Wissenschaft persönlich: Dr. Lucas Haasis

Ein Mann steht lachend neben einem Segelschiff
Dr. Lucas Haasis ist Senior Researcher am Deutschen Schifffahrtsmuseum, Leibniz Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven und in den Forschungsfeldern Geschichte und Digital Humanities tätig. Aktuell forscht er u.a. an der Geschichte des Bremer Dreimasters Concordia, der 1758 von einem englischen Schiff im Ärmelkanal gekapert wurde.

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im August stand uns Dr. Lucas Haasis Rede und Antwort: Er ist Senior Researcher am Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven und arbeitet im Bereich Geschichte und Digital Humanities. Aktuell forscht er an dem Bremer Dreimaster Concordia. Was Lucas Haasis an seinem Job besonders begeistert und welche gesellschaftliche Bedeutung seine Arbeit hat, erfahrt ihr hier bei „Wissenschaft persönlich":

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler bzw. Wissenschaftskommunikator geworden wären?

Als ich sieben Jahre alt war, sind meine Eltern mit uns Kindern nach London geflogen. Damals durften wir ins Cockpit des Flugzeugs schauen – ab diesem Moment wollte ich unbedingt Pilot werden. Später, mit 18, habe ich mich wirklich bei der Lufthansa in Bremen nach einer Piloten-Ausbildung erkundigt. Am Ende kam es aber anders: Während meines Zivildiensts habe ich gemerkt, wie viel Freude mir die Arbeit mit Kindern macht. Deshalb habe ich ein Lehramtsstudium begonnen. Während des Studiums habe ich dann meine Begeisterung für Forschung und das Lehren entdeckt und angefangen, mit Studierenden zu arbeiten. Heute, mit 39 Jahren, bin ich zwar kein Pilot geworden, sondern Historiker – aber ich bin sehr glücklich mit meinem Beruf. Die Faszination fürs Fliegen ist geblieben, auch wenn ich mich inzwischen vor allem mit historischen Schiffen beschäftige.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Das Historiker*innen-Dasein gilt in der Öffentlichkeit manchmal als verstaubt. Und ja, wir haben viel mit alten Dokumenten zu tun und ja, häufig sind unsere Hände nach langer Archivarbeit auch etwas schmutzig. Aber egal, welche Kolleg*in Sie fragen werden, alle werden Ihnen antworten, dass diese Archivarbeit unser Lebenselixier ist. Haben Sie schon einmal eine alte verschollen geglaubte Box wieder aufgemacht? Eine Flaschenpost gefunden? Sich gefragt, was es mit dem besonderen Fundstück vom Strand auf sich hat? Alte Briefe gelesen? Genau das machen wir in unserem Job. Wir öffnen Zeitkapseln und erforschen, was es mit den Menschen dahinter auf sich hat. Wir öffnen Archivboxen oder entdecken Sammlungsgegenstände und pusten dann den Staub von Jahrhunderten weg (Konservator*innen an dieser Stelle bitte weghören – weil: meistens sind die Dokumente nicht mehr staubig, aber für das Bild passt es nun mal zu gut). Was wir daraufhin in unseren Recherchen freilegen, sind Geschichten von Menschen, Dingen, Ereignissen und Schicksalen aus vergangenen Zeiten, die uns häufig fremd sind, aber ebenso häufig sehr nahe gehen. Diese Ambivalenz ist das Faszinosum bezogen auf Geschichte und vergangene Zeiten. Ich arbeite in meiner Forschung mit Dokumenten, die teils seit 300 Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen hat oder die teils sogar niemals zuvor geöffnet wurden: ein Kaufmannsarchiv etwa aus dem Bug eines Schiffes oder Postsäcke mit Hunderten noch verschlossener Briefe, die nie angekommen sind und heute zum ersten Mal geöffnet werden. Diese Momente sind einmalig – und ich erlebe sie noch dazu meistens nicht allein, sondern im Team, mit Kolleg*innen, auch mit Studierenden – wir teilen also diese einschneidende Erfahrung, die wiederum, bezogen auf die junge Generation, auch deren Bild auf Geschichte nachhaltig prägt. Es ist ein Privileg und auch eine Verantwortung, mit diesen historischen Dokumenten arbeiten zu dürfen und ebenfalls eine besondere Aufgabe, die Arbeit der Geschichtswissenschaft an die nächste Generation weiterzugeben, vor allem aber ist es ein unheimlich spannendes Berufsleben – also alles andere als verstaubt.

