Wissenschaft persönlich: Prof. Dr. Claudia Stolle-Wahl

Eine Frau in medizinischer Kleidung demonstriert eine Behandlung an einer Puppe.
Prof. Dr. Claudia Stolle-Wahl ist Studiengangsleiterin des Internationalen Studiengangs Pflege B.Sc. und Sprecherin des Zentrums für Pflegeforschung und Beratung (ZePB) der Hochschule Bremen. Ihre Forschungsfelder umfassen die Akademisierung der Pflege sowie die Qualitätssicherung der Langzeitpflege.

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im Juli stand uns Prof. Dr. Claudia Stolle-Wahl Rede und Antwort: Sie ist Studiengangsleiterin des Internationalen Studiengangs Pflege B. Sc. an der Hochschule Bremen sowie Sprecherin des Zentrums für Pfelegeforschung und Beratung (ZePB). Was Claudia Stolle-Wahl an ihrer Arbeit besonders begeistert und was sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort schätzt, erfahrt ihr hier bei „Wissenschaft persönlich":

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftskommunikatorin geworden wären?

Pflegeheimleiterin, Pflegemanagerin, Mutter von vier Kindern ;) 

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Es begeistert mich junge Menschen auf den Weg in den Beruf zu begleiten. Sie für die schönen Seiten der pflegerischen Profession zu begeistern und zu erleben, wie aus (manchmal unsichereren) Studienanfänger:innen in der Orientierungsphase selbstbewusste und hochqualifizierte akademisierte Pflegefachpersonen werden, die eine Vision für die Pflege haben und die Zukunft der Pflege aktiv mitgestalten möchten.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Ich würde eine kleines Pflege-Skillslab aufbauen und z. B. Alternsanzüge mitbringen mit denen simuliert werden kann, wie sich das Leben im hohen Alter im Alltag darstellt und wie Begleiterscheinungen des Alterns wirken. Damit würde ich die Interessierten über den Freimarkt schicken. Das Erleben in einem Alternsanzug ist sehr eindrucksvoll und wir hätten viel zu diskutieren.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Durch den demografischen Wandel ist die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung unserer alternden Bevölkerung in Deutschland eines die zentralsten gesellschaftlichen Herausforderungen, die wir als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen müssen. Zwei von drei Männern und 5 von 6 Frauen werden in ihrem Leben pflegebedürftig, d. h. von Pflegebedürftigkeit ist eigentlich jeder betroffen. Pflegebedürftigkeit betrifft uns häufig persönlich und unmittelbar, bei Freunden, Bekannten, Verwandten und spätestens im Alter auch uns selbst. Wir brauchen daher dringend zukunftsfähige Versorgungskonzepte für ein würdevolles und selbstbestimmtes Altern, wir brauchen gut ausgebildete Pflegefachkräfte unterschiedlichster Ausbildungsgrade und wir brauchen Arbeitsbedingungen in der Pflege, die es Pflegenden möglich machen, lange und vor allem gerne ihren Beruf auszuüben. Bei meiner Arbeit kann ich durch meine Forschungsaktivitäten und die Qualifizierung von akademisch ausgebildeten Pflegenden einen Beitrag leisten, um den Herausforderungen der Sicherstellung der Pflege zu begegnen. Das ist sehr sinnstiftend und hat für mich eine hohe Bedeutung.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Aktuell ist es noch so, dass es im Berufsfeld selbst immer mal Vorbehalte gegenüber den hochschulisch ausgebildeten Pflegenden gibt. „Wofür braucht man die?“, „die wollen später gar nicht in der Pflege arbeiten, sondern gehen in die Leitung“, „bei dem Personalmangel in der Pflege brauchen wie eher normale Fachkräfte“. Für mich ist ein absoluter Fortschritt, wenn die Praktiker dann selbst erleben, dass die Pflegestudierenden „frischen Wind“ mit in die Berufspraxis bringen. In diesem Fall sind es häufig neue wissenschaftliche Erkenntnisse, wirksame Pflegeinterventionen oder digitale Pflegeinnovationen und das Wissen, was in so genannten „hochkomplexen Fällen“ beispielsweise durch eine intensivere interprofessionelle Zusammenarbeit an Lebensqualitätsgewinnen für zu pflegende Menschen erreicht werden kann. Gleichzeitig wertet die Akademisierung den Beruf auf, weil auch die im Beruf tätigen Pflegenden die Möglichkeit hätten bei Bedarf ein pflegebezogenes Studium zu absolvieren, wenn sie sich im Beruf weiterqualifizieren möchten und bleiben damit dem Beruf dann länger erhalten. Damit ist dann schon ganz schön viel „Welt“ gerettet.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Als Professorin für Pflegewissenschaft sind das in einem Teil meiner Lehrveranstaltung tatsächlich die pflegebezogenen Utensilien zur Unterstützung bei der Körperpflege. Ein häufiges Bild von Pflege ist, „da wäscht man andere Menschen und ist mit Ausscheidungen beschäftigt“. Die eigentliche Faszination ist aber, was Pflegende mit einfachen Mitteln z. B. bei der Körperpflege bewirken können. Wie wird eine aktivierende oder beruhigende Waschung durchgeführt? Welche Wirkung zeigen Aromaöle auf zu Pflegende? Welche Prophylaxe müssen wie und wann in die pflegerische Versorgung einfließen, um die Gesundheit bestmöglich zu erhalten oder zu verbessern. Wie kann ich durch Basale Stimulation die Atemqualität von Patienten beeinflussen? Allein durch den gekonnten Einsatz von z. B. Waschhandschuhen kann bei zu Pflegenden ein deutlicher Lebensqualitätsgewinn erzielt werden, was in der Vermittlung der Lehre großen Spaß macht.

