Wissenschaft persönlich: Prof. Dr.-Ing. Jasminka Matevska

Die Wissenschaftlerin Jasminka Matevska steht in einem Arbeitsraum. Im Hintergrund stehen Bildschirme und vorne befindet sich eine Maschine.
Wie entstehen komplexe technische Systeme – und warum ist Systems Engineering entscheidend für unsere digital vernetzte Welt? Bei „Wissenschaft persönlich“ spricht Prof. Dr.-Ing. Jasminka Matevska über modellbasiertes Concurrent Engineering, Raumfahrtprojekte und ihre Mission in der Lehre.

© WFB/Jan Rathke

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im März stand uns Prof. Dr.-Ing. Jasminka Matevska Rede und Antwort: über interdisziplinäre Zusammenarbeit, effiziente und lösungsorientierte Systementwicklung und die Verantwortung, die mit der zunehmenden Digitalisierung und Komplexität technischer Systeme einhergeht. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit und Lehre geht es ihr darum, das „richtige System“ zu konzipieren – auf Basis eines klar verstandenen Bedarfs und es zugleich systematisch und ingenieursmäßig „richtig“ zu entwickeln. Warum Fortschritt für sie bedeutet, Kompetenzen zu vermitteln und junge Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen, welche Herausforderungen sie geprägt haben und weshalb Bremen als Wissenschaftsstandort kurze Wege und starke Kooperationen bietet, erzählt sie hier bei „Wissenschaft persönlich“.

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler bzw. Wissenschaftskommunikator geworden wären?

