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Wissenschaft persönlich: Dr. Volker Lohrmann

Ein Mann im Museum
Als Entomologe und Kurator am Übersee-Museum Bremen dreht sich bei Dr. Volker Lohrmann alles um Bienen, Wespen, Ameisen und ihren Verwandten.

Quelle: WFB/Ginter

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler*innen regelmäßig unseren Fragen und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im Juni 2020 stand uns Dr. Volker Lohrmann vom Übersee-Museum Bremen Rede und Antwort. Was der Experte für Entomologie am Wissenschaftsstandort Bremen schätzt, warum das Mikroskop sein liebstes Forschungsinstrument ist, warum er die Bremer Wissenschaft mit einem Oktopus vergleicht oder welche Momente bisher für Begeisterung bei ihm gesorgt haben, erfahrt ihr hier im Interview!

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler geworden wären?
    Wahrscheinlich hätte ich vor dem Studium einen Beruf ergriffen, in dem man deutlich mehr mit den Händen arbeiten muss. Ich wollte lange Zeit gerne Tischler oder auch Zimmermann werden, ebenso aber auch Architekt. Andere Wohnformen zu entwickeln, würde mir durchaus immer noch gefallen. Hier im Museum fasziniert mich die Arbeit der Präparatoren. Aus heutiger Sicht wäre ein mit vielen Büchern und Tageszeitungen ausgestattetes eigenes Fahrradreparatur-Café aber auch vorstellbar – vorausgesetzt natürlich, ich hätte das nötige Kleingeld.
  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?
    Wenn ich am Mikroskop sitze und beim Bestimmen von Wespen feststelle, dass ich eine bislang unentdeckte Art gefunden habe, dann ist das, auch wenn es durchaus regelmäßig vorkommt, jedes Mal wieder ein besonderer Moment. Wenn sich diese Wespe zudem in 100 Millionen Jahre altem Bernstein befindet, dann ist die Überlegung, was diese wohl für Geschichten erzählen könnte, schon sehr faszinierend.
    Und auch wenn es sehr selten vorkommt, so sind die Sammel- und Forschungsreisen jedes Mal ein definitives Highlight. Die Möglichkeit Gegenden, wie die Wüsten Arizonas, zu bereisen und dabei die faszinierende Vielfalt des Lebens mit den eigenen Augen zu sehen, zum Beispiel den Kampf einer Vogelspinne mit einer Wegwespe, ist durch keine Museumssammlung der Welt zu ersetzen. Ich bin ja nicht Biologe geworden, um "nur" in der Sammlung zu sitzen.
  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besuchern erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?
    Ich würde in einem Gewusel aus Insektenkästen, einem Mikroskop, Insektenfangnetzen und Bernsteinproben sitzen. Über mir, quasi als Teaser, verschiedene große Science-Fiction- bzw. Fantasy-Figuren, wie zum Beispiel das Alien, und eine Zeitmaschine. Das Gewusel des Standes stünde für die Vielfalt des Lebens, das Alien als Sinnbild für die faszinierenden Lebenszyklen vieler Insektenarten, die eine teilweise ähnliche Biologie aufweisen, und die Zeitmaschine schließlich für den Bernstein, den ich auch untersuche.
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?
    Meine taxonomische Forschung trägt zur Erfassung der weltweiten Vielfalt des Lebens bei. Erst die Erfassung der Organismen ermöglicht es uns, nachhaltigen Naturschutz zu betreiben – denn: Man kann nur schützen, was man kennt.
    Wir erleben gerade das sechste große Massenaussterbeereignis der Erdgeschichte. Jedes Jahr sterben tausende von Organismenarten unwiederbringlich aus. Und das häufig sogar ohne das wir als Mensch Notiz davon nehmen, da wir bislang gar nicht alle Organismen auf unserem Planeten kennen. Das ist aber elementar, da wir als Mensch Teil des Netzwerks des Lebens sind und von diesem abhängen. Da gibt es also viel Aufklärungsarbeit zu leisten, weshalb es ein wichtiger Teil meiner (Vermittlungs-)Arbeit im Museum ist, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen.
