Wissenschaft persönlich: Prof. Dr. Dr. h.c. Alexis Papathanassis

Porf. Dr. Dr. hc Papathanassis in der Hochschule Bremerhaven
Prof. Dr. Dr. h.c. Alexis Papathanassis ist Professor für Seetouristik und Touristik sowie Rektor der Hochschule Bremerhaven. Aktuell beschäftigt er sich mit der Anwendung und Akzeptanz von Smart-Technologien im Tourismus und auf Kreuzfahrtschiffen sowie mit empirischer Forschung über touristisches (Fehl-)Verhalten.

Quelle: WFB/Jonas Ginter

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im September stand uns Prof. Dr. Dr. h.c. Alexis Papathanassis, Professor für (See-)Tourisik an der Hochschule Bremerhaven, Rede und Antwort. Der gebürtige Grieche ist auf der Insel Rhodos geboren und aufgewachsen. In Deutschland hat es ihn abermals ans Wasser gezogen - und zwar nach Bremerhaven.

Welche Highlights ihn an seinem Job begeistern, was er am Land Bremen als Wissenschaftsstandort besonders schätzt und welche seine bisher größten beruflichen Herausforderungen waren, erfahrt ihr hier bei "Wissenschaft persönlich":

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler geworden wären?

Eigentlich war es mehr oder weniger ein Experiment, ein Wissenschaftler zu werden. Ich hatte mich auf eine klassische Konzernkarriere in einem Tourismusunternehmen spezialisiert und diese auch verfolgt. Als ich bei meinem Arbeitgeber die gläserne Decke im Topmanagement erreicht hatte, beschloss ich, meinen Marktwert zu testen und bewarb mich auf verschiedene Stellen. Eine davon war die Hochschule Bremerhaven. Da ich damals 29 Jahre alt war und nicht allzu viel zu befürchten hatte, beschloss ich, es zu versuchen. Ich habe den Beruf und die Hochschule seither geliebt. Wenn ich den Beruf aufgeben würde, würde ich wahrscheinlich wieder für ein Tourismus- oder Kreuzfahrtunternehmen arbeiten.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Ich bin dankbar für die Freiheit und Autonomie, die mir mein Beruf bietet. Sie ist ein Privileg und eine große Verantwortung zugleich, denn sie ist Ausdruck des Vertrauens und der Hoffnungen, die die Gesellschaft in meinen Beruf setzt. Es gibt so viele Ereignisse und Momente, die mich begeistern, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich schätze, die typischen Highlights für mich sind: die erste Vorlesung mit den Erstsemestern nach der Sommerpause, die Veröffentlichung eines Artikels in einer Peer Reviewed Journal, die Absolventenfeier und das strahlende Lächeln meiner ehemaligen Studierenden, wenn wir uns Jahre später auf der Straße treffen.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Mein Stand hätte einen Roboter, einen Computer mit einem EEG-Headset, einen großen Bildschirm und zwei Stühle. Ich würde die Leute bitten, Platz zu nehmen und ihnen verschiedene Technologien und Anwendungen vorstellen und sie einladen, mit ihnen zu interagieren und ihre Gedanken und Fragen mit mir zu teilen. Dann würde ich sie bitten, eine Umfrage über ihre Erfahrungen und Eindrücke auszufüllen, und anschließend würde ich ihnen die gesammelten Ergebnisse präsentieren. Dann würden wir uns eine Minute Zeit nehmen, um die Auswirkungen auf die Zukunft des Urlaubserlebnisses zu diskutieren.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Der Tourismus macht einen sehr bedeutenden Teil der weltweiten Wirtschaftstätigkeit aus und ist ein allgegenwärtiges Phänomen, das das Wohlergehen verschiedener Gemeinschaften und Ökosysteme beeinflusst. Selbst kleine Verbesserungen und Veränderungen in einem solchen Kontext können eine erhebliche kumulative Wirkung haben. In einer meiner jüngsten Studien habe ich beispielsweise herausgefunden, dass eine Verlängerung der Liegezeit eines Kreuzfahrtschiffes um 10 % mit einem Anstieg der Besucherausgaben im Hafen um 2,4 % einhergeht. Dies deutet darauf hin, dass einige, kleinere Kreuzfahrthäfen gut beraten sind, sich auf kleine Kreuzfahrten zu orientieren und Anreize für längere Aufenthalte zu schaffen, anstatt riesige Summen zu investieren, um ein paar Megaschiffe unterzubringen. Diese Art der Schwerpunktverlagerung ist nicht nur aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, sondern führt auch zu einer Aufwertung des gesamten Freizeitangebots am Reiseziel, was auch für die Einwohner:innen von Vorteil ist. Ein fundierteres Wissen über die Sichtweisen und das Verhalten von Resienden kann zu wirksameren Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen beitragen und letztendlich Tausende von Menschenleben retten.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Wenn man davon ausgeht, dass die Welt gerettet werden soll, kann das nicht das Werk einer einzelnen Person sein. Mein Ziel ist es, einen kleinen Teil dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem ich das menschliche Verhalten in einem Freizeitkontext verstehe und Lösungen und Verbesserungen für das Tourismussystem vorschlage. Kleine Fortschritte und Optimierungen haben eine spürbare reale Wirkung. So leisten wir einen Beitrag zu einer besseren Welt, einen kleinen Schritt für den nächsten, Tag für Tag.