 

In der Geschichtsvermittlung liebe ich es, Aha-Effekte zu erzeugen und zum eigenen Denken anzuregen. Das mache ich seit einigen Jahren gerne mit spielerischen Elementen, auch mit Computerspielen oder anderen digitalen Medien – bis hin zu Storytelling-Formaten oder der Spielentwicklung. Spielen ist etwas, was Generationen verbindet – von Schüler*innen zu Studierenden, hin zum sehr breiten Publikum am Museum. Alte Dokumente und digitale spielerische Vermittlung – die Materialität der Geschichte und die Digitalität des 21. Jahrhunderts – das ist eine unheimlich spannende Kombi. Für das Schifffahrtsmuseum entsteht derzeit etwa in Kooperation mit der Flinders University ein 3D-Modell eines Bremer Schiffes, basierend auf historischen Dokumenten und Schiffsmodellen, das hoffentlich später durch VR begehbar sein wird.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Ich kann das sogar ganz konkret machen, weil ich meine Arbeit schon häufiger im Rahmen von öffentlichen Events für „Jung und Alt“ vorgestellt habe. Ob in einer Kneipe, bei Events für „Best Ager“, in Workshops für Schulen oder jüngst bei der SAiL in Bremerhaven. In der heutigen Zeit, in der Wissenschaft oft unter Beschuss gerät, ist diese Wissenschaftskommunikation unheimlich wichtig. Also will ich etwas berichten, wie die Menschen von meiner Arbeit erfahren – noch anschaulicher wäre es natürlich, sie kommen einmal selbst zu so einem Event dazu, aber ich versuche anschaulich zu beschreiben. Ich bringe zu Events manchmal eine originale (aber ausgemusterte) Archivbox mit. Das ist zunächst eine unscheinbare Kartonbox mit einer Nummer drauf. Wenn Sie im Archiv etwas bestellen, kommt es in so einer Box auf Ihren Tisch. Ich lasse die Menschen die Box dann selbst öffnen und den Inhalt entdecken. Und siehe da: in der Box befinden sich zahlreiche Dokumente und Dinge, die sich auch in Wahrheit in den Boxen im Archiv wiederfinden – Hunderte gefaltete Briefe, Perlen, Spielkarten, Blumensamen. Die Dinge sind natürlich Reproduktionen und normalerweise befinden sie sich nicht nur in einer Box, sondern verteilt auf mehrere Archivboxen. Aber mehr als eine Box bekomme ich nicht zu Events hingeschleppt. Wichtiger ist sowieso: zu jeder dieser Gegenstände und Briefe gibt es eine Geschichte, die auf echten Überlieferungen beruhen und die die Besuchenden daraufhin gemeinsam mit mir entdecken. Nur zwei Beispiele: In der Archivbox befindet sich ein Heft, vergilbt und mit Wasserflecken. In so einem Heft übte einst der Matrose Johan Pohl das Schreiben – und er übte es, wie wir es heute in der Schule lernen, indem er die Buchstaben des ABC wiederholte (und später Zeilen des „Vater Unser“). Nur drückte Pohl nicht die Schulbank, sondern er übte eventuell auch mit anderen Matrosen im Bug des Bremer Schiffes Concordia – vor Anker in der Karibik im 18. Jahrhundert. Ein zweites Beispiel sind gefundene Kinderbriefe, von denen heute häufig gerade Kinder und Jugendliche sehr angetan sind: die Kinder in den Briefen von Anfang des 19. Jahrhunderts wünschen sich Spielzeug und Bonbons. Das Besondere an den Briefen? Die Kinder befinden sich am Kap der Guten Hoffnung und schreiben diese Bitte an ihren Vater in den Niederlanden. Der Brief braucht mehrere Wochen, manchmal Monate bis er am Zielort ankommt – und tatsächlich kamen gerade diese Briefe tragischerweise nie an. Meine Frage nach diesen Beispielen: Hätten Sie nun Lust weitere dieser Briefe zu lesen?

