Ein Mann steht in einem Raum und begutachtet seine Tauchausrüstung; Quelle: WFB/Jonas Ginter

Wissenschaft persönlich: Dr. Sebastian Ferse

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich WissenschaftlerInnen regelmäßig unseren Fragen - und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im Oktober 2016 stand uns Dr. Sebastian Ferse Rede und Antwort. Er ist Nachwuchsgruppenleiter am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung und forscht aktuell an Korallenriffsystemen.

 

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler geworden wären?
    Als ich mit meinem Studium anfing, wollte ich eigentlich in Richtung Journalismus gehen. Insbesondere Wissenschaftsjournalismus für Zeitungen und Zeitschriften, die sich mit wissenschaftlichen Themen beschäftigen, wie zum Beispiel GEO oder National Geographic, wären eine bevorzugte Alternative für mich gewesen. Kurz nach meiner Promotion befand ich mich in der Endrunde des Mentoringprogramms für junge Wissenschaftler im Rahmen der Initiative Wissenschaftsjournalismus. Dann kam das Angebot für eine Post-Doc Stelle am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen, für die ich mich letztlich entschieden habe – und somit für eine Karriere in der Wissenschaft.

 

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?
    Mein Beruf ist sehr vielfältig und beinhaltet häufig Reisen zu Forschungsstandorten in den Tropen. Neue Länder, Landschaften und Kulturen kennenzulernen ist jedes Mal großartig. Besonders der Kontakt mit den Menschen vor Ort, zum Beispiel den BewohnerInnen von Fischerdörfern auf kleinen Inseln in Ostindonesien, Fiji oder auf den Salomonen, ist jedes Mal ein besonderes Erlebnis. Ich bin aber auch immer wieder hell begeistert, wenn ich ein relativ intaktes Korallenriff zu sehen bekomme – das wird leider immer seltener. Und natürlich freut es mich, wenn meine Arbeit anerkannt wird, sowohl von wissenschaftlichen KollegInnen als auch von den PartnerInnen vor Ort, mit denen wir zusammenarbeiten.
     
  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucherinnen und Besuchern erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?
    Der Stand sähe wie ein exotisches Sammelsurium aus. Ich denke, ich würde auf jeden Fall ein großes Riffaquarium an der Rückwand installieren – das ist ein guter Blickfang und stimmt die BesucherInnen inhaltlich auf mein Arbeitsgebiet ein. Dann würde ich anhand verschiedener Exponate zeigen, auf welche verschiedenen Weisen der Mensch Korallenriffe nutzt. Ein kleines ‚Wellenbecken‘ würde die Funktion der Korallenriffe für den Küstenschutz zeigen. Und ich hätte eine Sammlung verschiedener Gartengeräte – Schere, Hacke, Rechen und so weiter – um anschaulich zu erklären, was für unterschiedliche ökologische Funktionen Fische im Korallenriff spielen, wie deren Vielfalt zur Widerstandsfähigkeit von Riffen beiträgt, und was wir daraus über den Einfluss des Menschen auf Riffe und über geeignete Managementansätze lernen können.
     
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?
    Korallenriffe kennen die meisten Menschen hier als Attraktion an einem exotischen Urlaubsziel. Tatsächlich sind sie ein enormer Wirtschaftsfaktor in Ländern wie Australien, Hawaii oder Ägypten. Darüber hinaus spielen sie aber noch weitere wichtige Rollen, zum Beispiel in globalen Stoffkreisläufen, als Küstenschutz und vor allem als Nahrungs- und Existenzgrundlage vieler Millionen Menschen weltweit. Dennoch ist kaum ein anderes Ökosystem so stark durch menschliche Aktivitäten bedroht wie die Riffe. Durch meine Forschung zur Funktion von Riffen und dem Zusammenhang zwischen dem Zustand von Riffen und deren Nutzung durch den Menschen leiste ich einen konkreten Beitrag zur nachhaltigen Nutzung dieses einmaligen Ökosystems.
     
  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Forschung von Fortschritt? Womit retten Sie die Welt?
    Ein einzelner Forscher wird durch seine Forschung kaum die Welt retten – wenn ich verstehe, welche Art der Nutzung von Korallenriffen sowohl nachhaltig als auch lokal akzeptiert ist, kann ich allerdings meinen Beitrag leisten, eines der schönsten Ökosysteme unseres Planeten sowie die Menschen und Kulturen, die davon abhängen, zu bewahren.
     
  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Forschungsinstrument?
    Das ist auf jeden Fall meine Tauchausrüstung. Ökosysteme lassen sich am besten direkt vor Ort studieren, und in meinem Fall heißt dies, dass ich mich dafür zu Beobachtungen und Experimenten unter Wasser begeben muss.
     
