Wissenschaft persönlich: Dr. Lucie-Patrizia Arndt

Eine Frau, die vor Monitoren steht, auf denen Experimente durchgeführt werden.
Dr. Lucie-Patrizia Arndt öffnet den Fallturm Bremen für die Fragen aus der Gesellschaft. Und am liebsten würde sie den 146 Meter hohen Turm beim Freimarkt auf die Bürgerweide stellen. Was sie sonst bei ihrer Arbeit als Wissenschaftskommunikatorin am ZARM erlebt, erfahrt ihr bei „Wissenschaft persönlich“.

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im Mai stand uns Dr. Lucie-Patrizia Arndt Rede und Antwort: Die Co-Leitung für Kommunikation hat ihr Büro in einem echten Wahrzeichen der Stadt – dem Fallturm Bremen. Wenn dort komplizierte Experimente unter Schwerelosigkeit passieren, ist es ihre Aufgabe die Forschung dahinter verständlich für jeden zu erklären und den Funken der Begeisterung für die Wissenschaft zu zünden. Warum sie Bremen mit einem Oktopus vergleicht und Herausforderungen mit Humor begegnet, erfahrt ihr bei „Wissenschaft persönlich“.

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftskommunikatorin geworden wären?

Vermutlich Chirurgin. Dieser Plan wurde mir damals im privaten Umfeld ziemlich gründlich ausgeredet – was ich rückblickend für eine eher zweifelhafte Beratung halte. Wie kommt man eigentlich auf die Idee, junge Menschen von ihren Interessen abzubringen? Nach wie vor finde ich den menschlichen Körper und seine Widerstandsfähigkeit einfach unglaublich. Und ich habe mir fest vorgenommen: Wenn irgendwann mehr Zeit da ist, mache ich noch die Ausbildung zur ehrenamtlichen Rettungssanitäterin.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Ehrlich gesagt, beginnt meine Vorfreude jeden Morgen, wenn ich über den Hochschulring auf den Fallturm zufahre. Ich arbeite in einem der Wahrzeichen Bremens – das empfinde ich auch nach 16 Jahren noch immer als ziemlich großes Glück. Großen Anteil daran hat auch unser ZARM-Spirit – ich genieße das Arbeitsklima und unser von Zusammenhalt und Humor geprägtes Miteinander. Das ist etwas ganz Besonderes! Noch glücklicher werde ich nur, wenn andere – nachdem sie Einblicke in unsere Forschung und den Fallturm erhalten haben – nicht nur meine Begeisterung teilen, sondern diese mit nach Hause nehmen. Schönes Beispiel: der Vortrag eines ZARM-Wissenschaftlers bei der Erfolgsreihe Science goes Public, den ich anmoderieren durfte. Mein Lieblingsmoment war, als sich immer mehr Menschen in das schnuckelige und dann nahezu überfüllte Kneipenlokal der „Olive Weinbar“ quetschten, um in die Welt der experimentellen Quantenmechanik einzutauchen. Physik als Publikumsmagnet – erlebt man auch nicht alle Tage.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Naheliegend wäre natürlich, den Fallturm einfach auf die Bürgerweide zu stellen und Freifahrtkarten für einen Ritt durch die Schwerelosigkeit zu verteilen. ???? Realistischer wäre eine quietschbunte mit Lametta geschmückte Quiz-Bude, in der wir „Dingsda“ für Fortgeschrittene spielen: Komplizierte Forschung mit Händen und Füßen – und ohne Fachbegriffe!!!! – so zu erklären, dass wirklich jede:r versteht, worum es geht. Am Ende gibt es heiße Waffeln mit Puderzucker für alle.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Ich arbeite genau an der Stelle, wo die Wissenschaft der Gesellschaft unmittelbar etwas zurückgibt. In Deutschland wird Forschung zum Großteil aus Steuergeldern finanziert und es ist unsere Verpflichtung, der „Welt da draußen“ unsere Erkenntnisse und Forschungsmethoden zugänglich zu machen. Am ZARM wirke ich wie ein Katalysator und beschleunige den Prozess: Ich gestalte, wie brandaktuelles Wissen in den gesellschaftlichen Diskurs hineingetragen wird, und motiviere unsere Forschenden im ZARM, sich den berechtigten Fragen aus der Gesellschaft zu stellen. Wenn beide Seiten zueinander finden, entsteht eine ereignisreiche Reaktion, die alle weiterbringt.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Manchmal rette ich die Welt im ZARM schon, indem ich rechtzeitig den Eisvorrat im Gefrierfach auffülle.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Während die Wissenschaftler:innen im ZARM mit mathematischen Formeln, Chemikalien, simuliertem Marsgestein oder Experimentbauteilen hantieren, ist mein Tool die Sprache; nicht umsonst heißt es auch „die Macht der Worte“. Meine wichtigste Methode ist Teamarbeit – gemeinsam kommen wir immer auf die besten Ideen.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Nach dem Abschied vom Berufswunsch Chirurgin saß ich nun in meinem kleinen Dorf am Rande des Ruhrgebiets mit Kohlenstaub unter den Augen und musste mir eine Alternative überlegen. Als Fernsehkind der 80er und 90er kam eigentlich nur noch „irgendwas mit Medien“ und die Welt zu bereisen infrage. Mein Studium an der Ruhr-Universität Bochum und meine Promotion ermöglichten mir Auslandsaufenthalte, über Stationen beim Hörfunk und in der Museumsarbeit habe ich dann die Wissenschaftskommunikation für mich entdeckt – ein Berufsfeld damals noch ohne klaren Namen und ziemlich diffus unter Öffentlichkeitsarbeit subsumiert. Meinen Ehepartner zog es 2007 für seine Promotion nach Bremen und nach ein paar Jahren der Pendelei bin ich irgendwann geblieben, weil es mir hier gefällt.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Bremen als Wissenschaftsstandort ist angenehm unaufgeregt, nahbar und ohne Allüren. Zugleich ist es der helle Wahnsinn, wie viele Flaggschiffe der internationalen Forschungsszene hier Tür an Tür sitzen. Seit Januar 2026 haben wir sogar wieder zwei Exzellenzcluster an der Universität Bremen; eines davon – nämlich „Die Marsperspektive“ – mit sehr großer Schnittstelle zum ZARM. Ich drücke die Daumen, dass die Uni Bremen auch im Rennen um den Titel der Exzellenzuniversität erfolgreich sein wird. Kurzum: Die Dichte an Expertise, Renomée und Diversität in den Disziplinen ist bemerkenswert; die sich daraus ergebende Kollaborationsstärke und Dynamik nahezu unschlagbar. Bremen spielt in der Wissenschafts-Championsleague ganz oben mit…

