Wissenschaft persönlich: Prof. Dr. Klaus Boehnke

Klaus Boehnke sitzt an einem Schreibtisch und arbeitet an einem Laptop. Auf dem Tisch liegen Büromaterialien, hinter ihm befinden sich Regale mit Büchern und Ordnern.
Wie entstehen unsere politischen Einstellungen – und was hält unsere Gesellschaft zusammen? Prof. Dr. Klaus Boehnke erklärt in „Wissenschaft persönlich“, wie Forschung dabei hilft, Antworten zu finden – und warum Fragebögen dabei eine wichtige Rolle spielen.

© WFB/Jan Rathke

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im April stand uns Prof. Dr. Klaus Boehnke Rede und Antwort: Über den Umgang mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Vielfalt, sozialem Zusammenhalt und politischen Einstellungen sowie die besondere Herausforderung, Studierenden Statistik näherzubringen. In seiner wissenschaftlichen Arbeit stehen Fragebögen und deren Auswertung im Mittelpunkt, um komplexe gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar zu machen. Warum der Senior Professor der Constructor University Forschung auch als Beitrag zum politischen Diskurs versteht, welche Momente ihn in seiner Lehre besonders begeistern und weshalb ihn die internationale und kulturelle Vielfalt am Wissenschaftsstandort Bremen bis heute überzeugt, erzählt er hier bei „Wissenschaft persönlich“.

 

Veranstaltungs-Tipp: Wissensdurst noch nicht gestillt? Am 16. April 2026 hält Klaus Boehnke einen spannenden Vortrag zu "Wie viel Vielfalt braucht der Mensch?" bei SCIENCE GOES PUBLIC im Schwarzen Hermann.

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler bzw. Wissenschaftskommunikator geworden wären?