  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Woher kamen Sie?
    Ich kam vor rund 15 Jahren für mein MSc-Studium nach Bremen. An der Uni gab es damals einen neuen englischsprachigen Studiengang, der sich mit mariner Tropenökologie beschäftigte. Dieses Angebot ist nach wie vor besonders in Deutschland – damals war es einzigartig. Ich hatte vorher an der University of California in Santa Barbara Meeresbiologie studiert und im Rahmen dieses Studiums erste Tropenerfahrungen auf Tahiti gesammelt, und das Programm in Bremen gab mir die Möglichkeit, dieses Interesse in Deutschland weiterzuverfolgen.
     
  • Was schätzen Sie am Wissenschaftsstandort Bremen/Bremerhaven? Was hält Sie hier?
    Bremen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem herausragenden Standort für Meereswissenschaften entwickelt. Es gibt in der Region eine Vielzahl von Instituten und Universitäten, die an meeresbezogenen Themen arbeiten, was man zum Beispiel am Zusammenschluss Nordwest-Verbund Meeresforschung und an den vielseitigen Beiträgen zum Thema Meere im Haus der Wissenschaft oder auf der Maritime Woche sehen kann. Das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung, an dem ich arbeite, bietet eine einzigartige Kombination verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und eine Ausrichtung auf gesellschaftlich relevante Forschung auf Augenhöhe mit unseren tropischen Partnern – ein ideales Umfeld für die Art von Forschung, die ich machen möchte.
     
  • Fehlt Ihnen etwas?
    Es ist schade, dass die Universität trotz Exzellenzinitiative bei einigen Studiengängen zum Rotstift greifen muss und eine Einrichtung wie das Unibad, das wir für unsere wissenschaftliche Tauchausbildung nutzen, vermutlich nicht halten kann. Natürlich wäre es schön, wenn hier mehr Mittel zur Verfügung stünden.
     
  • Die Wege in Bremen sind kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?
    Am liebsten mit dem Fahrrad oder zu Fuß.
     
  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn?
    Der Aufbau meiner Arbeitsgruppe und der Wechsel in die Rolle als Gruppenleiter. Auf einmal ist man neben Wissenschaftler auch Manager, Coach – und wichtiges Vorbild. Das ist ein ziemlicher Zuwachs an Verantwortung. Allerdings macht es auch unheimlich viel Spaß, mit einer Gruppe hochmotivierter und fähiger junger WissenschaftlerInnen gemeinsam an Themen zu arbeiten und neue Ideen zu entwickeln.
     
  • Welche stehen Ihnen noch bevor?
    Die richtige Balance zwischen Familie und Beruf und eine nachhaltige Perspektive in der Wissenschaft zu finden. Und dann hoffentlich noch die Umsetzung vieler spannender Forschungsprojekte.
     
  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?
    Offen und neugierig sein – und Wissenschaft als partnerschaftliches Unternehmen, nicht als Konkurrenzveranstaltung zu verstehen. Außerdem jeden Rückschlag als Möglichkeit zum Lernen zu sehen.
     
  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?
    Wissenschaft besteht zu einem Großteil auch aus Scheitern, dessen muss man sich bewusst sein. Nicht alle Förderanträge werden bewilligt, und manche Publikationen brauchen mehrere Anläufe, bevor sie veröffentlicht werden. Am meisten lernt man durch gute, konstruktive Kritik an der eigenen Arbeit.
     
  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?
    Durch das Joggen im Bürgerpark.
     
  • Der/Die nächste NachwuchswissenschaftlerIn zieht nach Bremen. Wo sollte er/sie wohnen und mal hingehen?
    Das kommt ganz auf die persönlichen Neigungen an. Ich selber finde, dass die Neustadt, das Viertel und Findorff durch die Kombination aus Nähe zum Zentrum, das große Angebot an Restaurants und Kneipen sowie die Vielfalt der EinwohnerInnen tolle Gegenden zum Wohnen sind. Außerdem mag ich die vielen Nebenstraßen mit den typischen Altbremer Häusern. Abends Essen gehe ich gerne im Medoo im Viertel oder bei Jackie Su in der Innenstadt – im Sommer ist es nett, den Abend mit Freunden bei einem Getränk an der Schlachte oder beim Grillen am Werdersee zu beginnen.
     
  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen bekannt machen wollen?
    Mit Paula Modersohn-Becker – ihr ehemaliges Wohnhaus in Schwachhausen liegt auf meinem täglichen Weg zur Arbeit, und das nach ihr benannte Museum in der Böttcherstraße ist sowohl wegen der ausgestellten Werke als auch als Gebäude sehenswert.

Steckbrief: Dr. Sebastian Ferse

Geburtsjahr

1978

 

Familienstand

verheiratet
 

Fachbereich / Forschungsfeld

Korallenriffökologie, Riffrestauration, Meeresschutzgebiete, Mensch-Natur-Beziehungen in Korallenriffen, nicht-industrielle Fischerei

 

Aktuelle Position / Funktion

Nachwuchsgruppenleiter am Leibnitz-Zentrum für Marine Tropenforschung
 

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt

Leiter des Projekts "Resilienz von sozial-ökologischen Korallenriffsystem pazifischer Inseln in Zeiten globalen Wandels", Teilprojektleiter innerhalb des Projektes "Constributing to Coral Commons"
 

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