Wissenschaft persönlich: Dr. Dirk Stiefs

Ein Mann, der hinter einem Modell einer Rakete steht, auf der "DLR" geschrieben steht.
Wie begeistert man Kinder für Wissenschaft – und warum spielt Raumfahrt dabei eine besondere Rolle? Bei "Wissenschaft persönlich" bekommt ihr mit Dr. Dirk Stiefs einen Blick hinter die Kulissen des DLR_School_Lab Bremen, wo Neugier zum wichtigsten Antrieb wird.

© WFB/Jan Rathke

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im Januar stand uns Dr. Dirk Stiefs Rede und Antwort: Raumfahrt, Roboter und leuchtende Kinderaugen: Als Leiter der DLR_School_Lab erklärt Dirk Stiefs nicht nur Wissenschaft, sondern macht sie erlebbar – etwa wenn Kinder Roboter über eine Marslandschaft steuern oder mit einer VR-Brille als Astronaut:innen durch die Internationale Raumstation schweben. Warum seine Arbeit weit über Nachwuchsförderung hinausgeht und Bremen dabei eine besondere Rolle spielt, erzählt er hier bei Wissenschaft persönlich“.

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler bzw. Wissenschaftskommunikator geworden wären?

Mein Plan B war es, Lehrer zu werden. Im DLR_School_Lab, dem Schülerlabor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zu arbeiten ist aus meiner Sicht die „Schokoladenseite“ vom Lehrerberuf: Raumfahrt finden fast alle Schülerinnen und Schüler spannend und ich muss mich nicht mit der Notengebung und Konferenzen etc. beschäftigen.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Ich finde meinen Job fast immer klasse. Sowohl die Arbeit mit den Kindern als auch die Arbeit im Hintergrund mit meinem Team. Ich bin bei der Arbeit mit den Kindern für die Führungen im Institut für Raumfahrtsysteme zuständig. Besonders begeistert es mich, wenn die Kinder fasziniert sind. Insbesondere die jüngeren Schülerinnen und Schüler zeigen ihre Begeisterung bei uns deutlich. Es kommt auch immer wieder vor, dass Kinder, die in der Schule nicht als interessiert wahrgenommen werden, sich bei uns sehr interessiert zeigen. Wenn die Lehrkräfte sich positiv überrascht zeigen über das Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler, ist das für mich eine besonders schöne Bestätigung.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Das ist einfach, wir haben zwar nicht auf dem Freimarkt, aber auf anderen Veranstaltungen öfter mal einen Stand, beispielsweise auf der Explore Science im Bürgerpark. Bei uns kann man oft Roboter auf einer Mars-Landschaft steuern, mit VR-Brillen als Astronautin oder Astronaut durch die Internationale Raumstation schweben oder auf dem Mond herumlaufen und Experimente vor Ort durchführen, beispielsweise mit einer Wärmebildkamera oder einer Vakuumglocke. Die Raumfahrt ist ein vielseitiges und dankbares Thema, um die interessierte Öffentlichkeit anzusprechen.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Auf der Hand liegt ja die Nachwuchsförderung und der Fachkräftemangel. Es geht aber noch um viel mehr: Beispielsweise die Wissenschaftskommunikation. Bremen leistet einen enormen Beitrag in der Raumfahrt und nur die wenigsten wissen das. Auch wissen die wenigsten, wie wichtig die Raumfahrt schon heute für unseren Alltag ist. Besonders heute ist es zudem enorm wichtig, die Offenheit der Gesellschaft für Wissenschaft und Forschung zu fördern.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Ich selbst rette sicherlich nicht die Welt, aber meine Hoffnung ist, dass die Kinder und Jugendlichen, die bei uns sind, inspiriert werden. Ich mache das jetzt ja schon seit fast 15 Jahren und ich bekomme immer wieder mit, dass Personen in der Raumfahrt und Wissenschaft arbeiten, die in ihrer Schulzeit bei uns im Schülerlabor tätig waren und immer noch schöne Erinnerungen daran haben.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Die Kinder und Jugendlichen lernen die Raumfahrt bei uns an verschiedenen Experimentstationen kennen. Eine Station, die bei fast allen gut ankommt, ist Robotik. Es ist schön zu sehen, dass die Teilnehmenden oft gar nicht in die Pause wollen, weil sie so viel Spaß daran haben, die Roboter zu programmieren.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Ich wollte zurück in den Norden, damit meine damalige Frau ihr Studium beenden konnte. Ich hatte schon angefangen, mich an Schulen zu bewerben, als ich die Stellenausschreibung für den Aufbau des DLR_School_Lab Bremens gesehen habe. Da dachte ich mir: Das ist genau das, was du machen möchtest!

