Eine Frau steht in ihrem Büro hinter einem Tisch, im Vordergrund blaue Kugeln; Quelle: WFB/Jonas Ginter

Wissenschaft persönlich: Prof. Dr. Sonia Lippke

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich WissenschaftlerInnen regelmäßig unseren Fragen - und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im August 2016 stand uns Prof. Dr. Sonia Lippke Rede und Antwort. Sie lehrt Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Jacobs University Bremen und forscht zu Gesundheitsverhaltensweisen und Erwerbstätigkeit. 

 

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin geworden wären?
  • Mein Kinderwunsch war Kinderbuchautorin oder Lehrerin, mein Jugendtraum Archäologin.
     
  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?
    Wenn ich etwas Neues herausfinde und Kollegen oder Mitbürger das auch spannend finden; wenn ich jungen Menschen etwas beibringen kann; wenn ich das Gefühl bekomme, dass ich wirklich etwas bewegen kann.
     
  • Wie sähe Ihr Stand auf dem Freimarkt aus, wenn Sie den Besuchern Ihre Arbeit erklären sollten?
    Ich würde ein Puppenspiel mit einem Schweinehund aufführen oder einen Blutzuckertest anbieten mit der Möglichkeit, hinterher gleich eine Auswertung mit Lebensstil-Beratung zu bekommen – letzteres ist eine ganz praktische Anwendung meiner Forschung und das haben wir bei anderen Großveranstaltungen schon erfolgreich gemacht. 
     
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?
    Wir unterstützen Gesundheit, Wohlbefinden, Erwerbsfähigkeit, soziale Teilhabe.
     
  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Forschung von Fortschritt? Womit retten Sie die Welt?
    Indem wir besser verstehen, wieso Menschen nicht so glücklich und gesund sind, wie sie es sein könnten und Strategien entwickeln, ihnen dabei zu helfen – mit Lebensstilansätzen und in Bezug auf Erwerbstätigkeit sowie soziale Teilhabe.
     
  • Verraten sie uns Ihr liebstes Forschungsinstrument?
    Liebstes Forschungsinstrument ist der Onlinefragebogen, spannend finde ich aber auch neuere Datenerhebungsinstrumente wie Aktivitätsmesser inklusive GPS- und Netzwerkanalysen. Mit diesen Methoden möchte ich in Zukunft gerne mehr arbeiten. Wichtigste Methode meiner bisherigen Forschung ist die Online-Befragung und das Online-Experiment, sogenannte E-Health-Interventionen.
     
  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Woher kamen Sie?
    Ich bin 2011 nach Bremen gekommen aufgrund eines Rufes an die Jacobs University und weil ich es so reizvoll fand, interdisziplinär am Jacobs Center für Lebenslanges Lernen und Institutionelle Entwicklung zu arbeiten. Damals bin ich aus Maastricht/Niederlande gekommen, vorher war ich lange in Berlin und Edmonton/Kanada. Aufgewachsen bin ich in Mexiko, Spanien und Göttingen.
     
  • Was schätzen Sie am Wissenschaftsstandort Bremen/Bremerhaven? Was hält Sie hier?
    Ich finde die Jacobs University mit ihren internationalen StudentInnen und MitarbeiterInnen sowie den kurzen Wegen zu sehr verschiedenen Disziplinen sehr reizvoll. Aber auch der Weg zu anderen Forschungseinrichtungen, Museen und verschiedenen Praxiseinrichtungen sowie Betrieben ist in Bremen kurz. Vor allem das internationale Leben und Arbeiten an der Jacobs University gibt mir immer wieder das Gefühl, wir hätten die Erdbevölkerung auf unserem kleinen Campus – mit ihren sehr unterschiedlichen Gruppen und alltäglichen Herausforderungen bei der globalisierten und internationalen Zusammenarbeit. Dass es bei uns immer wieder gelingt, die Herausforderungen zu meistern, gibt mir dann auch die Zuversicht, dass wir auch weltweit die Probleme in den Griff bekommen können. Das ist einzigartig und schätze ich sehr.
     
  • Fehlt Ihnen etwas?
    Als Wissenschaftlerin bin ich damit beschäftigt, Mittel für Forschungsprojekte einzuwerben. In meiner Arbeit erlebe ich es immer wieder als bereichernd, wenn Menschen aus verschiedenen Arbeitsbereichen und Forschungsdisziplinen zusammenarbeiten. Ich glaube, dass der Wissenschaftsstandort Bremen insgesamt noch Potential hat, diese interdisziplinäre Zusammenarbeit zu vertiefen und effektiver zu gestalten. 
     
  • Die Wege in Bremen sind kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?
    Ich nutze alles: Fahrrad, öffentliche Verkehrsmittel, Fußwege, Auto, Schiff – mit absteigender Häufigkeit.
     
