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Wissenschaft Persönlich: Prof. Dr. Andrea Koschinsky

Frau Andrea Koschinsky-Fritsche vor herbstlichen Bäumern
Prof. Dr. Andrea Koschinsky von der Jacobs University Bremen über Forschungsexpeditionen, Momente großer Freude und Zufriedenheit im Beruf sowie marine Forschungsprojekte

Quelle: WFB/Ginter

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich WissenschaftlerInnen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der Richtige ist.

Im November 2019 stand uns Prof. Dr. Andrea Koschinsky Rede und Antwort. Was die Bremer Wissenschaftsszene mit einem Seehund zu tun hat, warum Forschungsexpeditionen ihre liebste Forschungsmethode sind und wieso man in den Geo- und Umweltwissenschaften insbesondere durch ein besseres Systemverständnis etwas zur Rettung der Welt beitragen kann, verrät die Professorin für Geowissenschaften an der Jacobs University Bremen im Interview.
 

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler/in bzw. Wissenschaftskommunikator/in geworden wären?
    Ich liebe die Natur und den Wald. Wenn ich unsere Erde nicht als Wissenschaftlerin erforschen würde, dann wäre ich vielleicht Försterin geworden oder würde in einer Umweltschutzorganisation arbeiten.
     
  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?
    Natürlich sind neue spannende wissenschaftliche Erkenntnisse begeisternd, wenn sie sich nach oft jahrelanger Laborarbeit und Auswertung wie ein Puzzle zu einem größeren Bild zusammenfügen. Aber ich empfinde auch eine große Freude und Zufriedenheit, wenn ich unsere ehemaligen Studenten als selbstbewusste Doktoranden mit exzellenten Beiträgen auf internationalen Konferenzen wiedertreffe oder sie sich bei mir melden und mit Begeisterung von ihrer beruflich Karriere berichten und was sie in ihrer BSc-Ausbildung dafür mitgenommen haben.
     
  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besuchern erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?
    Meistens nehme ich bei ähnlichen Veranstaltungen Proben von marinen mineralischen Rohstoffen mit – Manganknollen und Erzstücke von Schwarzen Rauchern. Viele Menschen haben so etwas schon einmal in den Medien gesehen, aber noch nie selbst Mineralien aus mehreren 1000 Metern Wassertiefe und mit einer spannenden Entstehungsgeschichte in der Hand gehabt. Ich erkläre den Besuchern dann, dass diese Mineralien wichtige Hochtechnologie-Metalle, zum Beispiel für unsere Entwicklungen bei den erneuerbaren Energien wie Windenergie und Photovoltaik sowie Elektromobilität, enthalten und somit als zukünftige Rohstoffquellen heiß diskutiert werden. Aber auch die damit verbundene Umweltproblematik würde ich natürlich erläutern.
     
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?
    Ein Großteil meiner wissenschaftlichen Arbeiten ist Grundlagenforschung. Den größten gesellschaftlichen Bezug meiner Arbeiten haben die Untersuchungen der mineralischen Rohstoffe aus der Tiefsee und ihre mögliche Nutzung für eine nachhaltige Entwicklung unserer Industrien und unserer Gesellschaft. Meine Schwerpunkte sind die potentiellen Umweltfolgen eines zukünftigen Tiefseebergbaus im Vergleich zu Umweltfolgen von Landbergbau und die Entwicklung von Konzepten für eine möglichst nachhaltige Entwicklung dieser möglichen neuen Art der Rohstoffgewinnung.
     
  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?
    Fortschritt bedeutete für mich eine grundlegend neue Erkenntnis, die entweder in der Forschung oder im angewandten Bereich tatsächlich Modelle verbessert oder Sichtweisen und Handlungen bzw. Entwicklungen verändert. Im Bereich Geo- und Umweltwissenschaften können wir insbesondere durch ein besseres Systemverständnis etwas zur Rettung der Welt beitragen. In einer global vernetzten Welt haben sowohl natürliche als auch anthropogene Einflüsse und Veränderungen immer auch Wirkungen im Nah- und Fernbereich, die wir oft noch nicht gut verstehen oder unterschätzen – wie man zum Beispiel bei den heute teils dramatischeren Klimaveränderungen als noch vor Jahren prognostiziert sehen kann.
     
  • Verraten sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?
    Meine liebste Forschungsmethode sind Forschungsexpeditionen, denn sie legen die Grundlage für alle weiteren Arbeiten und erfordern in der Regel viel Kreativität, intensive Kooperation mit allen beteiligten Partnern und sind eine willkommene Abwechslung zum Büroalltag. Jede Expedition ist eine neue Herausforderung, manchmal auch ein Abenteuer, das oft den Arbeitseinsatz und die Nerven an die Kapazitätsgrenzen bringt, aber immer ein besonderes und nachhaltiges Erlebnis.
     
