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Wissenschaft persönlich: Dr. Alice Lefebvre

Wissenschaftlerin Dr. Alice Lefebvre steht im Flur des Marum-Gebäudes
Dr. Alice Lefebvre ist am MARUM – Zen­trum für Ma­ri­ne Umweltwissen­schaf­ten der Universität Bremen wissenschaftliche Mitarbeiterin in Forschung und Lehre. Aktuell forscht sie als Postdoc im Exzellenzcluster "Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde".

Quelle: WFB/Ginter

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:Innen und Wissenschaftskommunikator:Innen regelmäßig unseren Fragen und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im Januar 2021 stand uns Dr. Alice Lefebvre vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen Rede und Antwort. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin erforscht sie im Postdoc Küstendynamiken. Durch ihre Lehrtätigkeit an der Universität Bremen führt sie Studierende zudem an den Klimawandel und dessen Auswirkungen insbesondere auf Küsten heran. Daneben ist sie eine von drei Frauenbeauftragten am MARUM.

Warum wir Sand mehr Beachtung schenken sollten, was Alice Lefebvre am meisten in Bremen vermisst und was "Stadtmusikanten" der besonderen Art mit der Wissenschaft in Bremen und Bremerhaven zu tun haben, erfahrt ihr hier im Interview!

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin geworden wären?

Ich glaube, ich wäre eine MINT-Lehrerin geworden. Mir gefällt die Interaktion mit Studierenden und Schüler*innen sehr gut. Ich vermittle gerne meine Liebe zur Wissenschaft und freue mich darüber, Interesse an diesem Thema zu wecken.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Natürlich fühlt es sich sehr gut an, wenn ein wissenschaftlicher Artikel zur Veröffentlichung angenommen oder ein Projekt finanziert wird. Aber diese Momente sind sehr selten. Was mir in der täglichen Arbeit wirklich gefällt, ist die Lösung eines Geheimnisses. Ich bekomme eine Vorstellung davon, wie die Dinge funktionieren könnten. Ich schaue in meine Daten und es fühlt sich toll an, wenn die Daten etwas Interessantes zeigen – auch wenn es nicht genau das ist, was ich erwartet habe.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besuchern erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Ich hätte gerne mehrere Strömungskanäle, um die Grundlagen des Sedimenttransports zu demonstrieren. Diese sehen aus wie große Aquarien – mit Sandboden und Wasser, aber ohne Fische! Einer von diesen Strömungskanälen kann einen Strand darstellen. Ein großes Paddel am Rand erzeugt künstliche Wellen, deren Größe verändert werden kann. Solange die Wellen klein sind, entstehen auf dem "Meeresboden“ kleine, schöne Dünen. Bei zunehmender Größe der Wellen, wie bei Stürmen, bewegt sich der Sand mehr und die Unterwasser-Dünen werden immer größer, bis sie schließlich verschwinden. Wenn man nun auch die Küste simuliert, kann man gut verstehen, wie Salzwiesen und Mangroven zum Küstenschutz beitragen können. Mit einem weiteren Strömungskanal, also Aquarium, könnte gezeigt werden, wie Flüsse Sand ins Meer transportieren, dabei Flussmäander bilden und den Sand im Meer ablagern, um große Deltas zu bilden.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Meine Arbeit hilft zu verstehen, wie das Wasser und der Sand an der Küste zusammenwirken und so Küstenlandschaften entstehen. Es ist aus vielen Gründen wichtig, dies zu erforschen, vor allem für den Küstenschutz. Das Projekt, das ich gerade abschließe, befasst sich mit den großen Dünen am Fluss- und Meeresgrund, wie sie sich bewegen und mit dem Wasser über ihnen interagieren. Ich betrachte zum Beispiel gerade die Dünen in der Weser, die zwischen Bremen und Bremerhaven sehr häufig vorkommen! Diese Dünen können 1 bis 3 Meter hoch sein, daher ist es für eine sichere Navigation in der Schifffahrt wichtig, ihre Dynamik zu verstehen.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Ich schreibe wissenschaftliche Artikel, die von Ingenieuren und Behörden für ein besseres Management der Küstenzone genutzt werden können. In meiner Lehrtätigkeit engagiere ich mich zudem sehr dafür, die Studierenden für den Klimawandel und seine Auswirkungen zu sensibilisieren. Durch den Klimawandel und den damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels sind besonders die Küsten gefährdet, also genau mein Fachgebiet. Ich versuche ihnen auch bewusst zu machen, wie der Mensch unseren Planeten durch den rücksichtslosen Umgang mit Ressourcen verändert. So ist beispielsweise Sand eine der wichtigsten Ressourcen der modernen Gesellschaft, da Beton (und andere Materialien) aus ihm hergestellt werden. Und obwohl schon ganze Strände verschwunden sind, wird dem Sand bisher kaum Beachtung geschenkt.