  • Mit welchem Tier würden Sie die Bremer Wissenschaftsszene vergleichen?
    Ich würde den Tausendfüßler wählen. Er hat nicht nur ein Standbein, sondern viele. 
     
  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn?
    An meiner Habilitation zu arbeiten, während ich unter der Woche alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern war und den normalen Uni-Alltag mit Lehre und Prüfungen managen musste. Wenn dann noch ein Kind krank wurde, dann schien alles zusammenzubrechen. Und das eigentlich jede zweite Woche… Aber es hat doch alles geklappt.
     
  • Welche stehen Ihnen noch bevor?
    Ich merke in meiner Arbeit immer wieder, wie wichtig es ist, sich nicht entmutigen zu lassen, zum Beispiel, wenn ein Drittelmittelantrag nicht bewilligt wird. Dann gilt es: Weitermachen und immer wieder nach neuen Möglichkeiten suchen – das ist eine fortwährende Herausforderung beim wissenschaftlichen Arbeiten. Eine weitere ist es, trotz Zeitknappheit noch genug Zeit für die Dinge zu haben, die in der Forschung richtig Spaß machen. Hinzu kommt, dass ich an einer noch jungen Uni arbeite – und das in einem Land, in dem das Konzept der Privatuni nicht so etabliert ist wie in anderen Ländern. Das bringt ebenfalls vielfältige Herausforderungen mit sich.
     
  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?
    Nie vergessen, was mir Freude bringt und dafür Zeit einräumen. Ich halte viel von dem Grundsatz "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen". Leider bekommt das Vergnügen bei dieser Methode oft zu wenig Zeit ab. Eine Formel dafür zu entwickeln, wie mehr Zeit fürs Vergnügen bleibt, wäre ein echtes Vergnügen für mich. Schade, dass ich vorher noch so viel anderes erledigen muss…
     
  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?
    Dass ich MitarbeiterInnen nicht halten konnte: Seitdem versuche ich aufmerksamer zu sein und Frühwarnsignale wahr- und ernst zu nehmen sowie gegenzusteuern.
     
  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?
    Eine To-Do-Liste aufschreiben, um nicht ständig dran denken zu müssen, was noch erledigt werden muss; Zeit mit meinen Kindern genießen und dabei abschalten; mit anderen reden; Sport treiben; Schlafen.
     
  • Der/Die nächste NachwuchswissenschaftlerIn zieht nach Bremen. Wo sollte er/sie wohnen und mal hingehen?
    Kommt drauf an, in welcher Lebenssituation er/sie sich befindet. Ich finde mit Kindern ist es in Bremen-Nord perfekt zum Wohnen. Mehr los ist natürlich in Bremen Downtown, d.h. ausgehen kann man da am besten. Mein Geheimtipp zum abends weggehen ist erst ins El Presidente zum Essen und Cocktails trinken, dann ins Kito für eine Kabarett-Show und dann noch in eine Seglerkneipe oder in die Strandlust für einen Absacker – alles in Vegesack. Sehr begeistert bin ich aber auch von der Music Hall in Worpswede. Aber wirklich besonders für Bremen finde ich die Tradition der Kohltour: Das ist eine wirkliche Alternative zum abends „normal“ ausgehen und kann mindestens genau so viel Spaß machen mit KollegInnen oder FreundInnen. Man wandert, spielt lustige Spiele, trinkt vielleicht etwas und kann nach dem Kohlessen auch noch ausgelassen tanzen. Eine tolle Tradition in Bremen und umzu!
     
  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen bekannt machen wollen?
    Mit meinen Kollegen: z.B. Prof. Tobias Ten Brink als einen neueren Kollegen in Bremen, Prof. Matthias Ullrich, der schon lange hier ist, und Prof. Ottheim Herzog als Wisdom Professor und Emeritus der Uni Bremen – alle drei betreiben sehr zeitnahe und unterschiedliche Wissenschaft und sind spannende Menschen. Aber es gibt in Bremen noch viele andere. Vielleicht überlegen wir mal gemeinsam?

Steckbrief: Prof. Dr. Sonia Lippke

Geburtsjahr

1974


Fachbereich / Forschungsfeld

Department of Psychology and Methods, Focus Group Diversity/Jacobs Center of Lifelong Learning and Institutional Development (JCLL)/Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS) ; Gesundheitsförderung, Prävention, medizinische Rehabilitation, Gesundheitsverhaltensänderung, Selbstregulation (umgangssprachlich "Schweinehundeforschung"), Einsamkeit, Diversity Management


Aktuelle Position / Funktion

Lehrstuhl Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Jacobs University Bremen

 

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt

verschiedene Forschungsprojekte zu Gesundheitsverhaltensweisen und Erwerbstätigkeit im weiteren Sinne

 

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