Im Bereich der Forschung liebe ich Fokusgruppendiskussionen, in denen sich durch intensive Diskussionsprozesse in Gruppen dann häufig unerwartete bis komplexe Ergebnisse zu spannenden Fragestellungen generieren lassen.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Im Rahmen meines Pflegestudiums an der HAW in Fulda wollte ich 2003 mein Berufspraktisches Semester in einem Arbeitsfeld absolvieren, in das ich im späteren Berufsleben wahrscheinlich keinen Einblick mehr haben würde. Also einmal was machen, was ich dann wahrscheinlich nie wieder tue. Deshalb habe ich das Praktikum im Bereich der Pflegeforschung an der Uni Bremen gemacht und auf wundersamer Weise habe ich in der Pflegeforschung und auch in der Qualifikation von akademisierten Pflegenden meine Berufung gefunden. Ursprünglich bin ich im Berliner Umland aufgewachsen, der Studienort Fulda war für mich schon sehr speziell und Berlin war mir etwas zu groß. Bremen ist für mich persönlich ein genau richtiges Dazwischen und mittlerweile das richtige Zuhause.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Nach meiner langjährigen Berufstätigkeit an der Universität Bremen bin ich 2020 dem Ruf an die Hochschule Bremen in den „Internationalen Studiengang Pflege B.Sc.“ gefolgt. Für mich von fast unschätzbarem Wert ist jetzt die sehr enge Kooperation im pflegewissenschaftlichen Bereich zwischen der Hochschule Bremen und der Universität Bremen. Wir leben und nutzen hier täglich die kurzen Wege und die enge Vernetzung der Forschungsteams, um sehr erfolgreich große Forschungsprojekte umzusetzen und für die Pflege Möglichkeiten einer optimierten pflegerischen Versorgung und bessere Arbeitsbedingungen für professionell Pflegenden zu erforschen und Konzepte zu etablieren.

  • Fehlt Ihnen etwas?

