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Wissenschaft persönlich: Prof. Dr. Juliana Keiko Sagawa

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft?  In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich WissenschaftlerInnen regelmäßig unseren Fragen - und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im September 2016 stand uns Prof. Dr. Juliana Keiko Sagawa Rede und Antwort. Die brasilianische Adjunct Professorin arbeitet als Gastwissenschaftlerin im Forschungsverbund LogDynamics in der Uni Bremen und am Bremer Institut für Produktion und Logistik GmbH (BIBA).

 

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin geworden wären?
    Wenn jemand mich das fragt, antworte ich immer: Wenn ich nicht Wissenschaftlerin in der Ingenieurwissenschaft wäre, wäre ich ... Wissenschaftlerin in der Ingenieurwissenschaft! Bevor ich das Abitur gemacht habe, ist es mir nicht leicht gefallen, den Fachbereich des Studiums zu wählen, weil ich auch Geschichte und Musik sehr mag. Ich wäre jedoch nie Anwältin oder Ärztin geworden. Heutzutage kann ich mir nicht vorstellen, etwas Anderes zu machen. Ich habe schon als Ingenieurin in einem privaten Unternehmen gerne gearbeitet und würde es wieder machen. Momentan aber bin ich mit meiner Arbeit sehr zufrieden.
     
  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?
    Ich bin begeistert (und stolz), wenn ich den Fortschritt meiner StudentenInnen sehe, wenn mir eine gute Idee einfällt, um ein Problem zu lösen - und natürlich wenn meine Arbeit anerkannt wird. 
     
  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den BesucherInnen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?
    Ich würde eine Visualisierung von Simulationsmodellen der Produktionsszenarien präsentieren. Es ist nicht so einfach, z.B. meiner Oma, zu erklären, was ein Wirtschaftsingenieur macht. Normalerweise bauen wir in diesem Fachbereich keine konkreten Gegenstände, so wie ein Bauingenieur ein Gebäude baut oder ein Chemiker eine neue Formel testet. Wir wenden Konzepte, Technik und Technologie an, um die Produktionsmethoden und Produktionsplanung zu verbessern. Das heißt, dass wir Effizienz und Effektivität der Produktionsprozesse suchen und dabei Menschen und Umwelt berücksichtigen. Das ist wichtig.
     
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?
    Wenn die Produktion effizienter ist, gibt es natürlich ökonomische Vorteile. Aber auf keinen Fall ist es das einzig wichtige Ergebnis. Dass viele Dinge, die wir im Alltag verwenden, auf Basis der Ingenieurswissenschaft entstehen, ist klar. Das Ziel ist immer, die Lebensqualität des Menschen zu verbessern. Aber der Leistungsindex sollte nicht immer ökonomisch sein.
     
  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Forschung von Fortschritt? Womit retten Sie die Welt?
    [lacht] Ich glaube, dass die Wirtschaftsingenieure die Welt nicht retten, oder? Heutzutage wird der Fortschritt der Forschung zunehmend anhand der Menge und Auswirkungen der Veröffentlichungen gemessen. Das ist wichtig, aber ich bin der Meinung, dass es nicht als das einzige und absolute Kriterium benutzt werden sollte. Einige können zu neuer und großer Erkenntnis kommen. Aber oft ist der Fortschritt der Wissenschaft schrittweise. Ich glaube, dass alle, die mit Ethik und Mühe arbeiten, nicht nur global z.B. durch Veröffentlichungen Positives bewirken, sondern auch in ihrem lokalen Umfeld: Es geht nicht um die globalen Tätigkeiten und Einflüsse, sondern auch um den lokalen Wirkungskreis. Es geht nicht nur um Wissenschaft, sondern auch um die Arbeit an sich. Wenn man diese Prinzipien anwendet, kann man diejenigen, mit denen man arbeitet und zu tun hat, positiv beeinflussen.
     
  • Verraten sie uns Ihr liebstes Forschungsinstrument?
    In diesem Fachbereich benutzt man meistens Simulationsmodelle, um das Produktionsverfahren zu analysieren und Fallstudienmethoden, um qualitative Phänomene in den Unternehmen zu beobachten.
     