  • Fehlt Ihnen etwas?

… das mit der Championsleague ist vielen gar nicht klar. Bremen dürfte mit seinen Qualitäten als Wissenschaftsstandort ruhig etwas mehr protzen. Ich bin mir sicher, dass dies auf charmante, bodenständige Art und Weise möglich ist. Dem Ruhrpott eilt auch nicht der beste Ruf voraus, aber das lässt keinen an den Fähigkeiten der eigenen Region zweifeln.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Da ich außerhalb in Stuhr wohne mit meinem E-Auto und im Berufsverkehr meist nur im Schneckentempo. Ich zähle die Tage, bis der Ausbau der Straßenbahnlinie 8 fertiggestellt wird und ich endlich dem unsäglichen Stau auf der B75/B6 entfliehen kann.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Ich habe mir den Spaß erlaubt und die Frage als Prompt in ein KI-Tool eingetippt – mir wurde der Oktopus vorgeschlagen und ich finde das Bild ziemlich passend: Denn Oktopusse werden oft unterschätzt! Dabei sind sie hochintelligent, verfügen über ausgezeichnete Problemlösungsstrategien, können mit ihren acht Fangarmen mehrere Dinge gleichzeitig jonglieren, sind extrem flexibel und anpassungsfähig an ihre Umgebung, haben drei Herzen und können erstaunliches Sozialverhalten in der Interaktion mit ihren Artgenossen zeigen.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Der größte Stresstest war meine eigene Promotion parallel zum Job. Eine entbehrungsreiche Lebensphase, die viel Selbstmotivation und Durchhaltevermögen abverlangt. Man brennt fürs Thema, legt unzählige Nachtschichten ein, ist geplagt von Selbstzweifeln, vernachlässigt Freunde und Familie, nur um dann vor einer Gutachterkommission nochmals auf den Prüfstand gestellt zu werden. Ich leide mit allen Doktorand:innen im ZARM mit, die in den letzten Zügen ihrer Dissertation sind, und freue mich riesig mit ihnen, wenn sie ihren Abschluss erreicht haben.
Heute stehe ich auf der anderen Seite und bitte frisch Promovierte, mir ihre jahrelange Forschung in drei verständlichen Sätzen zu erklären. Den Move kann mir nur mit viel Humor und einer großen Portion Selbstironie bringen.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Das Wissenschaftsjahr „Phänomenal 2026“, der Open Campus, Explore Science und die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit werfen bereits ihre Schatten voraus. Ab Sommer dürfen sich die Bremerinnen und Bremer auf zahlreiche Veranstaltungstage freuen, bei denen wir unsere Forschung aus dem Labor in die Innenstadt bringen. Gefragt sind Formate, die Spaß machen, verständlich sind – und diesen kleinen Aha-Moment auslösen.
Parallel laufen die Planungen für einen internationalen Fachkongress im Herbst 2027 rund um die Forschung unter Schwerelosigkeit – unsere Paradedisziplin. Entsprechend hoch ist unser Anspruch an uns als Gastgeber. Umso mehr freut es uns, dass wir dafür die neuen Räumlichkeiten der Universität Bremen im Forum am Domshof nutzen können. Unser Ziel: internationalen Gästen zu zeigen, wie viel wissenschaftliche Exzellenz, Raumfahrtexpertise und liebenswertes Flair Bremen zu bieten hat.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Ich nehme mich selbst nicht zu ernst, meinen Arbeitsauftrag dagegen sehr. Mein Kredo: Es gibt keine uninteressanten Themen, es kommt nur drauf an, was man daraus macht.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Ein falsch dargestelltes ZARM-Logo auf einem riesigen Banner an unserem Messestand bei einer extrem wichtigen internationalen Großveranstaltung – unübersehbar, unkorrigierbar, 24 Stunden vor Beginn. Mir war sofort klar, dass ich den Fehler bei Druckfreigabe übersehen haben muss. In der Sekunde des Scheiterns war mein einziger Wunsch, dass sich der Boden vor mir auftut und ich darin versinke. Seitdem haben das ZARM-Logo und ich ein sehr inniges Verhältnis und ich hüte es wie meinen Augapfel.
