Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen – und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.
Im Oktober stand uns Farukh Sauerwein Rede und Antwort. Als Doktorand an der Universität Bremen beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich die Nachwendegeneration an die DDR und die deutsche Vereinigung erinnert. Dabei untersucht er, wie Erinnerungen weitergegeben werden und welche Rolle Literatur dabei spielt. Passend dazu moderiert Sauerwein im Rahmen der Feierlichkeiten des Tags der deutschen Einheit am 2. Oktober um 18 Uhr die Podiumsdiskussion „Uneiniges Erinnern". Warum ihn Gegenwartsliteratur begeistert, was Druckbleistift und Post-its mit seiner Forschung zu tun haben und weshalb es ihn 2019 nach Bremen verschlagen hat, erzählt er hier bei „Wissenschaft persönlich“.
Pilot, Journalist, Fahrradmechaniker, Tramfahrer, Lektor, Vermessungstechniker, Umweltingenieur… die Liste ist lang und überraschend vieles davon hat überhaupt nichts mit Literatur zu tun. Mit ein paar Zufällen mehr oder weniger wären diese Optionen aber genauso realistisch gewesen. Ich denke nicht, dass es nur den einen vorgezeichneten Weg gibt, aber gerade in der Schulzeit hängt natürlich viel davon ab, worin man bestärkt wird, und da standen die Naturwissenschaften bei mir immer weit über dem eher konfliktreichen Deutschunterricht. Dass ein Interesse für Bücher mehr sein kann als ein Hobby, ging mir erst Jahre später auf, erscheint mir inzwischen aber vollkommen logisch.
Da ich Gegenwartsliteratur untersuche, herrscht in meinem Forschungsfeld eine große Dynamik, die immer wieder für Überraschungen sorgt: neue Romane erscheinen, Begriffsbedeutungen verschieben sich. Vor fünf Jahren hätte ich noch nicht in der Art an dem Thema forschen können, da es einen Großteil meiner untersuchten Romane und der zugehörigen Forschungsliteratur damals noch gar nicht gab. Dieses wissenschaftliche Neuland zu beackern ist sehr aufregend. Zudem ist es allgemein einfach ein großes Privileg, einem Thema so viel Zeit widmen zu können und es bis in die feinsten theoretischen Verästelungen zu durchdenken. Das genieße ich jeden Tag.
Bücher lassen sich immer schlecht ausstellen, aber die Erinnerungsprozesse, mit denen ich mich beschäftige, finden auch im alltäglichen Leben statt. Deshalb wäre die eine Hälfte des Standes wohl eine Medienstation mit Ausschnitten aus Dokumentationen, Interviews und Zeitungen, in denen deutlich wird, welchen Einfluss mediale Darstellungen auf die Erzählung der ostdeutschen Gegenwart und Vergangenheit haben. In der anderen Hälfte des Standes wären verschiedene Gegenstände wie Küchenutensilien oder Einrichtungsgegenstände ausgestellt, die viele Nachwendekinder als DDR-Fragmente noch aus ihrer eigenen Kindheit kennen. Wenn man über diese Gegenstände ins Gespräch kommt, wird man wahrscheinlich feststellen, dass ihre besondere Bedeutung vor allem aus den weitergegebenen Erzählungen und Erinnerungen entsteht, mit denen sie verbunden sind – genau die interessieren mich.
Romane und ihre wissenschaftliche Betrachtung werden die Welt nicht retten. Da Literatur aber das Potenzial besitzt, gegenwärtige Erinnerungsdiskurse zu verdichten und diese Diskurse gleichzeitig mitzugestalten, sollte man ihre Rolle auch nicht unterschätzen. Wir alle begegnen ständig Erzählungen, auch ohne ein Buch aufzuschlagen. Aktuell befinden wir uns gesellschaftlich in einer Situation, in der die Wahrnehmung der Zukunft mit zunehmender Unsicherheit behaftet ist und sich der Blick deshalb umso mehr auf die Vergangenheit richtet. Eine kritische wissenschaftliche Betrachtung dieser Vergangenheitserzählungen kann helfen, eventuell dahinterliegende Intentionen zu erkennen. Wohin geschichtspolitische Verzerrungen führen können, sehen wir gerade leider täglich in den Nachrichten.
Ganz klassisch: Druckbleistift und Post-its. Methodisch mag ich es, Texte erzähltheoretisch auf ihre formale Struktur und Funktionsweise hin zu untersuchen – wie eine komplizierte Maschine, die man erst versteht, wenn man sie einmal in ihre Einzelteile zerlegt und danach wieder zusammengebaut hat.
