Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen – und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.
Im Novemer stand uns Prof. Dr. Kerstin Schill Rede und Antwort: Als Leiterin des Instituts für Kognitive Neuroinformatik an der Universität Bremen und Rektorin des Hanse-Wissenschaftskollegs in Delmenhorst beschäftigt sie sich unter anderem mit der Frage, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und dieses Wissen auf intelligente technische Systeme übertragen werden kann. Im Interview erzählt sie, warum wissenschaftliche Geistesblitze sie besonders begeistern, was Fortschritt für sie bedeutet und weshalb sie sich 2003 für Bremen als Wissenschaftsstandort entschieden hat. Alle Antworten lest ihr hier bei „Wissenschaft persönlich“.
Folgende Liste ist unvollständig und nicht chronologisch sortiert: Floristin, Pilotin, Klimatechnikerin, Köchin…
Als Wissenschaftlerin waren für mich unbeschreibliche Augenblicke, die Momente, als ich mich sehr intensiv und lange mit einer bestimmten wissenschaftlichen Frage auseinandergesetzt habe (ich träumte auch davon) und plötzlich, ohne Zutun eine Erkenntnis - ein Geistesblitz für die Lösung - da war.
Als Rektorin widerum begeistert mich, dass ich die Möglichkeit habe, jedes Jahr aus fast 30 Ländern Menschen aus verschiedensten Fachrichtungen und unterschiedlichen Kulturen in ihrer wissenschaftlichen Arbeit erleben zu dürfen.
Ein Ziel unserer Arbeit ist es herauszubekommen, wie Menschen räumliche Umgebungen in ihrem Gedächtnis speichern. Daher wäre mein Stand eine 2,5 m große Kugel aus Kunststoff, die auf Rädern gelagert ist, in der die Besucher:Innen ausgestattet mit einer VR-Brille laufen. Sie gehen dabei virtuell durch unterschiedlichste Räume, die durch die Brille projeziert werden, und die Wege die sie dabei nehmen in der realen Welt gar nicht möglich wären. Das erstaunliche ist, die Besucher:Innen bekommen diesen Umstand gar nicht mit. (Die Kugel ist übrigens bei uns am Institut).
Wir erforschen Grundlagen zu den Leistungen des Menschen, was zunächst ein reiner Erkenntnisgewinn ist. Die Modellierung dieser Leistungen und Übertragung auf technische Systeme kann unser Leben erleichtern und uns z.B. länger autark zuhause leben lassen.
Fortschritt ist für mich, wenn es tatsächlich gelingt, die drei oben genannten Faktoren zusammenzuführen, d.h. den Kreis von der wissenschaftlichen Erkenntnis, zum theoretischen Modell bis zur Anwendung zu schließen. Sprich wenn theoretisch wissenschaftliche Konstrukte praktische Anwendung finden. Die Welt ist damit nicht gerettet. Aber das Leben z.B. vieler älterer Menschen wird ggf. ein Stück weit einfacher gemacht und selbstbestimmter.
Lesebrille
Ich kam 2003 von München nach Bremen, hatte dort an der TU Informatik studiert und war danach an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Institut für Gehirnforschung. Ich bekam ein Angebot der Universität Bremen für eine Professur zeitgleich mit einem weiteren Ruf. Ich entschied mich für Bremen, weil es mir die Möglichkeit bot Privates und Berufliches besser zu vereinen.
Als ich wenige Tage in Bremen war, traf ich auf dem Campus den damaligen Rektor Wilfried Müller. Er kam auf mich zu und fragte, ob es mir gut ginge - unvorstellbar an der LMU in München. Die Universität Bremen unterstützt mich, glaubt an meine Ideen und schätzt meine Arbeit.
…manchmal die nördlichste Stadt Italiens.
Dadurch, dass ich in meinen beiden Funktionen häufig an einem Tag sowohl am Institut an der Universität wie auch am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst bin, nehme ich das Auto (hybrid).
Mit einem Oktupus, er ist extrem neugierig, intelligent, lern- und anpassungsfähig und besitzt 8 Arme, die unabhängig dezentral entscheiden um dann mit dem zentralen Gehirn das bestmögliche Verhalten zu erzeugen.
Als Vizepräsidentin der DFG musste ich in letzter Zeit Gremien zu relativ schwierigen und kontroversen Themen leiten, wie z.B. die Rolle von KI in der wissenschaftlichen Begutachtung, und eine gemeinsame Lösung erarbeiten (Stichwort: 5 Stühle 7 Meinungen).
…7 Stühle 10 Meinungen
Egal in welcher Funktion ich gerade tätig bin, bin ich soweit es mir möglich ist, ich selbst. Das schafft Vertrauen. Die Menschen wissen woran sie bei mir sind.
Ein Institut leiten heißt u.a. die Karriere wissenschaftlicher Mitarbeiter so gut es geht zu fördern. Meist ist damit für die Mitarbeiter:in der Erhalt eines Doktortitels verbunden. Danach folgt das Verlassen des Institutes, man kämpft um das Bleiben guter potenzieller Mitarbeiter:Innen aber scheitert aus Mangel an weitergehenden Stellen. In meiner Zeit als Dekanin des Fachbereichs habe ich dies auch bei einigen meiner Kolleg:innen miterlebt. Ein menschlicher wie auch fachlicher Verlust. Man lernt seine Grenzen kennen.
Lesen, Kochen und mein Garten
Wohnen in Findorff und der Neustadt. Feiern im Viertel.
Mit möglichst vielen Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen der Universität um sich einzufinden.
Ich gehe davon aus, dass sie dies auf beruflicher Ebene meinen. Dann auf jeden Fall das von Christoph Grunenberg, dem Direktor der Kunsthalle Bremen.
Fachbereich / Forschungsfeld
Informatik/Kognitive Neuroinformatik
Aktuelle Position / Funktion
Leitung des Instituts für kognitive Neuroinformatik an der Universität Bremen und Rektorin des Hanse-Wissenschaftskollegs in Delmenhorst
Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Entwicklung von intelligenten Systemen/Verhaltensexperimente mit Menschen/Modelle zum kausalen Handeln des Menschen und die Übertragung der Ergebnisse auf die Robotik, Autonome Systeme (Strasse/Wasser/Raumfahrt)
Familienstand
Verheiratet, einen Sohn