  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?
    Fortschritt definiert sich für mich ganz einfach als Erkenntnisgewinn. Dieser muss nicht immer fachlicher Natur sein, sondern kann auch bei der Arbeit im Zwischenmenschlichen liegen.
    Die Welt rette ich, in dem ich einerseits meinen Teil zur Erfassung der Vielfalt des Lebens beitrage und andererseits, indem ich versuche, Kinder (und auch Erwachsene) für Insekten bzw. die Natur im allgemeinen und die Zusammenhänge zu begeistern. Wenn es mir gelingt, dass meine Begeisterung überspringt und Kinder mit glänzenden Augen vor mir stehen, dann habe ich das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben.
  • Verraten sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?
    Das Mikroskop! Beim Eintauchen in die Oberflächen und Strukturen kleinster Lebewesen kann man schon mal schnell vergessen, dass die Tiere nicht in Wirklichkeit so groß sind, wie sie mir gerade dann erscheinen. Da stellt sich dann auch gar nicht mehr die Frage, wie die Science-Fiction- und Fantasy-Autoren auf ihre Aliens und sonstigen Kreaturen so gekommen sind. Die Vorbilder sind ja alle da.
  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?
    Ursprünglich komme ich aus Schleswig-Holstein. Ich habe in Mainz und Berlin Biologie studiert. Nach dem Studium bin ich dann für ein wissenschaftliches Volontariat nach Karlsruhe gegangen, um anschließend für die Promotionszeit zurück nach Berlin zu wechseln. Meine jetzige Anstellung als Kurator der Insektensammlung war es, die mich 2013 nach Bremen brachte.
  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?
    Eine unbefristete Anstellung als Kurator in einem größeren Museum war definitiv einer meiner ersten Berufswünsche nach dem Studium. Da waren die Stadt bzw. das Land zugegebenermaßen eher zweitrangig.
    Aber das Übersee-Museum ist ein schöner Ort zum Arbeiten, der es mir erlaubt, von den unterschiedlichen Kolleg*innen in Natur-, Völker- und Handelskunde täglich hinzuzulernen. Und die Möglichkeit, mich auf sehr unterschiedliche Art ins Haus einzubringen und dabei nicht auf die Ausstellungs- oder Forschungsarbeit reduziert zu werden, kommt mir derzeit sehr entgegen.
    Und wo wir nun schon einmal eher zufällig in Bremen gelandet sind, ist es nach fast sieben Jahren nicht unerheblich, dass mein Sohn hier mittlerweile eingeschult und ein Stück weit auch verwurzelt ist.
  • Fehlt Ihnen etwas?
    Ich bin in einem Museum "herangewachsen", in dem der Besuch internationaler Wissenschaftler in den Sammlungen zum täglichen Brotgeschäft dazugehört. Zudem war ich es gewohnt, eine viel größere Zahl von Fachkollegen (Biologen und Paläontologen) um mich herum zu wissen. Diese Möglichkeit des persönlichen, fachlichen Austauschs, gerne auch mal am Mittagstisch oder bei einem Kaffee zwischendurch, fehlt mir hier ein wenig.
  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?
    Abgesehen von meiner Kindheit und Jugend habe ich zum Glück noch nie so gewohnt, dass ich ein Auto gebraucht hätte. Schon in Berlin war ich es gewohnt, die Strecke von 10 km zum Museum mit dem Fahrrad zurückzulegen. Daran hat sich hier in Bremen nichts geändert. In Ausnahmefällen greife ich auf ein Car-Sharing-Angebot zurück.
  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?
    Aus biologischer Sicht käme vielleicht ein Oktopus in Frage… mit dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, dem Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT), der Universität Bremen, der Hochschule Bremen und dem Übersee-Museum ist schon eine ungewöhnlich vielarmige biologische Fachkompetenz in der Stadt Bremen vorhanden. Hinzu kommt ja noch das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.
  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?