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Sowohl die Raumfahrt-Community als auch das Netzwerk der Nachwuchsförderung im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in Bremen sind sehr groß und gleichzeitig auch familiär. Man trifft immer wieder die gleichen Leute. Die Zusammenarbeit in den Netzwerken macht großen Spaß, weil die Leute begeistert sind und man in der Nachwuchsförderung auch an einem Strang zieht.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Ja, ich würde mir eine Abordnung von Lehrkräften an das Schülerlabor wünschen. Personen aus dem Schulbetrieb haben auf vieles noch mal einen anderen Blick und könnten bei uns einen wertvollen Beitrag leisten. Andere DLR_School_Labs haben teilweise eine komplette Stelle als Abordnung. Ich kann aber auch verstehen, dass das in Bremen so aktuell nicht leistbar ist.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

In Bremen ist man im Bereich der Raumfahrt durch die Straßenbahn Linie 6 gut vernetzt: Auf der einen Seite die Industrie und Institute im Bereich der Uni Bremen und auf der anderen Seite im Bereich rund um den Flughafen Bremen.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Schwierige Frage! Ich finde es einerseits schön, dass alle so bodenständig sind, andererseits finde ich, dass Bremen ruhig noch stolzer nach außen tragen könnte, was das Land wissenschaftlich leistet. Vielleicht ist der Löwe im Schafspelz ein gutes Bild.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Die größte Herausforderung war die Raumfahrtshow 2019 in Erfurt. Dort habe ich mitmoderiert. Fast 16.000 Schülerinnen und Schüler haben sich die Show vor Ort angeschaut und es wurde auch im Fernsehen übertragen. Die Veranstaltung steht im Guinness-Buch der Rekorde als weltweit größte Science-Show. Begriffen, was wir dort gemacht haben, habe ich erst anschließend abends im Hotel. Als die Anspannung abfiel, kamen mir erst mal die Tränen. Das war krass, aber sehr schön.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Aktuell ist meine größte Herausforderung, dass ich immer noch schlecht nein sagen kann. Es gibt immer mehr Veranstaltungen, bei denen wir vom DLR_School_Lab etwas beitragen sollen und ich habe ja fast immer auch Lust dazu, die Veranstaltungen zu unterstützen. Gleichzeitig muss ich schauen, dass wir unsere Hauptaufgabe gut erledigen: Jedes Jahr über 3.000 Schülerinnen und Schülern einen faszinierenden Besuch bei uns zu ermöglichen.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Ja, ich liebe es zu netzwerken und kann mich für viele Themen begeistern. Das ist sicherlich hilfreich im Bildungsweg und auch im Berufsleben. Gleichzeitig ist es wichtig, sich irgendwann und hoffentlich im richtigen Moment zu entscheiden und zu fokussieren.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Das kann ich schlecht sagen. Das Leben kommt immer wieder mit Herausforderungen und gefühlt kommen die häufig geballt, nicht nach und nach. Was ich gelernt habe: Dass ich es schaffen kann und gestärkt daraus hervorgehe, auch wenn es oft sowohl körperlich, als auch emotional anstrengend sein kann.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Neben Urlauben ist es im Alltag entweder ein Power-Nap oder ein Strategiespiel auf dem Handy, das ich noch aus meiner Jugend kenne.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht es nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Als Student oder Berufsanfänger hätte ich mir eine WG im Viertel gesucht.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Das kommt natürlich auf die Fachrichtung an. Was ich auf jeden Fall empfehlen kann, ist das Netzwerk an Leuten, die in der Wissenschaftskommunikation arbeiten. Ich finde es wichtig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich bemühen, ihre Arbeit der Gesellschaft verständlich zu machen und dafür werben, dass es wichtig und sinnvoll ist. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Ich selbst konnte in meiner Zeit als Wissenschaftler lange kaum meinem Kollegium verständlich machen, woran ich forsche. Das ist bei Leuten, die nicht aus der Wissenschaft kommen umso schwieriger. Das muss man üben und dabei kann man sich von den Menschen helfen lassen, die das professionell machen. Es gibt in Bremen auch viele tolle Formate hierfür, wie beispielsweise Science goes PUBlic.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Ich finde zum Beispiel die Arbeit von Jan Böhmermann gut, auch wenn er bzw. einiges von dem, was er macht und sagt, umstritten ist. Ob ich aber für einen Tag mit ihm tauschen möchte, kann ich schlecht sagen. Ich kenne ja seinen Alltag nicht.

Ein Mann, der im DLR Kittel in die Kamera lächelt.

© WFB/Jan Rathke

Fachbereich / Forschungsfeld
Physik, genauer: Theoretische Physik und komplexe Systeme

 

Aktuelle Position / Funktion
Leiter DLR_School_Lab Bremen

 

Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte
Nachwuchsförderung

 

Geburtsjahr
1979

 

Familienstand
verheiratet

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