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Ich wurde das Gleiche einmal während des Studiums gefragt. Da habe ich Kurt Tucholsky zitiert: 'Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte.' Dieser Satz hat für mich bis heute Gültigkeit. Geschichtswissenschaft basiert – zumindest meinem eigenen Anspruch und Ansatz nach – auf internationaler Zusammenarbeit und kooperativen Methoden und gemeinsam entwickelten Innovationen, die die Welten heute zusammenbringt – auf Forschung, die vereint und Gemeinschaft bildet, wo derzeit an vielen Stellen versucht wird, Keile zwischen Menschen zu treiben. Geschichtswissenschaft hat zudem die wichtige Aufgabe aufzuklären und Unrecht in der Vergangenheit aufzudecken oder Erinnerung wachzuhalten – und zum Beispiel zu begründen, warum manche Statuen heute zu Recht eingerissen werden. Und zuletzt stehen wir auch in der Öffentlichkeit, um zu zeigen, dass Geschichte etwas ist, was wir alle haben, individuell, kollektiv und global. Ohne Geschichte zu verstehen, verstehen wir das Heute nicht. Geschichte prägt unser Bild der Welt. Und ohne, dass es an dieser entscheidenden Scharnierstelle professionelle Historiker*innen gibt, die Geschichte erforschen und auf wissenschaftlicher Grundlage lehren, überlassen wir dieses wichtige Feld Menschen, die die Geschichte stattdessen zur Manipulation nutzen wollen, die die Geschichte umschreiben wollen, nicht der Wahrheit, sondern dem Eigennutz und sogar totalitären Visionen verpflichtet sind. Alleine kann ich das nicht aufhalten, aber ich sehe, dass wir als Wissenschaftler*innen, gerade auch in den Geisteswissenschaften – in Museen, Archiven und Universitäten und auch in der Schule – gemeinsam eine wichtige Stimme haben, die gehört wird und weiter gehört werden sollte.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Die Weltrettung überlasse ich anderen und das Thema Fortschritt ist in den Geschichtswissenschaften selbst ein umstrittenes Konzept. Im Zentrum meiner Arbeit als Historiker steht tatsächlich weniger die Frage, was sich aus der Geschichte heraus bis heute entwickelt haben könnte oder welche Fortschritte früher gemacht wurden, sondern vielmehr untersuche ich die vergangenen Epochen als einen eigenständigen Forschungsgegenstand. Mich interessiert, wie Menschen damals Wandel erlebt, beschrieben und bewertet haben – also wie sie ihre eigene Gegenwart verstanden haben, welche Vorstellungen, Wünsche und Ängste sie hatten und mit welchen Deutungsmustern sie ihre Welt interpretierten. Es geht mir also vor allem darum, die Sinnstiftung und gesellschaftliche Verankerung der Menschen in ihrer eigenen Zeit nachzuvollziehen. Der Fokus auf die Wahrnehmung der Zeitgenossen in ihrer Epoche – in meinem Falle der sogenannten Epoche der „Frühen Neuzeit“ (ca. 1500–1800) – ist aber auch für heute relevant: Er hilft uns zu verstehen und einzuordnen, wie Menschen damals mit Wandel, Unsicherheit und gesellschaftlichen Herausforderungen umgingen. Das schärft unseren Blick für gegenwärtige Reaktionsmuster in Krisenzeiten sowie für unterschiedliche Sinnstiftungen und Identitätskonstruktionen. Indem wir vergangene Lebenswelten in ihrer Eigenständigkeit ernst nehmen, hinterfragen wir gleichzeitig zu lineare, sogenannte „teleologische“ Geschichtsbilder und eröffnen stattdessen plurale Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – eine wichtige Grundlage für eine reflektierte Diskussion aktueller gesellschaftlicher Fragen.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Die intensive Quellenrecherche und Quellenarbeit begeistert mich. Quellenanalyse und Quelleninterpretation sind die Grundhandwerkzeuge von Historiker*innen. Wer das nicht beherrscht, dem helfen auch keine übergreifenden Forschungsmethoden. Die Forschungsmethoden, die ich in der Vergangenheit genutzt oder sogar mitentwickelt habe, sind die der Praxeologie (kurz erklärt: den Blick auf die alltägliche Praxis historischer Akteure zu richten) und die der Mikrogeschichte (kurz erklärt: wir schauen uns im Brennglas ein bestimmtes Phänomen an und schließen mittels Kontextualisierung auf größere historische Zusammenhänge). Im Moment interessiere ich mich vor allem für globalgeschichtliche Fragestellungen und digitale Methoden, weil ich denke, dass diese Methoden – und ja, auch KI – völlig neue Fragestellungen generieren werden – in allen Wissenschaften. Da können wir gespannt sein, welche Erkenntnisse die nächsten Jahre hervorbringen werden. Uns als Historiker*innen kommt uns auch hier wieder die Rolle der kritischen Beurteilung zu.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremerhaven? Und woher kamen Sie?