  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Woher kamen Sie?
    Das ist eine lange Geschichte, nach der ich schon oft gefragt wurde. Zuerst habe ich einen Professor in Hannover kontaktiert, der jedoch schon in Rente war. Einige seiner Veröffentlichungen haben mich sehr interessiert. Er hat mir den Hinweis gegeben, dass Forschungsschwerpunkte in diesem Fachbereich an der Uni von Wisconsin-Madison (USA) und der Uni Bremen zu finden sind. Aber in den USA war ich schon gewesen. Ich habe herausgefunden, dass die Deutschsprachschule in Brasilien, die ich damals besucht hatte, ein Austauschprogramm mit einer Sprachschule hier in Bremen hat. Für mich war das ein positiver Zufall. Im Januar 2015 war ich dann für einen Monat in Bremen und hatte neben einem Deutsch-Intensivkurs auch eine Forschungsbesprechung im BIBA und mit jemandem vom Bremen Research Cluster for Dynamics in Logistics (LogDynamics) der Uni Bremen. Am Ende hat alles geklappt, und darüber freue ich mich sehr. 

    Ich komme aus Brasilien und liebe mein Land natürlich. Ich lebe sehr gerne dort. Es ist mir bewusst, dass mein Land und die Kultur Vorteile und Nachteile haben, Schwerpunkte und Schwachpunkte, wie alle anderen auch. Ich glaube, wenn man im Ausland ist und eine andere Kultur beobachtet, lernt man auch mehr über seine eigene Kultur.
     
  • Was schätzen Sie am Wissenschaftsstandort Bremen/Bremerhaven? Was hält Sie hier?
    Meine Ziele hier waren, neue Ideen zu haben, mit anderen Wissenschaftlern mein Forschungsthema zu diskutieren, um die Projekte weiterzuentwickeln und internationale Kooperationen zu initiieren. Das ist heutzutage entscheidend. Ich schätze diese Gelegenheit.
     
  • Fehlt Ihnen etwas?
    Am Wissenschaftsstandort oder in Bremen? Bezüglich der Arbeit, würde ich sagen: Es fehlt mir Zeit! Ich werde viele Projekte, die ich angefangen habe, nicht abschließen können. Das war aber auch der Plan, einige offen zu halten, um nächstes Jahr an ihnen zu arbeiten. Aber mein Aufenthalt in Bremen ist relativ kurz und die erste Hälfte ist schon vorbei. Also habe ich das Gefühl, dass die andere Hälfte noch kürzer sein wird. Bezüglich meines persönlichen Lebens vermisse ich meinen Mann, meine Familie und Freunde aus Brasilien, klar. Andererseits habe ich neue gute Freunde gefunden und viele gute Erfahrungen schon gesammelt. Das ist wunderbar! Dafür bin ich sehr dankbar.
     
  • Die Wege in Bremen sind kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?
    Am meisten mit dem Fahrrad oder mit der Straßenbahn, wenn das Wetter sehr schlecht ist. Meine Heimatstadt ist bergig, aber hier in Bremen klappt es sehr gut. Ich finde die Mobilität in Bremen sehr gut, und freue ich mich, dass ich nicht täglich Auto fahren muss wie in meiner Heimatstadt.
     
  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene in Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?
    Das ist eine schwierige Frage. Bremen ist schon sehr berühmt für seine vier Tiere, die Stadtmusikanten! Ich könnte auch an ein junges Tier denken, z.B. ein junges Fohlen, weil die Uni Bremen nicht so alt ist wie andere Universitäten in Deutschland, aber sehr viel Potential hat und dieses auch nutzt. Ich denke, gerade in den Bereichen, in denen man viel investiert, ist immer viel los.
     
  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn?
    Ich würde sagen, dass es die 3-Tage-Prüfung war, die ich machen musste, um mich um die Stelle als Professorin in Brasilien zu bewerben. Zwischen dem ersten und dem zweiten Tag habe ich gar nicht geschlafen, weil ich die Vorlesung vorbereiten musste. Ich habe sie durchgängig wiederholt. 
    Es hat geklappt, aber das war nur der Anfang! Ich weiß, dass die schwierigsten Herausforderungen noch kommen.
     