Diese Frage habe ich mir in schwierigen Momenten immer wieder gestellt und mir ist nie etwas Passenderes eingefallen.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Wenn wir gewagte Ideen zu konkreten erfolgreichen Konzepten bzw. Ergebnissen führen können. Wenn ich sehen kann, wie wunderbar sich junge Menschen mit unserer Unterstützung in der Lehre und Forschung sowohl fachlich als auch persönlich weiterentwickelt haben.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Ich würde einen „Design Thinking“ Mitmachstand aufstellen, bei dem in einer interdisziplinären Zusammenarbeit ein Beispielproblem bzw. -Bedarf identifiziert und Lösungswege inkl. notwendiger Systeme erarbeitet werden. Denn passende Lösungen sind kein Selbstzweck.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Durch die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung der softwareintensiven technischen Systeme und deren wachsender Komplexität ist es essenziell, eine lösungsorientierte systematische interdisziplinäre Vorgehensweise des Systems Engineering in der Praxis zu etablieren. Dafür ist es notwendig, dass die Curricula in der Hochschulbildung diese Konzepte einbetten, um die entsprechenden Kompetenzen vermitteln zu können.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Indem wir gezielt, lösungsorientiert und systematisch arbeiten, können wir die Effizienz erhöhen, weniger Zeit und Ressourcen benötigen. Wenn wir die Wichtigkeit aller Disziplinen erkennen und anerkennen, leisten wir auch einen Beitrag bezüglich der Wertschätzung. Denn, schließlich erschaffen Menschen Systeme und Lösungen für Menschen. Ich rette die Welt, indem ich jungen Menschen diese Kompetenzen vermittle und sie auf ihrem Weg unterstütze. Das ist meine Mission.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Das richtige System richtig entwickeln. Um DAS RICHTIGE System zu konzipieren und zu realisieren, ist es essenziell, den Bedarf bzw. die Anforderungen der Stakeholder zu verstehen. Um das System RICHTIG zu entwickeln, anzupassen und zu warten, benötigt man eine systematische ingenieursmäßige Vorgehensweise wie Systems Engineering. Ich kombiniere diese beiden Aspekte täglich. Denn auch das technisch perfekte System ist nutzlos, wenn es von niemandem gebraucht bzw. benutzt wird.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Ich komme aus Nordmazedonien, einem kleinen Land mit wunderschöner Natur und viel Sonne. Schon als kleines Mädchen war ich technik-begeistert und wollte Astronautin werden. Ich habe an der Universität in Skopje Elektrotechnik: Informations- und Automatisierungstechnik studiert und bin nach einigen Jahren praktischer Erfahrung an der Universität Oldenburg in Software Engineering promoviert. Im Anschluss meiner Promotion bin ich nach Bremen gekommen und habe mehrere Jahre bei Airbus Defence and Space (damals Astrium GmbH) als Software- und Systemingenieurin, Teamleiterin und Projektmanagerin im Kontext des Columbus Projekts der Internationalen Raumstation (ISS) und des European Data Relay Satellite (EDRS) gearbeitet und die Zertifizierung zum INCOSE Systems Engineering Professional erworben. Somit bin ich meinem Traum nähergekommen und durfte mit einigen Astronauten zusammenarbeiten. Die Professur an der Hochschule Bremen war die logische Konsequenz, da meine Motivation, mein Wissen und meine Erfahrungen an junge Menschen weiterzugeben, ständig gestiegen ist.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Die Vielfalt der Institutionen und die gute Zusammenarbeit mit der Industrie.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Ich vermisse immer wieder die Sonne, unsere Berge und Seen.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Da ich im Umland wohne, benutze ich das Auto, um nach Bremen zu kommen. In Bremen fahre ich in der Regel mit der Straßenbahn.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Chamäleon. Chamäleons sind hochspezialisierte Reptilien, die durch die besonderen Augen einen Rundumblick haben. Sie sind ein Symbol für Anpassungsfähigkeit und Wandelbarkeit. Zugleich sind sie ausgeprägte Einzelgänger, die sehr territorial reagieren.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Es gibt de facto zwei: (1) Eine „summa cum laude“ Promotion mit zwei Kindern und (2) sich durchsetzen als leitende Ingenieurin in der männerdominierten Raumfahrtdomäne.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Ich bin fest davon überzeugt, dass modellbasiertes Concurrent Systems Engineering die Zukunft des Systems Engineering sein wird. Es wird allerdings nicht einfach, diese Überzeugung in die Lehre/Kompetenzbildung an den Hochschulen und in die Praxis bei den Industrieunternehmen umzusetzen.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Nie das Ziel aus den Augen verlieren. Es ist nicht schlimm hinzufallen, wenn man es immer wieder schafft, aufzustehen und weiterzumachen.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Aus einem Konflikt während meiner Industriezeit. Ich habe dadurch erkannt, was ich wirklich erreichen möchte.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Tanzen, Singen, Lachen, Schwimmen, Wandern und die Natur beobachten.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht es nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Als junger Mensch würde ich zentral wohnen und abends an der Schlachte ein Lokal aufsuchen.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Ich organisiere seit 2024 die sog. „Industry Week“ für die neuen Studierenden in meinem Masterstudiengang Engineering and Management of Space Systems (EMSS) und besichtige die meisten im Raumfahrtkontext relevanten Institute (DLR, ZARM, DFKI, ECOMAT) und Unternehmen (Airbus, Ariane Group, OHB). Dort können sie einige Kollegen und Kolleginnen bei der Arbeit kennenlernen.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Loriot. Ich bewundere seine hohe Präzision und ganz subtile Komik.

Portrait Jasminka Matevska

© WFB/Jan Rathke

Fachbereich / Forschungsfeld
Software und Systems Engineering

 

Aktuelle Position / Funktion
- Professorin für Praktische Informatik / Softwaretechnik
- Studiengangsleitung Informatik: Software- und Systemtechnik B. Sc. (klassisch, dual und international) (ISS)
- Studiengangsleitung Engineering and Management of Space Systems M. Sc. (double degree in Kooperation mit der TU Danzig) (EMSS)

 

Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte
Concurrent Engineering in der Raumfahrt, Model-basiertes und agiles Software und Systems Engineering für cyber-physische Systeme 

 

Geburtsjahr
1969

 

Familienstand
verheiratet

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