Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen – und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.
Im Juni stand uns Dr. Marcus Meyer Rede und Antwort: er arbeitet beim Denkort Bunker Valentin. Was Marcus Meyer an seiner Arbeit besonders begeistert und warum er die Demokratie durch Rechtsextremismus gefährdet sieht, erfahrt ihr hier bei „Wissenschaft persönlich":
Vermutlich Tischler.
Mein Job ist extrem vielfältig, kein Tag ist wie der andere und er ist angesichts der weltweilten Angriffe auf Demokratie und Vielfalt noch einmal wichtiger geworden. Für Begeisterung sorgen Begegnungen vor allem mit den Nachfahren der von NS-Verbrechen betroffenen, die uns mit großer Freundlichkeit begegnen und uns in unserer Arbeit unterstützen.
Er bestünde aus vielen Fotos von Menschen, die am Bunker „Valentin“ gearbeitet haben, unter Zwang und Gewalt, aber auch auf der deutschen Seite. Zusammen würden diese Geschichten zeigen, wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen auszugrenzen und wozu das im Zweifel führen kann. Und weil es ein Stand auf dem Freimarkt wäre müssten dort auch die Geschichten von jüdischen Menschen erzählt werden, denen der Besuch des Freimarktes verboten wurde.
Wir zeigen am Denkort Bunker Valentin, was die Folgen von Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und anderer Formen von Ausgrenzung sind, wenn sie zu staatlicher Politik werden, die von der Mehrheit einer Gesellschaft getragen oder zumindest geduldet wird. Der gesellschaftliche Nutzen ergibt sich daraus: wir setzen und für Demokratie und Vielfalt ein, wir klären über die Entstehung und die Folgen von Rechtsextremismus auf.
Im Moment sieht es aus, als müssten wir gerade im Bereich der Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen eher von einem Rückschritt sprechen. Die Zustimmung zu rechtsextremen Positionen, Organisationen und Parteien steigt weltweit. Viele Menschen in Deutschland fordern einen Schlussstricht unter die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. Antisemitismus, Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung sind unerträglicher Alltag. Wir können die Welt nicht retten, wir können sie nur darauf hinweisen, dass Ausgrenzung in welcher Form auch immer noch nie und zu keiner Zeit irgendein Problem gelöst, sondern, im Gegenteil, immer nur zu Gewalt und Zerstörung geführt hat. Wer also glaubt, im Rechtsextremismus eine Lösung für die Probleme der Gegenwart zu finden, kann bei uns erfahren, dass das ein Irrglaube ist.
Meine wichtigste Forschungsmethode ist die Konkretisierung. Orte wie der Bunker Valentin oder z.B. die Konzentrationslager lassen sich kaum begreifen, wenn man ihre Geschichte nicht durch konkrete Geschichten verständlich macht. Da gibt es zum Beispiel ein Gemälde, das die Bunkerbaustelle im Sommer 1944 zeigt. Auch Zwangsarbeiter:innen sind darauf zu sehen. Aus einem solchen Gemälde spricht der Stolz der Erbauer, für die Zwangsarbeit keineswegs ein Verbrechen war, sondern ein Beitrag zum sogenannten Endsieg. Steuerunterlagen zeigen z.B. wie viele Menschen von einem Projekt wie dem Bunker „Valentin“ profitiert haben. Heute tun wir so, als hätte es ein paar wenige Nazis gegeben, die den Rest der Bevölkerung gezwungen haben, mitzumachen. Das trifft aber nicht zu. Auf der anderen Seite zeigen Biografien von ehemaligen Häftlingen, welche Auswirkungen die nationalsozialistische Ideologie hatte und bis heute hat, denn auch ihre Familien sind davon noch immer betroffen.
Ich bin 1997 aus Berlin nach Bremen gekommen, um hier mein Studium zu beenden. Aufgewachsen bin ich aber nur 60 Kilometer entfernt, in Westervesede, einem kleinen Dorf bei Scheeßel. Bremen war also schon immer ein vertrauter Ort, ob zum Einkaufen oder für Theater- oder Konzertbesuche. Berlin begann gerade, sich zu überhitzen, laut, hektisch und ein bisschen großspurig zu werden. Da war Bremen dann eine gute Alternative, sowohl von der Größe als auch von der Mentalität her.