  • Verraten sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

In der Vergangenheit habe ich viel mit Daten gearbeitet, die während Schiffsexpeditionen oder in Strömungskanälen gesammelt wurden. Jetzt ergänze ich die Dinge, die ich aus diesen physikalischen Daten gelernt habe, durch numerische Modellierung. Hierbei errechnet ein Computer, wie das Wasser über Dünen fließt. Es gefällt mir, dass ich verschiedene Methoden anwenden kann, um ein und dasselbe Problem zu untersuchen. Im Wesentlichen verbringe ich nur relativ wenig Zeit damit, eine Menge Daten zu sammeln (während einer Schiffsexpeditionen, im Labor oder mit einem numerischen Modell). Dafür verbringe ich dann sehr viel Zeit damit, zu versuchen, diese große Datenmenge zu entschlüsseln und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Ich habe in Bordeaux, im Südwesten Frankreichs, Geologie und Ozeanographie studiert. Während meines Masterstudiums ging ich als Erasmus-Studentin nach Southampton, im Vereinigten Königreich, und blieb dort, um meine Doktorarbeit zu machen. Nachdem ich meine Dissertation verteidigt hatte, wollte ich mir eine Stelle an einem sonnigen Ort suchen, vielleicht in Australien, denn dort wird auch viel Küstenforschung betrieben. Ich wollte ein neues Land kennen lernen und ich hatte das graue, milde englische Wetter satt. Dann wurde mir eine Stelle am MARUM im Exzellenzcluster angeboten. Das war eine zu gute Gelegenheit, um sie zu verpassen, wenn man die großartigen Forschungsbedingungen am MARUM bedenkt. Also kam ich an einem grauen und kalten 3. Oktober vor 11 Jahren nach Bremen. Ich dachte, ich würde einfach meine zweijährige Postdoc-Zeit absolvieren und dann eine Stelle in Frankreich finden. Aber ich bin geblieben. Bremen ist eine wunderbare Stadt, grün und dynamisch. Auch das Forschungsumfeld ist großartig, daher bin ich sehr glücklich, hier geblieben zu sein.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Das MARUM ist eines der führenden Institute für Meeresumweltforschung, daher ist es eine große Chance, hier arbeiten zu können. Ich schätze zudem die Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft durch die Förderung von Einzelprojekten. Die Universität Bremen ist eine junge, unhierarchische Universität, die mir sehr gefällt.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Die langen Sandstrände der südfranzösischen Atlantikküste, mit ihren großen Wellen und warmem Wetter!! Und natürlich vermisse ich auch meine Familie, besonders jetzt in der Corona-Zeit ist es schwer, weit weg zu leben.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Ich fahre immer mit dem Fahrrad. In den letzten 3 Jahren bin ich mit meinen 3 Kindern hin und her gefahren, zwei im Anhänger und eins mit mir auf dem Fahrrad. Jetzt ist mein Größtes in der Schule, also fahre ich nur noch zwei Kinder herum, es fühlt sich so leicht an!

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Natürlich kennen alle hier die Geschichte der Stadtmusikanten. Ich habe 5 Jahre für die Graduiertenschule GLOMAR gearbeitet. Jedes Jahr wurde eine Doktoranden-Tagung organisiert. Das Logo zeigt die Stadtmusikanten, aber mit einem Delphin statt eines Esels. Ich finde das repräsentiert Bremen für mich, die historische Grundlage mit einem starken marinen Thema.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Meinen Wunsch nach einer Karriere mit dem Wunsch nach einer großen Familie zu verbinden. Ich hatte das Glück, drei Kinder in drei Jahren zu bekommen, genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber es war dementsprechend schwer, weiter zu arbeiten als ich für lange Zeit kaum Schlaf bekam. Ich war auch sehr frustriert, dass ich zu Hause bleiben musste, wenn sie krank waren und ich viel Arbeit zu erledigen hatte. Aber natürlich ist es unsere Priorität, uns um die Kinder zu kümmern. Mein Partner ist auch sehr unterstützend und wir teilen uns die Erziehungsaufgaben sehr gut auf. Dennoch ist es sehr schwierig, genügend Zeit für meine Karriere und meine Familie zu haben.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Jetzt besteht meine größte Herausforderung immer noch darin, eine feste Stelle zu bekommen. Ich würde sagen, dass die Arbeitsplatzunsicherheit die größte Kehrseite einer akademischen Laufbahn ist.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Es ist wichtig, neugierig und interessiert an allem zu bleiben, nicht nur an der sehr kleinen Sache, die wir im Moment erforschen.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Wenn ein Forschungsantrag abgelehnt wird. Es ist hart, aber die Gutachten des Antrags tragen dazu bei, ihn im nächsten Anlauf besser und relevanter zu machen.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Zweimal pro Woche gehe ich in meiner Mittagspause laufen. Die Universität ist dafür ideal gelegen, und ich liebe es, im Blockland oder im Bürgerpark zu laufen.

  • Der/Die nächste Nachwuchswissenschaftler/in zieht nach Bremen. Was würden Sie ihm/ihr raten, wo er/sie wohnen und abends weggehen soll?

Natürlich sind das Viertel und seine Umgebung ein großartiger Ort für junge Leute, die nach Bremen ziehen. Ich würde auch empfehlen, in eine WG zu ziehen. Es hat mir sehr geholfen, die deutsche Kultur besser zu verstehen und mich in Bremen schnell einzuleben.

  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Ich würde sagen, es ist wichtig, ein erweitertes Netzwerk aufzubauen. Am MARUM haben wir viele Kooperationen mit Fachbereichen der Universität und anderen Instituten in Bremen und Bremerhaven. Es ist gut, zu allen Veranstaltungen zu kommen, bei denen eine Vernetzung möglich ist, um viele Kolleg*innen kennen zu lernen.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer/m Bremer/in oder Bremerhavener/in tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Die Erzieher*innen aus unserer Kita. Ich würde gerne sehen, wie es sich anfühlt, sich den ganzen Tag lang um 20 laute und aktive Kinder zu kümmern. Ich habe große Bewunderung für die Arbeit, die sie leisten. Ich liebe die Ruhe in meinem Büro!

Wissenschaftlerin Dr. Alice Lefebvre steht vor einer Wand

Quelle: WFB/Ginter

Dr. Alice Lefebvre

Geburtsjahr

1982

Fachbereich / Forschungsfeld

MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen / Küstendynamik

Aktuelle Position / Funktion

Postdoc, wissenschaftliche Mitarbeiterin in Forschung und Lehre und eine von drei Frauenbeauftragte am MARUM

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt

Postdoc im Exzellenzcluster "Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde"

Familienstand

Partner und drei Kinder

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