, zum Beispiel waren sie schon als Teenager bei "Jugend forscht". Auch unsere Sekretärin hat eine außergewöhnliche Vergangenheit: Sie ist eine ehemalige Olympionikin.  
     
  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer/m Bremer/in oder Bremerhavener/in tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?
    Mit dem Fährmann von der Sielwallfähre. Die Arbeit stelle ich mir ganz lustig vor.
Portrait von Dr. Anja Frost

Quelle: WFB/Jonas Ginter

Steckbrief: Dr. Anja Frost

Fachbereich / Forschungsfeld
Elektrotechnik / Signalverarbeitung

Aktuelle Position / Funktion
Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Messung der Meereisdrift auf Basis von Satellitendaten 

Geburtsjahr
1980

Familienstand
verheiratet, ein Kind

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