Wissenschaft persönlich: Anna Ricarda Luther

Eine Frau sitzt vor einem großen Monitor an einem Tisch. Darauf steht: Social Media for Activists
Anna Ricarda Luther ist Doktorandin an der Universität Bremen und forscht zum Thema Moderation von Hassrede auf Social Media im Projekt „We The (Social) Media“, welches im Verbundprojekt DataNord eingebettet ist. Bei Wissenschaft persönlich erzählt sie, warum Hassrede ein massives Problem ist und wie sie mit ihrer Forschung dagegen wirken möchte.

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im November stand uns Anna Ricarda Luther Rede und Antwort: Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ifib (Institut für Informationsmanagement GmbH) und Doktorandin an der Universität Bremen. Warum es sie nach Bremen verschlagen hat und welche Erkenntnisse sie bereits zu Hassrede in den sozialen Medien gewonnen hat, verrät sie hier bei Wissenschaft persönlich.

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftskommunikatorin geworden wären?

Das ist eine wirklich gute Frage. Vielleicht wäre ich Tontechnikerin geworden, ich habe eine große Leidenschaft für Musik. Der Gedanke, so immer bei Events dabei zu sein und hinter die Kulissen zu schauen, gefällt mir.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Ich bin per se ein neugieriger Mensch, da bringt die Wissenschaft einem immer wieder tolle Momente. Wenn ich zum Beispiel neue Perspektiven kennenlerne und so ein Thema auf einmal mit einer ganz neuen Linse betrachten kann, finde ich das klasse. Aber auch der Austausch mit anderen Forschenden gefällt mir: zu merken, wie viele tolle Menschen an spannenden Themen arbeiten, und dadurch immer neue Aspekte in die eigene Arbeit mit einfließen zu lassen.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Da ich zu Hassrede auf Social Media forsche, bräuchte es vermutlich keinen Stand, um meine Forschung zu erläutern. Die Menschen haben den Forschungsgegenstand ja oft selbst in der Hosentasche. Aber ich würde meinen Prototypen zur nutzer:innengesteuerten Content Moderation mitnehmen und die Besucher:innen ihn ausprobieren lassen und mir Feedback einholen.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Hassrede auf Social Media ist ein massives Problem. Hassrede in sozialen Medien kann nicht nur gesellschaftlichen Diskurs stören, sondern auch strukturelle Diskriminierung verstärken und die psychische und physische Sicherheit sowie den sozialen Zusammenhalt gefährden. Ich arbeite speziell mit politisch aktiven Menschen zusammen und gerade bei Ihnen merkt man, dass Hassrede ihre politische Arbeit einschränkt und sie sich in der Konsequenz oft zurückziehen. Oft werden Sie wegen Teilen Ihrer Identität angegriffen. Das beeinflusst natürlich ganz wesentlich, wer unsere Gesellschaft wie mitgestalten kann. Da braucht es unbedingt Veränderung und bessere Mittel, diesem Problem zu begegnen. Daran arbeiten wir.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Bei meiner Arbeit spreche ich von Fortschritt, wenn wir datenbasiert konkretere Vorstellung davon bekommen, wie man Menschen, die von Hassrede betroffen sind, besser schützen kann.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Oh, eine schwierige Frage! Ich mag eine Methodenvielfalt, die sich der Frage, die sie adressieren will, und ihrem Kontext bewusst ist und nicht nur das gleiche Raster auf alle Themen und Kontexte legt. Aber um ganz konkret zu werden: Gerade haben wir eine Delphi-Studie durchgeführt. Eine Delphi-Studie ist eine mehrwellige Befragung, in der jede Befragungsrunde von der vorherigen abhängt und die Antworten jeder Befragungsrunde die nächste mitgestaltet. Sie ermöglicht geschickt einen anonymen Austausch zwischen den Teilnehmenden. Als Forscherin diesen Prozess zur Konsensfindung zu begleiten, gefällt mir sehr.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Ich bin tatsächlich direkt für dieses Forschungsprojekt nach Bremen gekommen. Davor habe ich in Osnabrück Cognitive Science studiert.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Ich schätze sehr die vielfältigen Möglichkeiten zur Vernetzung und das große Bewusstsein dafür, dass es für komplexe Themenfelder interdisziplinäre Forschung braucht. Auch generell erlebe ich die Bremer Wissenschaftslandschaft als sehr offen und vernetzt. Mir gefällt auch, dass es so vielfältige Ansätze gibt, die Forschungsergebnisse über tolle Wissenschaftskommunikation zu vermitteln oder mit Kooperationen in die Anwendung zu bringen.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Ein paar mehr sonnige Tage!

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Immer mit Fahrrad! Dafür ist Bremen perfekt. Am besten zum Sonnenaufgang durch den Bürgerpark – traumhaft!

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Also so habe ich noch nie über die Wissenschaftsszene in Bremen nachgedacht. Vielleicht ein Capybara? Das ist ein Tier, das speziesübergreifend sehr kooperativ ist.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Ich glaube, eine beständige Herausforderung besteht darin, dass ich zu einem sehr sensiblen Thema mit großen gesellschaftlichen Implikationen forsche. Das stellt zum einen eine Herausforderung dar, da ich Menschen zu etwas befrage, was Ihnen sehr nah geht. Da gilt es sich grundlegende Überlegungen dazu zu machen, wie man das angeht. Und zum anderen müssen die möglichen Lösungsansätze natürlich besonders gründlich getestet werden und so gestaltet werden, dass ein Missbrauch nicht möglich ist.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Das liegt zwar noch etwas in der Ferne, aber ich stelle mir gerade die Abschlussphase der Promotion herausfordernd vor.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Nicht wirklich. Aber ich halte meine Augen offen, vielleicht finde ich sie ja noch.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Ich würde es nicht Scheitern nennen, aber mit der Zeit wird mir immer klarer, wie unterschiedlich Menschen kommunizieren und was für eine zentrale Aufgabe es ist, damit gut umzugehen.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Ganz klassisch bei Bewegung an der frischen Luft. Manchmal aber auch durch einen guten Film, durch den ich in eine andere Welt eintauchen kann.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht es nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Zum Wohnen bin ich persönlich ein ganz großer Fan von Findorff. Es liegt direkt am schönen Bürgerpark, man ist aber auch schnell auf dem Campus oder in der Innenstadt. Das passt perfekt. Für Unternehmungen abends – auch wenn das wirklich kein Geheimtipp mehr ist – finde ich das Cinema am Ostertor wirklich sehr charmant.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Oh, mit vielen! Auf jeden Fall mit der Gruppe Doktorand:innen am ifib und mit dem lieben Team vom Data Science Center, denn hier findet die Person auf jeden Fall Support unabhängig ihrer fachlichen Orientierung.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Mit dem Journalisten Hans Jessen. Er ist zwar kein gebürtiger Bremer, aber war lange Zeit Wahlbremer. Seinen klaren Blick auf Sachzusammenhänge, seinen ruhigen, analytischen Interview-Stil als auch seine klare Haltung bewundere ich sehr. Da würde ich gerne mal einen Tag über die Schulter schauen.

Eine Frau steht vor einer grauen Wand draußen.

Fachbereich / Forschungsfeld
Mensch-Computer-Interaktion

 

Aktuelle Position / Funktion
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ifib (Institut für Informationsmanagement GmbH) und Doktorandin an der Universität Bremen

 

Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte
Forschung zum Thema Moderation von Hassrede auf Social Media im Projekt „We The (Social) Media“. Dieses Projekt ist eingebettet im Verbundprojekt DataNord

 

Geburtsjahr
1998

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