  • Verraten sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Für meine quantitative Forschung verwende ich Statistikprogramme (meistens SPSS oder JASP) und für die qualitative Forschung verwende ich Datenanalyseprogramme für qualitative Daten (entweder NVivo oder MaxQDA). Ich probiere gerne verschiedene Forschungsmethoden und -instrumente aus und versuche immer, mein Instrumentarium zu erweitern. Bis zu einem gewissen Grad bestimmt das methodische Instrumentarium die Art der Forschungsfragen, die behandelt werden können. Ich ziehe es vor, mit der Forschungsfrage zu beginnen und dann die zur Behandlung der Fragestellung erforderlichen Instrumente zu eruieren und einzusetzen.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremerhaven? Und woher kamen Sie?

Ich bin auf der Insel Rhodos in Griechenland geboren und aufgewachsen, in einer Familie, die seit 2 Generationen im Tourismus tätig ist. Nach meinem Studium der Betriebswirtschaftslehre (Bath University) und meinem Master in Wirtschaftsinformatik (London School of Economics and Political Science) im Vereinigten Königreich kam ich im Alter von 24 Jahren nach Deutschland, um eine Karriere im Tourismus zu verfolgen. Nach Abschluss meiner Promotion an der Leibniz Universität Hannover wurde ich 2005 als Professor an die Hochschule Bremerhaven berufen. Als ich zum ersten Mal in Bremerhaven war, hat mich die Nähe zum Meer, die Atmosphäre, die Freundlichkeit, der schöne Campus und die Authentizität der Menschen angesprochen.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Das Land Bremen ist sehr dankbar und offen für die Wissenschaft. Wer bereit ist, viel Arbeit zu investieren und neue Ideen auszuprobieren, findet viel Unterstützung und Ermutigung von allen Beteiligten im Land. Die politische Klasse, die Behörden und die Presse unterstützen und machen Ideen möglich. Die Größe und Struktur des Bundeslandes macht die Finanzierung der Forschung zwar zu einer Herausforderung, ermöglicht aber auch eine bemerkenswerte Mobilisierung und Vernetzung, die dies ausgleichen kann.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Es wäre schön, wenn es mehr Anreize und Strukturen gäbe, um die Unternehmen zu einer aktiveren Beteiligung an Bildung und Forschung zu bewegen. Der Begriff des Transfers wird oft als einseitig wahrgenommen: die Übertragung wissenschaftlicher Ergebnisse in die Unternehmenspraxis. Meiner Meinung nach bietet die Betrachtung der Wirtschaft als zeitweiliger Kunde der Wissenschaft nicht die Synergien einer dauerhaften Partnerschaft