Das wechselte im Laufe des Lebens. Im Vorschulalter wollte ich Straßenbauarbeiter werden, später dann, angeregt durch das Buch ‚Götter, Gräber und Gelehrte‘ von C.W. Ceram, Archäologe, im jungen Erwachsenenalter dann Schauspieler, und wenn ich heute noch mal etwas anfangen könnte, würde ich Jurist werden wollen.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Auch das wechselte im Laufe der Berufsjahre. Ich arbeite seit 1978 an Universitäten. Da ich immer das –fragwürdige – Privileg hatte, Studierenden verschiedener sozialwissenschaftlicher Fächer Statistik beizubringen, für viele das bestgehasste Teilfach ihrer Ausbildung, war es immer eine ganz besondere Freude, wenn es in einem Kurs mehr als 10% der Kursteilnehmer:innen gab, die sich für Statistik begeistern konnten. Heute hat sich diese Freude dahingehend entwickelt, dass ich besonders begeistert bin, wenn sich herausstellt, dass vormalige Studierende die statistischen Verfahren, die sie bei mir gelernt haben, mittlerweile deutlich besser beherrschen als ich.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Der Stand wäre mit einem Banner „Vielfalt gewinnt“ geschmückt. Interessierte müssten einen Fragebogen ausfüllen, wie ich ihn in einer meiner Studien (dem „Vielfaltsbarometer“) eingesetzt habe, und bekämen, wenn sie den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben, von mir 10 Lose, die ich zuvor bei der benachbarten Losbude erworben habe, umsonst.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich befasse mich in meiner Forschung eigentlich ausschließlich mit – in irgendeiner Weise – politischen Themen, so dass ich manchmal behaupte, meine Forschung sei mein politischer Aktivismus. Damit sie, die Forschung, das aber wirklich ist, muss ich meines Erachtens als Wissenschaftler selbst für die Verbreitung meiner Ergebnisse sorgen. In einer meiner vom Bundesinnenministerium finanzierten Studien, in der es um Heimatverbundenheit ging, kam z.B. heraus, dass Migranten, die in Deutschland bleiben wollen, ein höheres Maß an Verbundenheit mit ihrer – neuen – Heimat haben als Deutsche, die seit Generationen hier leben. Dies – als Beispiel – bekannt zu machen, halte ich für meine Pflicht.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Mit dem Fortschritt ist das so ‘ne Sache. Ich denke zumindest, dass ich mit meiner Themenwahl—es geht um Wertewandel, Rechtsextremismus, Antisemitismus, sozialen Zusammenhalt, gesellschaftliche Vielfalt und ähnliche Themen—sehr nah dran bin an gesellschaftlich relevanten Problemfeldern, aber dass ich dadurch mehr als ein sehr kleines Quäntchen zur Rettung der Welt beitrage, wage ich zu bezweifeln.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Mein wichtigstes Arbeitsinstrument dürfte bereits deutlich geworden sein: Es ist der Fragebogen. Die damit erhobenen Daten mit anspruchsvollen, recht komplexen Auswertungsprogrammen für neue Erkenntnisse zu nutzen, macht mir Spaß—ja, ich denke wirklich, dass Wissenschaft Spaß machen muss.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Mein Startpunkt war meine Geburtsstadt Oldenburg. Dort habe ich am Alten Gymnasium Abitur gemacht. Bereits während der Schulzeit habe ich ein Jahr in den USA, in Kalifornien, verbracht. Studiert habe ich in Saarbrücken, Bochum und Berlin. In Berlin begann auch meine berufliche Laufbahn an der Technischen und später an der Freien Universität. Meine erste Professur trat ich 1993 an der TU Chemnitz an. Sehr viel dazugelernt habe ich während vielmonatiger Auslandsaufenthalte in Canberra (Australien), Toronto (Kanada) und Singapur. Seit dem 1.2.2002 lehre und forsche ich an der damaligen International University Bremen (IUB), der späteren Jacobs und jetzigen Constructor University.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Die IUB, jetzt Constructor University, habe ich von Anfang an als einmaliges Experiment empfunden, insbesondere für kulturelle Vielfalt mit Studierenden aus rund 100 Ländern. Ich habe für den Wechsel von der TU Chemnitz nach hier eine Lebenszeit-Beamtenstelle für befristete Kettenverträge aufgegeben und es nie bereut. Zurzeit profitiere ich davon, dass es an einer privatwirtschaftlich konstituierten Universität keine Zwangsverrentung gibt, ich also so lange arbeiten kann, wie es für mich und meinen Arbeitgeber ertragreich ist.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, denen nichts fehlt. Ich gehöre jedenfalls nicht dazu. Aber es sind eher die unerfüllbaren Wünsche, die mich umtreiben: Verlangsamtes Altern wäre schön.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Leider muss ich hier ein Geständnis ablegen. Da ich nicht mehr so gut zu Fuß bin (Thema Altern), lege ich die allermeisten Wege inzwischen mit dem Auto zurück oder lasse mich von meinem jüngsten Sohn (18) fahren, wenn er Zeit hat.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Da muss ich lange nachdenken. Durch den Kopf gehen mir Hecht, Fuchs und Eichhörnchen. Von den damit verbundenen Redensarten (‚Hecht im Karpfenteich‘, ‚schlauer Fuchs‘ und ‚mühsam ernährt sich das Eichhörnchen‘) scheint mir die letztere am besten auf die Situation in unserer Stadt zuzutreffen: Alle Hochschuleinrichtungen (ob privat oder öffentlich) kämpfen mit einer Unterfinanzierung und sind doch wendig und schnell (wie das Eichhörnchen) aus den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln viel zu machen.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Zweimal in meinem Leben gehörte ich zu den Leitungsgremien bedeutender Forschungs- und Lehrprojekte, zunächst in Chemnitz, als wir uns erfolgreich um die Einrichtung der allerersten DFG-Forschungsgruppe an der dortigen TU bewarben. Noch wichtiger dann als der zusammen mit der Universität Bremen gestellte Antrag auf Einrichtung der Bremen International Graduate of Social Sciences (BIGSSS) im Jahr 2007 bzw. auf Verlängerung im Jahr 2011 erfolgreich verteidigt werden musste. Die BIGSSS gibt es weiterhin und sie bildet nach wie vor erfolgreich eine Vielzahl von Doktorandinnen und Doktoranden aus aller Welt aus.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Nun ja, mit fast 75 Jahren naturgegeben nicht mehr so viel. Ich bin heute bei großen Anträgen eher ‚Senior Advisor‘, also erfahrener Ratgeber als Initiator und Zugpferd, bemühe mich aber weiterhin um Forschungsmittel, gelegentlich auch noch mit Erfolg. So arbeitet meine Arbeitsgruppe aktuell intensiv am Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung mit. Beim staatlichen südafrikanischen Telekommunikationskonzern (TELKOM) bemühen wir uns um Mittel für eine kleine Studie zum Thema ‚Internet und gesellschaftlicher Zusammenhalt‘.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Am wichtigsten scheint mir – und das kann ich auch jungen Kolleginnen und Kollegen uneingeschränkt empfehlen – sich nicht von Niederlagen entmutigen zu lassen. Von meinen etwa 50 Forschungsanträgen, die ich in den gut 40 Jahren seit meiner Promotion 1985 gestellt habe, war die deutliche Mehrheit nicht erfolgreich! Das heißt aber immer noch, dass ich gut 20 kleinere und größere drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte durchführen konnte, aus denen seit den frühen 1980er Jahren fast 600 Publikationen hervorgegangen sind. Wenn ich nach der ersten oder vielleicht der zweiten Ablehnung aufgegeben hätte, wäre das nicht möglich gewesen.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler scheitern kontinuierlich oder sie stellen nicht in hinreichender Anzahl Anträge auf finanzielle Förderung. Nicht aus jeder Ablehnung kann man etwas lernen; manchmal hat man einfach Pech gehabt. Lernen sollte man aus Ablehnungen vor allem: wieder ‚aufstehen‘ und den nächsten Antrag stellen….