  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?
    Als ich im Jahr 2002 meine Habilitation an der Freien Universität Berlin beendet hatte und auf der Suche nach neuen Herausforderungen war, erhielt ich von einem früheren Kollegen, der eine Professur an der International University Bremen (die heutige Jacobs University Bremen) angetreten hatte, das Angebot für eine Wissenschaftlerstelle. Seitdem bin ich hier und seit 2005 Professorin für Geowissenschaften im Bereich Erd- und Umweltwissenschaften.
     
  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?
    Da ich in der Meeresforschung tätig bin, profitiere ich in Bremen von der vielfältigen Forschungslandschaft im marinen Bereich und der Kooperation mit den anderen Institutionen wie dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM), dem Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven und Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie (MPI-MM). Somit habe ich auch an einer kleinen Einrichtung wie der Jacobs University genügend Entfaltungsmöglichkeiten.
     
  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?
    Den Weg von zu Hause zum Uni-Campus in Grohn lege ich meistens mit dem Fahrrad zurück, längere Wege mit der Bahn oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln, aber manchmal auch mit dem Auto.
     
  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?
    Mit einem Seehund. Er bewegt sich geschickt und schnell im Meer und repräsentiert damit den marinen Schwerpunkt der Bremer Wissenschaftsszene. Aber er wäre natürlich nur eines von vielen Tieren, denn die Bremer Wissenschaftsszene ist ja sehr divers.
     
  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?
    Vermutlich der Umstieg aus der reinen Chemie nach meinem Studium in die Geowissenschaften und die Meeresforschung im Rahmen meiner Doktorarbeit. Ohne jegliche geologische Grundlagenausbildung habe ich mich zum Beispiel bei der Gesteinsbestimmung im Gelände manchmal recht verloren gefühlt. Später war es dann die Herausforderung, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen, ohne auf der einen oder der anderen Seite das Gefühl zu haben, nicht das zu leisten, was man selbst und andere von einem erwarten.
     
  • Welche stehen Ihnen noch bevor?
    Das weiß ich nicht – und das ist vermutlich auch gut so. Ich lasse mich gern von neuen Herausforderungen überraschen.
     
  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?
    Am meisten lernt man aus den Dingen, die nicht so gelaufen sind wie geplant, denn dann ist man gezwungen, neue Denkansätze und Wege zu entwickeln und Aufgeben ist keine Option.
     
  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?
    Diese Frage kann ich gar nicht richtig beantworten – was natürlich nicht heißen soll, dass ich nie gescheitert bin! Aber es gab nicht das eine große Scheitern, das meine Arbeit maßgeblich verändert hat.
     
  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?
    Durch den Weg zur und von der Arbeit mit dem Fahrrad, durch regelmäßige sportliche Betätigung, soweit die Zeit es erlaubt, und durch Spaziergänge mit unserem Hund.
     
  • Der/Die nächste Nachwuchswissenschaftler/in zieht nach Bremen. Was würden Sie ihm/ihr raten, wo er/sie wohnen und abends weggehen soll?
    Das hängt von der persönlichen Lebenssituation ab. Besonders mit Familie kann man im Raum um Bremen-Nord gut und naturnah wohnen und findet alle notwendige Infrastruktur. Auch kulturelle Veranstaltungen zum abends Ausgehen finden sich genügend, zum Beispiel im Kulturbahnhof Vegesack (KUBA) im Kito oder im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Vegesack. Für junge Leute, die mehr erleben möchten, würde ich dann eher die City empfehlen.
     
  • Mit wem würden Sie ihn/sie hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?
    Mit Professor Gerold Wefer. Er hat nicht nur durch die Gründung des MARUM Forschungszentrums und viele wissenschaftliche Errungenschaften die Forschungslandschaft Bremens maßgeblich geprägt, sondern sie auch einer breiten Öffentlichkeit auf spannende und verständliche Weise zugänglich gemacht, zum Beispiel durch die wissenschaftliche Betreuung der Entwicklung des Universum® Bremen.
     
  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer/m Bremer/in oder Bremerhavener/in tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?
    Ich glaube, ich würde den Tag nutzen, um einmal das Leben in der Politik auszuprobieren und würde meinen Lehr- und Forschungsstuhl gegen einen Stuhl im Rathaus tauschen. Ich wäre sehr neugierig, wie gern oder zögerlich ich am nächsten Tag auf meinen gewohnten Platz zurückkehren würde.
Prof. Dr. Andrea Koschinsky

Prof. Dr. Andrea Koschinsky

Quelle: WFB/Ginter

Steckbrief: Prof. Dr. Koschinsky

Fachbereich / Forschungsfeld
Geowissenschaften / Marine Geochemie

Aktuelle Position / Funktion
Professorin für Geowissenschaften an der Jacobs University Bremen

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Lehre im BSc-Programm Earth and Environmental Sciences / marine Forschungsprojekte zu marinen Rohstoffen und Tiefseebergbau, hydrothermalen Quellen am Meeresboden und Spurenmetallen im Ozean

Geburtsjahr
1964

Kinder
2 Söhne, 1 Tochter

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