Was blieb, war aber etwas Wichtigeres: ein Team und eine Institutsleitung, die nicht mit Vorwürfen reagiert, sondern mit Rückhalt, Humor und dem Blick nach vorne. Hier zeigte sich mir wahre Größe – menschlich und kollegial.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Wandern, am liebsten in den Bergen und weit ab vom Trubel. Die Erhabenheit der Natur erdet mich sehr. Zwischendurch hilft aber auch Rasenmähen oder Wände streichen. Funktioniert erstaunlich gut.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht es nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Unbedingt ins „Modernes“ gehen. Als wir Ausrichter einer internationalen Raumfahrtfachkonferenz mit über 6.000 Wissenschaftler:innen aus der ganzen Welt waren, hatten wir am vorletzten Abend die rund 1000 Studierenden und Young Scientists unter ihnen – sehr unkonventionell – zu einer Space Party ins Modernes eingeladen. Der DJ brachte die Meute zum Tanzen, die Luft brannte… dann öffnete sich um Mitternacht das Dach und ein sternenklarer Himmel war zu sehen. Unsere Gäste waren völlig verzaubert. Genau diese unerwarteten Überraschungsmomente machen Bremen aus.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Mit dem Fallturm – man kann ihn nicht übersehen und jede:r sollte ihn kennen! Ich würde die Bremer Newbies auf einen Erkundungsrundgang mitnehmen und zum Abschluss von der Fallturmspitze aus den Blick über die Dächer der Stadt schweifen lassen. Der perfekte Ausgangspunkt, um Bremen kennenzulernen.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Ich wäre gern die Rolandstatue: Sinnbild für Freiheit und Unabhängigkeit, verewigt in sämtlichen Reiseführern auf der ganzen Welt und standhaft mitten im Herzen von Bremens guter Stube. Wahrscheinlich könnte ich es mir nicht verkneifen, den Touristen heimlich zuzuzwinkern.

Eine Frau steht in bunter Jacke vor einem verschwommenen Hintergrund.

Fachbereich / Forschungsfeld
Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) der Universität Bremen

 

Aktuelle Position / Funktion
Co-Leitung Kommunikation

 

 

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Ich arbeite in der Kommunikationsabteilung des ZARM und bewege mich dabei zwischen zwei Welten: nach innen und nach außen. Intern fördere ich den Austausch unter den Mitarbeitenden, während ich extern unsere Forschungsthemen für ein möglichst vielfältiges, öffentliches Publikum aufbereite. Das umfasst im Grunde alle Facetten der Wissenschaftskommunikation, die klassische Medienarbeit aber auch Marketingmaßnahmen und Veranstaltungen. Besonders am Herzen liegen mir dabei Events: Ich konzipiere und organisiere Veranstaltungsformate, kümmere mich um Öffentlichkeitsarbeit und Messeauftritte oder begleite repräsentative Delegationsbesuche – zuletzt häufig im Kontext der Exzellenzstrategie der Universität Bremen. Dazu kommt die Organisation von Fachkonferenzen sowie mein kleines Herzensprojekt der standesamtlichen Trauungen in der Fallturmspitze.

 

 

Geburtsjahr
1981

 

 

Familienstand
verheiratet, 2 Kinder

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