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Fußball—in meinem Alter allerdings nur noch als Zuschauer. Als gebürtiger Oldenburger schlägt mein Herz für den dortigen VfB. Aber wie heißt die Redensart? „When in Rome, do as the Romans“, also „wenn Du in Rom bist, verhalte Dich wie die Römer“. Natürlich bin ich als 2002 Zugezogener Werder-Fan. Um beide Vereine ist es aktuell nicht so gut bestellt. Der VfB hat in der Regionalliga Nord gerade die Meisterschaft und den damit verbundenen Aufstieg in die dritte Liga verspielt. Werder steckt mitten im Abstiegskampf. Die letzten Liga-Pflichtspiele der 1. Mannschaften beider Vereine sind 45 Jahre her. Die beiden einzigen Siege des VfB fanden vor meiner Geburt, 1949 und 1950, statt. Einmal musste ich in einem Auswärtsspiel des VfB im Weserstadion eine 7:1-Niederlage des VfB erleben, bei der Dieter Meyer für Werder 4 Tore hintereinander erzielte. Ein anderes Auswärtsspiel, das 1959 wohl 1:1 ausging, erlebte ich im Burgwallstadion beim Spiel des Blumenthaler SV gegen den VfB. Dies könnte sich in der kommenden Saison hoffentlich wiederholen, und ich wäre erneut dabei.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht es nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Ich bin inzwischen überzeugter Bremen-Norder, aber man muss zugeben, viel ‚los‘ ist dort nicht. Immerhin kann man im Bremer Norden gut studieren. Der bekannte Rechtsextremismusforscher Wilhelm Heitmeyer sagte bei seinem ersten Besuch auf unserem Campus: „Oh, little Harvard.“ Aber ja, abends herrscht doch eher ein Übermaß an Ruhe, also auf ins Viertel.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Als Erstes fällt mir da das Ensemble des Bremer Theaters ein. Auch wenn ich leider niemanden davon persönlich kenne, finde ich die Aufführungen, die ich dort sehe, immer wieder spritzig, jung und vor allem politisch. Das sollten sich Jungwissenschaftler:innen nicht entgehen lassen.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Am liebsten würde ich, glaube ich, mit dem Chefkoch eines der besseren Bremer Lokale tauschen—ich koche gern—vielleicht mit Stefan Ladenberger vom Kleinen Lokal im Schnoor.

Klaus Boehnke steht im Freien vor einem Glasgebäude.

© WFB/Jan Rathke

Fachbereich / Forschungsfeld
Social and Decision Science

 

Aktuelle Position / Funktion
Senior Professor of Social Science Methodology

 

Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte
Verschiedene Forschungsprojekte im Themenfeld ‚Politische Sozialisation‘

 

Geburtsjahr
1951

 

Familienstand
verheiratet

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