    Als Nachwuchswissenschaftler geriet ich noch in meiner Berliner Zeit mit einem gestandenen Professor meines Fachgebiets aneinander, da meine auf einer Tagung präsentierten Daten nicht der "gängigen" Meinung entsprachen. Hier war es sehr beruhigend, die direkte Unterstützung der engeren Kolleg*innen und der eigenen Institutsleitung zu erfahren. Dafür bin ich noch immer sehr dankbar.
  • Welche stehen Ihnen noch bevor?
    Die zwischenmenschlichen Herausforderungen sind erfahrungsgemäß immer die größten. Daran wird sich wohl auch in Zukunft kaum was ändern.
  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?
    Nein! Ich weiß, dass ich auf dem Weg bisher eine große Portion Glück gehabt habe und wohlwollende Betreuer*innen/Arbeitsgruppenleiter*innen, die mir eine Menge Freiheit gelassen haben, mich relativ frei zu entfalten und meiner eigenen Begeisterung zu folgen. Dass ich neben meiner Begeisterungsfähigkeit, eine Menge Geduld, Ausdauer und Flexibilität mitgebracht habe, war dann sicherlich in vielen Momenten sehr hilfreich, wie auch das Wissen, dass man sich jederzeit anders entscheiden kann.
  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?
    Fehler zu machen, gehört zum Leben dazu. Auch wenn diese größerer Natur gewesen sind, würde ich dies nicht als scheitern bezeichnen. Wichtig ist es doch, dass man versucht daraus zu lernen und das habe ich bislang, glaube ich, bei jedem Fehler hinbekommen… mal mehr, mal weniger. Wenn man das schafft, dann liegt in jedem "Scheitern" immer auch ein Gewinn.
  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?
    Im Museum finde ich es sehr befreiend, wenn ich mich für ein paar Stunden ans Mikroskop setze – das kommt ja nun mal nicht täglich vor.
    Außerhalb der Arbeit ist es vor allem die Zeit mit meiner Familie, die mir hilft, abzuschalten. Ein längerer naturnaher Urlaub, ohne Telefon oder E-Mails, dafür mit ein paar guten Büchern an Bord, hilft natürlich auch immer.
  • Der/Die nächste Nachwuchswissenschaftler/in zieht nach Bremen. Was würden Sie ihm/ihr raten, wo er/sie wohnen und abends weggehen soll?
    Auf jeden Topf passt ein Deckel… und den sollte jede/r selbst für sich ausprobieren. Also entweder vorher einmal nach Bremen kommen und die Stadt für ein paar Tage erkunden oder einfach mit dem Umzug ins kalte Wasser springen und danach einen weiteren Umzug zur "Korrektur" in Kauf nehmen – das muss ja nicht immer gleich im Nachhinein als Fehler gewertet werden. Mit den Empfehlungen ist das immer so eine Sache, denn die können, wenn auch ungewollt, sehr einschränkend sein. Ich persönlich fühle mich, auch mit meiner Familie, in Findorff sehr gut aufgehoben, aber das muss ja nicht für alle gelten. Bremen ist jedenfalls bunt genug, dass sich für jeden etwas finden sollte.
  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?
    Mit dem Wochenmarkt in Findorff.
  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer/m Bremer/in oder Bremerhavener/in tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?
    Mein Leben in Gänze möchte ich nicht auch nur für einen Tag tauschen. Aber ich würde tatsächlich gerne wissen, wie es wäre, mal für einen Tag lang ein Instrument (zum Beispiel Klavier) spielen zu können, ein Handwerk wirklich zu beherrschen oder vier bis fünf Sprachen fließend zu sprechen.
Ein Mann im Museumsarchiv

Quelle: WFB/Ginter

Dr. Volker Lohrmann

Geburtsjahr
1981

Fachbereich / Forschungsfeld
Entomologie (Insektenkunde), Biodiversitäts- und Evolutionsforschung

Aktuelle Position / Funktion
Sachgebietsleiter/Kurator Entomologie am Übersee-Museum Bremen

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Taxonomie und Systematik der Hymenoptera (Bienen, Wespen, Ameisen und Verwandte)

Familienstand
verheiratet, ein Kind

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