Als Historiker mit einem Schwerpunkt auf Regionalgeschichte muss ich leider sagen, würde mich hier nicht viel halten, gäbe es nicht den Arbeitsplatz am Denkort Bunker Valentin. Bremen geht ausgesprochen sträflich mit seiner eigenen Geschichte um. Früher gab es mal ein Institut für Regionalgeschichte, das wurde irgendwann abgewickelt. Deshalb gibt es heute keine systematische Regionalgeschichtsschreibung mehr, es entstehen auch kaum noch Abschlussarbeiten zu regionalhistorischen Themen. Das einzige Überblickswerk zur Geschichte Bremens im Nationalsozialismus stammt von 1986, ist also fast 40 Jahre alt. In der Zwischenzeit sind tausende Dokumente aufgetaucht und neue Forschungsfragen gestellt worden, die in Bremen kaum beantwortet werden. Das ist auch ein Problem für das Lehramtsstudium, das man durchaus absolvieren kann, ohne sich mit regionaler NS-Geschichte zu befassen. Das hat dann wiederum konkrete Folgen für den Geschichtsunterricht und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Region in der Schule. Am Ende ist dann immer das Entsetzen groß, wenn bei Jugendlichen erhebliche Wissenslücken zu diesem Thema festgestellt werden, aber das hat eben Gründe und kann nicht den Jugendlichen angelastet werden und eigentlich auch nicht den Lehrerinnen und Lehrern.
Eine Forschungsstelle Regionalgeschichte, wie es sie z.B. in Hamburg und in vielen anderen Städten gibt.
Ich wohne in der Innenstadt und bewege mich dort in der Regel zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Für den Weg zur Arbeit nehme ich das Auto, weil die Zugverbindung in den Bremer Norden leider sehr unzuverlässig ist. Darunter leidet der Bremer Norden erheblich, denn eigentlich gibt es hier eine Menge zu entdecken.
Das kann ich leider nicht allgemein beantworten, weil ich eigentlich eher am Rande stehe und keinen Überblick habe.
Die größte Herausforderung war das Schreiben meiner Doktorarbeit, aber weniger aus inhaltlichen Gründen, sondern mehr in Sachen Selbstmotivation. So ein Prozess ist eine ziemlich einsame Angelegenheit und es erfordert schon ein hohes Maß an Selbstdisziplin, das dann zu Ende zu bringen.
Es mag ein wenig groß und pathetisch klingen, aber die Rettung der Demokratie steht uns allen bevor. Ich habe den Eindruck, die Menschen unterschätzen noch immer die Bedrohung, die von rechtsextremen Organisationen und Parteien für unsere Demokratie und damit für unsere Freiheit ausgeht. Wenn diese Parteien an die Macht kommen, werden sie versuchen, die Grundlagen, auf der unsere Demokratie nach 1945 als als Gegenentwurf zum Nationalsozialismus aufgebaut wurde, mit allen Mitteln zu zerstören. Wir müssen verhindern, und zwar alle zusammen, dass es soweit kommt. Wir können in den USA gerade beobachten, wie schnell ein Rechtsstaat bedroht ist. Demokratie funktioniert nur, wenn alle den Grundprinzipien zustimmen, auf deren Fundament dann gestritten werden kann. Wenn Parteien an die Macht kommen, die das infrage stellen, wird es gefährlich.
Dinge nur machen, wenn man davon überzeugt ist, nur dann kann man sie gut machen.
Ich bin ehrlich gesagt noch nie wirklich gescheitert. Ich habe nur festgestellt, dass Pläne machen manchmal dazu führt, Dinge zu übersehen, die abseits dieser Pläne liegen und oft einen interessanteren oder besseren Weg geboten hätten. Seitdem bemühe ich mich darum, so wenig zu planen, wie es geht.
Ich spiele in Bands, seit ich 14 bin. Mit Freund:innen Musik machen macht den Kopf immer frei. Bei Heimspielen in der Ostkurve sein auch.
Die sind dann wahrscheinlich 25 Jahre jünger und es stellt sich die Frage, ob meine Ideen zu wohnen und weggehen da noch kompatibel sind. Aber ich wohne gern im Viertel in der Nähe der Weser. Und ich mag das Horner Eck, weil da Menschen eine Eckkneipe erhalten, die für die Nachbarschaft wichtig war und ist und denen es nicht um maximalen Gewinn geht.
Mit Arie Hartog vom Gerhard-Marcks-Haus, mit dem es sich immer über alles zu reden lohnt.
Am ehesten mit Thomas Schaaf, ich wüsste gern, wie es sich anfühlt, in Bremen aufzuwachsen und dann mit Werder Double-Sieger zu werden.
Fachbereich / Forschungsfeld
Geschichte / Nationalsozialismus, Zwangsarbeit
Aktuelle Position / Funktion
Wissenschaftlicher Co-Leiter des Denkort Bunker Valentin
Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen, Gegenwart und Zukunft der Erinnerung an den Nationalsozialismus
Geburtsjahr
1975