Ich arbeite derzeit als Senior Researcher am Deutschen Schifffahrtsmuseum, Leibniz Institut für Maritime Geschichte, in Bremerhaven. Ich komme von der Universität Oldenburg, wo ich seit 2014 als Dozent arbeite und seit 2018 als Forschungskoordinator und PR-Manager des sogenannten „Prize Papers Projects“ (www.prizepapers.de) aktiv bin. Meine aktuellen Forschungen basieren auf zwei Kapergerichtsfällen aus diesem Archivbestand: einem Schiff aus Bremen, das im Ärmelkanal auf der Rückreise aus der Karibik im Siebenjährigen Krieg gekapert wurde und einem Postsack mit Briefen von Sträflingen auf einem Gefangenentransport nach Australien. Bezogen auf das Thema Spiele und Vermittlung habe ich 2020 das Gamelab in der Villa Geistreich gegründet, das sich dem praktischen Einsatz von Spielen im Unterricht widmet.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Die Innovationskraft und Internationalität der Forschung, gerade auch die derzeitigen Investitionen in den Bereich der Digital Humanities, aber auch die Mentalität und der Zusammenhalt der Menschen. Den Norddeutschen wird ja (meist aus Richtung Süddeutschland) eine gewisse Kühle unterstellt. Als Süddeutscher, der seit der 3. Klasse im Norden lebt, kann ich dazu nur sagen, dass das völliger Quatsch ist. Nur weil ein „Moin“ kurz und bündig rüberkommt, büßt es dennoch nichts an Herzlichkeit ein – ganz im Gegenteil liebe ich die kurze, direkte Bremer und Bremerhavener Art mehr als blumige Worte – auf gewisse Weise gilt das auch für Förderanträge (weniger für Interviews).

  • Fehlt Ihnen etwas?