Ich wohne seit 2019 in Bremen und die Gründe für den Umzug waren recht pragmatisch: Ich hatte gerade meinen ersten Bachelor in Kreativem Schreiben in Hildesheim beendet, in dem die eigene künstlerische Praxis im Vordergrund stand und mir oft der theoretisch-inhaltliche Input gefehlt hat. Ich entschloss mich daher zu einem Zweitstudium, für das es in Bremen weniger Hürden gibt als in anderen Bundesländern. Außerdem hat mich der Studiengang Integrierte Europastudien durch seine Verbindung von kultur- und politikwissenschaftlichen Schwerpunkten überzeugt. Später kam parallel noch der Master in Transnationaler Literaturwissenschaft dazu und dann bin ich hier mit der Zeit mehr angekommen, als ich das anfangs vorhatte.
Dieser Hauch von Reformuni, der immer noch durch den Campus weht. Außerdem die enge Verzahnung von Wissenschaft und Kultur, zum Beispiel durch das Festival globale°.
Allgemein: dass Herkunft nicht über Bildungschancen entscheidet. Konkret: ein niedrigerer Semesterbeitrag für Studierende. Und eine Sanierung des GW2-Gebäudes.
Mit dem Rad.
Das Eichhörnchen, das sich sprichwörtlich mühsam ernährt. Es ist kein Geheimnis, dass geisteswissenschaftliche Forschung nicht gerade mit einer üppigen Finanzierung gesegnet ist. Umso beeindruckender finde ich, was man in der Bremer Forschung aus dem macht, was vorhanden ist. Manchmal führt es auch zu unvorhergesehenen Lösungen und Kooperationen, aus denen dann wieder wertvolle Impulse entstehen.
Überhaupt ernsthaft darüber nachzudenken, eine wissenschaftliche Laufbahn zu verfolgen. Die Schwierigkeiten mit informellen Regeln, dem Imposter-Phänomen oder der Frage, wie man eine solch unsichere Karriereentscheidung finanziell absichern kann, kennen wohl die meisten First-Generation Academics. Es gibt an Hochschulen viele strukturelle Benachteiligungen, die sich nicht einfach durch Fleiß und harte Arbeit ausgleichen lassen. Umso wichtiger sind Dozierende, die hierfür eine Sensibilität besitzen, diese Erfahrung vielleicht sogar selbst gemacht haben und Studierenden den Mut geben, sich eine solche Laufbahn zuzutrauen. Ich bin sehr dankbar, während meines Studiums in Bremen auf solche Dozierende, aber auch Mitstudierende getroffen zu sein.
Hier könnte ich dieselbe Antwort wie auf die vorhergehende Frage geben, weil sich solche Strukturen mit höheren Karrierestufen eher noch verstärken. Darüber hinaus: eine Dissertation verfassen und verteidigen, Seminare geben, herausfinden, wie es danach weitergeht.
Nicht unbedingt eine Erfolgsformel, aber wenn ich nicht weiterkomme, hilft es mir oft, die Dinge spielerisch zu betrachten. Gerade Literatur ist vor allem ein Spiel: mit Worten, Bedeutungen, Konventionen, Referenzen. Eine zu verbissene Herangehensweise kann da manchmal eher hinderlich sein.
In meinem ersten Studium habe ich Musik als Nebenfach gewählt, weil ich davon geträumt hatte, mich musikalisch mit Liedtexten ausdrücken zu können. Am Ende musste ich hierfür eine Gitarren- und Gesangsprüfung ablegen. Das war die unangenehmste Prüfung meines Lebens, weil ich schon von vornherein wusste, dass ich einfach nicht gut genug bin, obwohl ich über Monate jeden Tag geübt hatte. Erst danach wurde mir klar, dass ich über den unbedingten Wunsch, so etwas wie ein Musiker zu sein, komplett die Freude am Spielen verloren hatte. Die Lehre daraus war eine denkbar einfache: etwas tun, weil man gut darin ist und Freude daran hat, und nicht, weil man dadurch etwas oder jemand sein möchte.
Beim Laufen an der Ochtum, Rennradfahren in der Wildeshauser Geest oder beim Birdwatching.
Wohnen in der Neustadt, wegen der Nähe zum Werdersee und weil hier etwas weniger Trubel herrscht als im Viertel, es aber trotzdem viele schöne Begegnungsorte gibt. Abends weggehen – je nachdem, für einen Film in die Schauburg, für Waldohreulen ins Blockland und für nette Begegnungen zu den Freund:innen, die in Bremen meistens nur ein paar Minuten entfernt wohnen.
Den Teichhühnern im Mensasee. Denen ein paar Minuten beim Dahindümpeln zuzuschauen ist das beste Mittel gegen Stress.
Den Roland. Ich wüsste gern, wie es ist, 600 Jahre auf einem Marktplatz herumzustehen. Und von welchen Erinnerungen man dann erzählen könnte.
Fachbereich / Forschungsfeld
Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität Bremen / Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Aktuelle Position / Funktion
Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter
Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Dissertation zum transgenerationalen Erinnern von DDR und Vereinigung in der Literatur der Nachwendegeneration im Rahmen eines Fokusprojekts zu postsowjetischen und deutsch-deutschen Erinnerungsdiskursen in deutschsprachiger Literatur bei Dr. Urania Milevski
Geburtsjahr
1996