  • Welche stehen Ihnen noch bevor?
    Für eine junge Professorin wie mich ist es eine Herausforderung, eine konsequente Forschungslinie festzulegen und mit einer kleinen Gruppe von Studierenden sehr produktiv zu sein. Kooperation und Zusammenarbeit sind entscheidend. Der Anspruch des akademischen Lebens wird immer höher. Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung der wissenschaftlichen Laufbahn, die Balance zu finden. Das heißt, die Arbeit, die Familie, die Freizeit, die Spiritualität usw. ins Gleichgewicht zu bringen. Obwohl ich manchmal sehr rational bin, geht es im Leben nicht nur um Geist. Glück kann sehr unterschiedliche Ausprägungen haben; jeder definiert Glück anders. Ich würde mich nicht vollständig fühlen, wenn ich nicht alle diese Dimensionen berücksichtige.
     
  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?
    Ich würde zwei Sätze sagen, die vielleicht wie ein Klischee klingen. Der erste ist: „Die Arbeiten zu lieben und mit Liebe zu arbeiten.“ Daher versuche ich auch immer, mit Liebe zu arbeiten. Und natürlich ist es einfacher, wenn man seine Arbeit liebt. Der zweite wäre: „Arbeiten um zu leben, nicht leben, um zu arbeiten“. Meiner Meinung nach ist diese Balance wichtig.

    Es gibt ein kleines Gedicht von Ricardo Reis (i.e. Fernando Pessoa), das ich sehr mag:

    Para ser grande, sê inteiro: nada
    Teu exagera ou exclui.
    Sê todo em cada coisa. Põe quanto és
    No mínimo que fazes.
    Assim em cada lago a lua toda
    Brilha, porque alta vive.

    Es handelt von dieser Balance und versucht, dies dementsprechend in einer sehr ausgewogenen Weise darzustellen. Man soll auf alles, das man macht, alles, was einen ausmacht, Wert legen. Das heißt, sich Mühe zu geben und sorgfältig zu arbeiten. Andererseits habe ich auch gelernt, dass man glücklich sein kann, wenn man lernt, das „Tagesmenü des Lebens“ zu essen. Diese beiden sind meine Mottos.
     
  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?
    Aus gutem Feedback kann man immer lernen. Für mich wäre das z.B. mein letztes Paper, was stark kritisiert wurde, aber nach meiner Überarbeitung angenommen wurde. Man sollte die konstruktive Kritik herausziehen und nicht aufgeben.
     
  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?
    Beim Tennis oder Klavierspielen bekomme ich den Kopf wieder frei.
     
  • Der/Die nächste NachwuchswissenschaftlerIn zieht nach Bremen. Wo sollte er/sie wohnen und mal hingehen?
    Ich habe mich entschieden, nicht weit weg von der Arbeitsstelle zu leben. Das ist auf jeden Fall sehr praktisch. Für mich sieht Bremen kleiner aus, weil es hier eine gute Infrastruktur gibt (z.B. Mobilität). Und es ist auch nett, dass die kulturellen Optionen in Bremen sehr vielfältig sind. Die Schlachte hat mir sehr gefallen und besonders die Biergärten im Sommer. Und das Viertel in Bremen ist sehr schön. Meine Lieblingsorte sind der Bürgerpark und die Wallanlagen mit der Mühle. Ich gehe auch gerne ins Kunstfilmkino. Es gibt hier davon deutlich mehr als in meiner Heimatstadt. Die Glocke und das Theater in Bremen haben mir auch sehr gefallen. Hier habe ich den Begriff "das Wetter genießen" gelernt. Bei uns gibt es nicht so einen großen Unterschied zwischen Winter und Sommer. Ich finde es schön, dass die Leute hier das Wetter richtig genießen und schätzen, draußen zu sein. 
     
  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen bekannt machen wollen?
    Mit dem Roland. ;-) Früher war es ein Recht auf den freien Markt, heute ist ein sehr wichtiges Symbol der Freiheit allgemein für Bremen.

Steckbrief: Prof. Dr. Juliana Keiko Sagawa

Alter

32
 

Familienstand

verheiratet
 

Fachbereich / Forschungsfeld

Produktionstechnik/Wirtschaftsingenieurwesen und Forschungsverbund LogDynamics der Universität Bremens
 

Aktuelle Position / Funktion

Adjunct Professor der Federal University of Sao Carlos (Brasilien) / Gastwissenschaftlerin an der Uni Bremen.
 

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt

Modelierung der Produktionssysteme mit Bond-Graphen
 

Letzte Veröffentlichung

A closed-loop model of a multi-station and mulit-product manufacturing system using Bond Graphs und hybrid controllers, European Journal of Operational Research, 2016

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