An spannender und wichtiger Arbeit fehlt es mir in Bremen tatsächlich nicht. Oft kommt die Zeit für die Familie zu kurz.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Fast ausschließlich mit dem Fahrrad, ab und zu auch mit einem neuen, weil ein Dieb mit meinem alten davongefahren ist.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Schwierig! Vielleicht eine Schildkröte?! Dicker Panzer, spezialisiert auf kurze Wege und unterliegt dem Artenschutz…

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Die größte Herausforderung war die eher junge Geschichte der Akademisierung in der Pflege, die dazu führte, dass der Arbeitsmarkt erstmal unsicher war, in welchen Bereichen Absolventen von Pflegestudiengängen eingesetzt werden konnten. So bin ich dann eher zufällig im Bereich Forschung und Lehre gelandet. Nach notwendigen Reformen im Pflegeberufegesetz ist das heute deutlich klarer und viel einfacher.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Ganz ehrlich, viele! In der Pflege sind immer viele Herausforderungen anzugehen. Das Bundesministerium für Gesundheit hat ein paar für die Akademisierung der Pflege sehr positive Entwicklungen auf den Weg gebracht, wie z.B. das Pflegestudiumstärkungsgesetz, durch das die Studierenden eine recht gute Vergütung für ihr Studium erhalten. Damit ist unser Studiengang jetzt sehr gut angefragt und wir freuen uns über große Kohorten und auch die Umsetzung der Heilkundeübertragung für akademisierte Pflegende.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Weiter geht´s!!! Egal ob es gerade ein Erfolgserlebnis gab oder mal etwas nicht so lief oder schwerfälliger war, als ich es mir gewünscht hätte. Direkt nach vorne sehen und da anpacken, wo es gerade am meisten brennt!

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Mir war recht früh klar, dass ich gerne Pflege studieren würde und damit die Profession weiterentwickeln möchte. Leider waren die damaligen Modelstudiengänge noch nicht ausgereift und die Berufsaussichten dieser Jahrgänge indifferent. Mir hat das gezeigt, dass derjenige, der wirklich möchte, dran bleibt und auch mal ungewöhnliche Wege einschlägt, ziemlich viel erreichen kann.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Sport, Musik, unseren Kater kraulen und dafür kräftig angeschnurrt werden.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen ziehen nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Am Besten mitten rein! Dann sind es kurze Wege z.B. zu Kulturangeboten oder auch Sportmöglichkeiten an der Weser.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Wenn es Pflegewissenschaftler:innen sind: ganz klar mit mir :D ! Durch meine lange Berufstätigkeit an der Uni Bremen und meinem Forschungsaktivitäten an der Hochschule Bremen bin ich sowohl mit den Forschenden an der Uni Bremen, wie z. B. Heinz Rothgang, Birte Berger-Höger, Ingrid Darmann-Finck, Karin Wolf-Ostermann und an der Hochschule Bremen Henrikje Stanze sehr gut vernetzt und damit kriegen wir hochschulübergreifend sehr viel für das Bundesland bewegt.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Ich lebe gern im hier und jetzt und würde mit niemanden tauschen wollen.

Ein Frau blickt lachend in die Kamera. Sie hat lange dunkle Haare und eine rote Kette.

Fachbereich / Forschungsfeld
Akademisierung der Pflege, Qualitätssicherung in der Langzeitpflege

 

Aktuelle Position / Funktion
Studiengangsleiterin „Internationaler Studiengang Pflege B.Sc.“, Sprecherin „Zentrum für Pflegeforschung und Beratung (ZePB)“ der Hochschule Bremen

 

Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte

  • Professorin für Pflegewissenschaft
  • Transfercluster Akademischer Lehrpflegeeinrichtungen in der Langzeitpflege (TCall). Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
  • Entwicklung und Erprobung eines Konzepts zum qualifikationsorientierten Personalansatz gem.§ 8 Abs. 3 b SGB XI" (PeBeM), Los l: Konzeptentwicklung, Konzepterprobung und Strategieentwicklung. Gefördert durch den GKV-Spitzenverband (GKV-S)
  • Gesunde Stadt Bremen: Interprofessionell, digital, nachhaltig - Präventive Hausbesuche für ältere Menschen - im Kontext einer gesunden Stadt. Gefördert durch Senatorin für Wissenschaft und Häfen
  • Study & Care. Fürsorge geben – Hilfe bekommen. Gefördert durch die Hochschule Bremen

 

Geburtsjahr
1980

 

Familienstand
verheiratet und drei Kinder

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