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Da ich 20 Fuß-Minuten von der Hochschule wohne, meistens zu Fuß oder mit meinem Motorrad. Wenn die Zeit eng ist und das Wetter typisch Norddeutsch, dann auch mit dem Auto.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Die Wissenschaft in Bremen erinnert mich an ein Kamel. Es ist belastbar, kommt mit wenig Mitteln sehr weit und wirkt manchmal eigensinnig. Aber es ist sehr verlässlich und bringt einen immer ans Ziel. Manchmal ist es schwierig, es zu zähmen und zu lenken, aber es kann Orte erobern, die andere Tiere nicht schaffen.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Eigentlich die deutsche Sprache. Ich bin in Griechenland geboren und aufgewachsen und habe mein Studium im Vereinigten Königreich abgeschlossen. Deutsch war die zweite Fremdsprache, die ich im Alter von 24 Jahren zu lernen begann. Es war nicht so sehr die Sprache selbst, sondern die Assoziationen und Stereotypen, die mit dem Grad ihrer Beherrschung verbunden waren. Die Anforderungen und Erwartungen können für einen Nicht-Muttersprachler einschüchternd sein, und noch heute bin ich sehr verunsichert und kritisch gegenüber meinem Akzent und meinen Sprachfehlern. Das Positive daran ist, dass dieses Defizit mir geholfen hat, meine Worte zu messen und nachzudenken, bevor ich mich äußere. Und wenn ich das tue, versuche ich, meine Worte einfach zu halten. Das kann manchmal gut sein.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Ich schätze, die größte Herausforderung, vor der ich derzeit stehe, besteht darin, das Wachstum unserer Hochschule aus der Pandemiekrise und den Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, aktiv zu begleiten und mitzugestalten. In meiner Rolle als Rektor der Universität ist es auch nicht einfach, mit meiner Forschungs- und Lehrtätigkeit in Berührung zu bleiben und mich auf dem Laufenden zu halten. Aber ich versuche mein Bestes, so effektiv und produktiv wie immer möglich vorzugehen.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Eigentlich nichts Spektakuläres: “Bleib bei der Sache, steh zu deinem Wort und es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“. Mit kleinen, täglichen Schritten in eine Richtung wird das Ziel erfolgreich und zuverlässig erreicht.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Als Teenager war ich sehr gut in Englisch. Oder zumindest dachte ich, ich wäre es. Irgendwann habe ich die ‘Cambridge Proficiency in English‘ Prüfung versucht und bin kläglich gescheitert. Meine Enttäuschung war so groß, dass ich beschloss, es nie wieder zu versuchen. Mein Vater zwang mich, die Prüfung nach 2 Monaten zu wiederholen, was ich auch erfolgreich tat. Auch wenn dies als strenge Elternarbeit erscheinen mag, habe ich auf emotionaler Ebene gelernt, dass Misserfolge kein Grund zum Aufgeben sind, sondern ein Zeichen, es noch härter zu versuchen.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Ich habe nicht wirklich das Bedürfnis, meinen Kopf frei zu bekommen. Es ist ja nicht so, dass mein Kopf ‚eingesperrt‘ ist. Ich genieße das, was ich tue, und bin mit Kopf und Herz bei der Sache. Was mir manchmal fehlt, ist Inspiration, und dafür reise ich gerne. Wenn ich neue Orte, Menschen und Kulturen erlebe, fällt es mir leichter, nachzudenken und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Das macht mir Freude. Reisen und Ferien sind keine Anlässe, um meinen ‚Kopf auf Diät zu setzen‘, sondern um seine ‚Ernährung zu bereichern‘.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen ziehen nach Bremerhaven. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

In Bremerhaven gibt es viele tolle Gegenden zum Wohnen und sehr erschwingliche Immobilien. Es kommt wirklich darauf an, welche Art der Lebensgestaltung man anstrebt und in welcher Lebensphase man sich befindet. Bremerhaven und das Umland bieten für jeden etwas. Am Abend gibt es einige tolle Restaurants und Bars im Neuen Hafen. Das Alte Burger bietet auch tolle Nightlife-Optionen.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Ich würde sie einfach einladen, ein oder zwei Stunden in unserem Studierendencafé (StuCa) zu verbringen. Sie hätten dann die Gelegenheit, viele unserer Kolleg:innen und Student:innen kennenzulernen und die Freundlichkeit und Begeisterung zu erleben. Sie würden viele interessierte und aufgeschlossene Menschen treffen und viele Tipps bekommen, was man in Bremerhaven unternehmen kann und wo man am liebsten unterwegs ist.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Das ist eine schwierige Frage. Es gibt so viele Persönlichkeiten und Lebenswege, die mich hier faszinieren, ich wüsste nicht, wen ich für einen Tag auswählen sollte. Eigentlich würde ich mein Leben ungern mit einem anderen tauschen, auch nicht für einen Tag. Ich möchte mein Leben lieber für mehrere Tage mit anderen teilen, anstatt es für einen Tag zu tauschen.

Portrait Prof. Dr. Dr. hc Papathanassis

Quelle: WFB/Jonas Ginter

Geburtsjahr

1975

Fachbereich / Forschungsfeld

Touristik / Seetouristik

Aktuelle Position / Funktion

Professor für Touristik / Seetouristik, Rektor der Hochschule Bremerhaven

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt

Anwendung und Akzeptanz von Smart-Technologien im Tourismus und auf Kreuzfahrtschiffen, empirische Forschung über touristisches (Fehl-)Verhalten

Familienstand

Ledig, Vater von 2 Töchtern

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