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Wissenschaft Persönlich: Dr. Diethelm Knauf

Dr. Diethelm Knauf mit einem dicken Buch im Garten
Migrationsgeschichte ist seine Leidenschaft: Dr. Diethelm Knauf über Deutschland als Einwanderungsland, seine größte Herausforderung und sein liebstes Arbeitsinstrument

Quelle: WFB/Ginter

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich WissenschaftlerInnen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im Juli 2019 stand uns Dr. Diethelm Knauf Rede und Antwort. Was bei ihm eine geradezu detektivische Freude auslöst und wie er Auswanderungen an seinem Freimarktstand darstellen würde, erzählt der Retner und Dozent in der Weiterbildung an der Universität Bremen im Interview.

 

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler/in bzw. Wissenschaftskommunikator/in geworden wären?
    Musiker (leider reichte das Talent nicht und das Sicherheitsdenken spielte eine zu große Rolle).
     
  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?
    Historische Bildung finde ich extrem wichtig. Ich freue mich, wenn es mir gelingt, meine Gedanken und mein Anliegen meinen Zuhörern so nahe zu bringen, dass sie sich mit dem beschäftigen, was ich sage und schreibe. Originelle Gedanken und neue Erkenntnisse meiner wissenschaftlichen Forschung an andere weiterzugeben, betrachte ich als vornehme Aufgabe, Wissenschaft ist nichts ohne ihre Vermittlung.
     
  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besuchern erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?
    Vor vielen Jahren einmal habe ich mit meinem Kollegen Wolfgang Grams auf einer Wirtschaftsmesse in Atlanta eine historische Szene nachgestellt, in der Auswandereragenten in einem hessischen Dorf Bauern für die Auswanderung gewinnen wollten. Dabei setzten wir historische Kostüme, Requisiten, Fotos und Dokumente ein. So etwas Ähnliches könnte ich mir auch für den Freimarkt vorstellen.
     
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?
    Migration ist eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen der Gegenwart und wird es auch in Zukunft sein. Ich bin sicher, dass der Blick in die Geschichte der Migration Erkenntnisse bringen kann, wie wir heute mit Migration und Integration umgehen sollten.
     
  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?
    Die Welt wollte ich retten, als ich 20 Jahre alt war. Heute freue ich mich an deutlich weniger: Einsichten und neue Erkenntnisse zu vermitteln; meine Gedankengänge einer fruchtbaren und produktiven Auseinandersetzung zuzuführen. Allerdings ist es im Sinne von Geschichtspolitik auch wichtig, dass Erkenntnisse der historischen Forschung in politisches Handeln der Gegenwart einfließen. Heute können wir uns beispielsweise unverstellter der Debatte widmen, wie wir damit umgehen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und wie wir Einwanderung gestalten wollen. Unumgänglich scheint mir auch eine Diskussion darüber zu sein, was "deutsche" Identität eigentlich ist.
     
  • Verraten sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?
    Am liebsten arbeite ich mit historischen Fotos und Filmen. Mir bereitet es eine geradezu detektivische Freude, herauszufinden, was auf visuellen Dokumenten alles zu finden ist und wie sich der Standpunkt des Produzenten in der Bildkomposition niederschlägt. Immer noch gilt es, visuelle Quellen als gleichrangig mit solchen schriftlicher Art in der Rekonstruktion von Geschichte zu etablieren. Das ist mir ein großes Anliegen.
     
  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?
    Ich bin in der Nähe von Kassel groß geworden, habe in Marburg und Leeds studiert, in Hamburg mein Lehrerreferendariat absolviert. Nach Bremen ging ich aus beruflichen und privaten Gründen. Für mich hatte Bremen seit meiner Jugend einen sehr guten Ruf, was zunächst am Beat Club lag, der die Beat Musik und Jugendkultur der 1960er Jahre bis ins letzte hessische Dorf brachte. Während meines Studiums stießen die Forschungen der Bremer Anglisten und Amerikanisten Thomas Metscher, Dieter Herms, Ian Watson unter anderem auf sehr großes Interesse, wurden hier doch bisher wenig beachtete Bereiche der englischsprachigen Kulturen, etwa die Literatur der Arbeiterbewegung, der Chicanos, der industrial folk song, die Zweite Kultur, gebührend wertgeschätzt.
     
  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?
    Bremen verbindet auf sehr angenehme Art und Weise Kultur und Natur. Hier gibt es eine beachtenswerte Tradition in der Migrationsforschung und ein offenes Diskussionsklima.
     
  • Fehlt Ihnen etwas?
    Mehr Sonne und besseres Wetter.
     
  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?
    Mit dem Fahrrad.
     
  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?
    Die Raben Odins, Hugin und Munin. Sie stehen für "Denken" und "Erinnern", Paradigmen die gerade die historische Forschung als ein dem Humanismus verpflichtetes Ideal wertschätzen sollten.
     
  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?
    Das Landesfilmarchiv aufzubauen, Filmdokumente zu finden und sie in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, war eine herausfordernde, spannende, lohnende und Freude bringende Tätigkeit.
     
  • Welche stehen Ihnen noch bevor?
    Als Rentner genieße ich es, jetzt relativ frei entscheiden zu können, welche Aufgaben ich angehen möchte und welche nicht. Diese Freiheit und Selbstbestimmung sind für mich ein hohes Gut. Zurzeit widme ich mich vor allem der Geschichte von Bremer Stadtteilen, etwa Arbergen und Peterswerder.
     
  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?
    Nein.
     
  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?'
    Mir war die inhaltliche Arbeit immer sehr wichtig. Wenn ich gemerkt habe, dass ich meine inhaltlichen Anliegen nicht kommunizieren konnte, in Vorträgen, Artikeln, Publikationen, dann gab das Anlass zu fragen, warum mir das nicht gelungen ist und was zu verändern ist, um diese Ziele zu erreichen. Eine ständige Reflektion kritischer Resonanz gehört für mich zu meiner Berufsauffassung, aber das ist nicht "Scheitern" im eigentlichen Sinne.
     
  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?
    Eine Runde Fahrrad fahren Kuhsiel – Dammsiel. John Coltrane hören.
     
  • Der/Die nächste Nachwuchswissenschaftler/in zieht nach Bremen. Was würden Sie ihm/ihr raten, wo er/sie wohnen und abends weggehen soll?
    Als junger Mensch habe ich im Steintor gewohnt, das war schon klasse. Jetzt in Schwachhausen ist es auch nicht schlecht – anders halt. Und was das Ausgehen angeht: Da liegt doch ein großer Reiz darin, selber herauszufinden, wo was abgeht und was einem gefällt.
     
  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?
    Mit meinem Freund und Kollegen Ian Watson, der Fußballfan ist, Musik und Literatur liebt und einen irischen Blick auf Bremen hat.
     
  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer/m Bremer/in oder Bremerhavener/in tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?
    Loriot.
Dr. Diethelm Knauf mit einem dicken Buch im Garten

Quelle: WFB/Ginter

Steckbrief: Dr. Diethelm Knauf

Fachbereich / Forschungsfeld
Migrationsgeschichte, Regionalgeschichte, Geschichte und Film


Aktuelle Position / Funktion
Rentner, Dozent in der Weiterbildung,


Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Stadtteilgeschichte Arbergen, Migration gestern und heute
 

Geburtsjahr
1952


Familienstand
verheiratet, ein Kind

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