Es wird schon viel geboten. Wenn ich mir etwas wünschen könnte: Mehr individuelle und niedrigschwellige Fördermöglichkeiten in den Geisteswissenschaften für unkonventionelle Formate und experimentierfreudige, ausgangsoffene Projekte – das gilt zum Beispiel für den Bereich der Verbindung von Forschung und Spielentwicklung, indem sehr viel Innovationspotential liegt. Mehr Förderung studentischer Forschung stünde auch auf meiner Agenda.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Tatsächlich wohnen wir mit der Familie auf dem Land – nicht zuletzt, weil Wohnraum in der Stadt nicht günstig ist, aber auch wegen der Ruhe. Wir genießen das Landleben mit den Kindern und unserem Hund sehr. Ich liebe es dann aber auch ab und an in die großen Städte zu reisen – dann aber auch wieder nach Hause zu kommen. Je nachdem, wo die Reise hingeht, fahre ich Zug, Rad oder eben Auto.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Das Beispiel liegt eigentlich auf der Hand – und ich vermute, dass es in diesem Zusammenhang schon häufiger genannt wurde, auch wenn ich es nicht überprüft habe. Ich meine die Bremer Stadtmusikanten. Dabei denke ich nicht nur an ein einziges Tier, sondern an alle vier – denn sie stehen sinnbildlich für das, was mich an der Forschungslandschaft in Bremerhaven und Bremen besonders fasziniert: die Vielfalt und die kreative Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg. Genau wie die vier Tiere ziehen hier unterschiedliche Disziplinen gemeinsam in eine Richtung, vereint durch ein gemeinsames Ziel. Mit einem kleinen Unterschied: Anders als die Stadtmusikanten, die Bremen nie wirklich erreicht haben, sind wir Forschenden hier tatsächlich vor Ort angekommen.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Meine Antwort wird hier nicht verwundern. Die Corona-Pandemie war für mich und viele Kolleg*innen weltweit eine große Herausforderung. Stellen Sie sich nur vor, Sie erforschen ein historisches Thema und die Archive sind verschlossen, Reisen sind nicht mehr möglich. Wir haben viele tolle Formate gefunden, der Vereinsamung in der Wissenschaft (und privat) zu entgehen, kollektiv zusammenzuarbeiten, aber die Archivrecherche kann nichts ersetzen. Zu unserem Glück haben auch viele Archive und Museen innovative Formate entwickelt, Zugang zu historischen Dokumenten zu ermöglichen und es wurde viel digitalisiert. Dennoch wird die Pandemie für viele Lebensläufe eine einschneidende Wirkung gehabt haben.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Tatsächlich befinde ich mich gerade jetzt in einer für wissenschaftliche Karrieren nicht unwesentlichen Phase. Ich arbeite derzeit an meiner Habilitation. „Habilitieren“ ist quasi der nächste Schritt nach der Doktorarbeit – in der Geschichtswissenschaft in Deutschland schreiben wir dazu häufig das sogenannte „zweite Buch“ – es sind aber auch andere Forschungsformate denkbar, um zu habilitieren.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Ich würde die Frage lieber in Richtung des Anspruchs an mich selbst umformulieren. Ob ich damit „erfolgreich“ bin, mögen dann andere beurteilen. Freiheit der Forschung ist mir wichtig – Unabhängigkeit der Forschung – und dazu gehört übrigens auch, dass man denen, die gleiches behaupten, aber in Wirklichkeit gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung auch an den Universitäten vorgehen, die Stirn bietet – etwa durch verstärkte Initiativen zur Förderung der Erinnerungskultur. Zweitens ist mir Zusammenarbeit wichtig, Offenheit für Kooperation – die besten Projekte entstehen aus gemeinsam entwickelten Ideen. Drittens sollte Vermittlung kein Nebenschauplatz von Wissenschaft sein, sondern immer als Investition in die Zukunft gesehen werden. Viele Studierende, die ich über Jahre begleiten durfte, vom Bachelor bis zum Master, sind heute Lehrkräfte oder haben selbst eine universitäre Karriere eingeschlagen. Viertens sollte Forschung nahbar sein: im Museum, an der Uni und in der Schule. Im Museum freue ich mich zum Beispiel immer darüber, wenn Anfragen zu Veranstaltungen zur Wissenschaftskommunikation kommen und ich mag Formate wie „Forschung trifft Vermittlung“ sehr – nicht zuletzt, weil auch hier spielerische Formate natürlich spannend sind. In meinem Gamelab arbeite ich darüber hinaus sehr aktiv mit Studierenden und Schüler*innen zusammen. Diese Arbeit stimmt mich oft sehr zuversichtlich, weil die jungen Menschen ungemein aktiv, engagiert und reflektiert sind – obwohl ihnen immer anderes unterstellt wird (was im Übrigen in der Geschichte schon häufiger ein Topos gerade aus Richtung der älteren Generation war). Ein letzter sehr persönlicher Anspruch: klingt vielleicht abgedroschen, aber ein Aspekt, der mir in meiner Arbeit sehr wichtig ist, ist ein respektvoller Umgang miteinander – „Kindness ist Key“. In der „Wissenschaftsbubble“ gibt es dazu einen ähnlichen Ausspruch: “If you can’t say anything nice, say it in a footnote“. Mit der sogenannten Ellbogen-Mentalität kann ich nichts anfangen und verstehe auch Kolleg*innen nicht, die diesem Weg folgen. Ich mag den offenen Dialog und die konstruktive, gern auch strenge Kritik – daraus profitieren wir letztlich in der Wissenschaft gegenseitig – persönlich, in Kolloquien, Konferenzen, in Büchern und Rezensionen und in Netzwerken. Teils entsteht daraus ein jahrelanger Austausch mit Kolleg*innen, die sich gegenseitig auf ihrem Weg begleiten.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Vielleicht kein Scheitern, aber ein wichtiger Lernprozess. Als Forscher*in arbeiten wir oft sehr viel, auch am Wochenende und abends. Ich brenne für meinen Job und liebe auch die ruhigen Abendstunden zur Arbeit. Was dabei aber nicht zu kurz kommen darf, ist die Familie. Tatsächlich war das eine Art „positiver“ Nebeneffekt der Corona-Pandemie, während der ich viel zu Hause war – während der meine Kinder auf der einen Seite viel über die Arbeit ihres Papas erfahren haben, die aber auf der anderen Seite vor allem auch mir selbst gezeigt hat, dass „Papa sein“ letztlich der wichtigste Job in meinem Leben ist.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Den Kopf frei bekomme ich beim Sport. Ich mache selbst Brasilian Jiu-Jitsu (BJJ) und jüngst ist als neues Hobby das BMX fahren dazugekommen – nicht ganz freiwillig, sondern Dank meines Sohnes, der schlicht nicht akzeptiert, dass ich nicht mit ihm in die Skatehalle fahre (und insgeheim finde ich es mittlerweile auch ganz cool).

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht nach Bremerhaven. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Schiffe gucken? Klingt vielleicht etwas romantisch. Aber am Wasser sitzen ist immer toll, gerade wenn man an der Maritimgeschichte oder Meeresforschung interessiert ist. Wohntipps will ich nicht geben, dazu kenne ich mich selbst nicht gut genug in der Stadt aus. Ich könnte eher Spazierstrecken auf dem Land oder im Wald empfehlen – oder Freizeitparks für die Kids.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Ich würde mit ihnen zusammen in die tollen Museen gehen – wie das Schifffahrtsmuseum oder das Überseemuseum, ich würde über die Schlachte in Bremen schlendern oder im Fischereihafen in Bremerhaven die Sonne genießen – das ist quasi auch semi-offiziell das Willkommensritual am Forschungsdepot des DSM, das ich selbst durchlaufen durfte. Ich würde ihnen auch zeigen, dass sich der Weg in die Archive lohnt. Die Menschen, die man dort trifft, sind oft super hilfsbereit und machen einen tollen Job – ein nettes Gespräch mit den Mitarbeitenden dort finde ich z.B. viel cooler als irgendeinen Promi zu treffen.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Es müsste ein spezifischer Tag sein. Dann würde ich mit Thomas Schaaf tauschen für den 08. Mai 2004 – und damit komme ich auch zur ersten Frage zurück, denn auch für diesen Tag spielt der Bremer Flughafen eine nicht unwesentliche Rolle.

Ein Mann lächelt freundlich in die Kamera. Hinter ihm fließt ein Fluss.

Fachbereich / Forschungsfeld
Geschichte / Digital Humanities

 

Aktuelle Position / Funktion
Historiker / Senior Researcher

 

Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte
Die Bremer Concordia | Die Briefe der Häftlinge | Gamelab

 

Geburtsjahr
1985

 

Familienstand
verheiratet und zwei Kinder

 

Homepage
https://www.dsm.museum/en/about-us/team/dr-lucas-haasis

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