Wissenschaft persönlich: Christian Rosales Fonseca

Ein Wissenschaftler schaut lächelnd in die Kamera. Auf der rechten Seite des Bildes befinden sich zwei Bildschirme, auf denen eine Grafik und eine Tabelle dargestellt wird. Hinter dem Wissenschaftler steht eine Lautsprecherbox.
Wie wird Klang zu Wissen und warum ist Zuhören politisch? Bei „Wissenschaft persönlich“ spricht Christian Rosales Fonseca über seine Forschung zu kolonialen Klangarchiven und Dekolonialisierung.

© WFB/Jan Rathke

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im Februar stand uns Christian Rosales Fonseca Rede und Antwort: Klang als Wissen, Hören als Haltung und Forschung als Dialog. Der Doktorand und Lehrbeauftragte im Bereich Artistic Research beschäftigt sich mit kolonialen Klangarchiven, Klang-Ontologien und Dekolonialisierung. In seiner wissenschaftlichen Arbeit untersucht er die ethische und kompositorische Verantwortung im Umgang mit kolonialen phonografischen Aufnahmen. Warum Zuhören für ihn politisch ist, wie die Zusammenarbeit mit Gemeinschaften wie den Kággaba in Kolumbien aussieht und welche Rolle Bremen für seine Arbeit spielt, erzählt er hier bei „Wissenschaft persönlich“.

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler bzw. Wissenschaftskommunikator geworden wären?

Wahrscheinlich hätte ich meine Karriere als Musiker fortgesetzt und mich dabei vor allem auf Konzerte konzentriert. Klang wäre weiterhin wichtig in meinem Leben gewesen, aber ich würde mich nicht so sehr mit dem Schreiben von Essays, Artikeln oder Dissertationskapiteln beschäftigen.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Die Möglichkeit, neue klangliche Perspektiven kennenzulernen sowie unterschiedliche Formen des Hörens zu erfahren und zu erkennen, dass es andere Wissensformen gibt, die traditionelle Hörgewohnheiten hinterfragen. Mich begeistern besonders Momente, in denen eine respektvolle Zusammenarbeit mit Menschen möglich ist. Ich arbeite zum Beispiel mit der Kággaba Gemeinschaft in Kolumbien zusammen. Für diese sind die Klänge in ihrer Umgebung (wie Vogelzwitschern oder das Quaken von Fröschen) ein wichtiger Teil davon, wie sie mit der Welt in Beziehung stehen und sich in ihr orientieren. Das ist eine andere Form von Wissen, die in europäischen akademischen oder institutionellen Kontexten meist keinen Platz findet.

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Ich würde mir einen Stand als einen Raum des Hörens vorstellen, mit mehreren Lautsprechern, die kuppelförmig und im gesamten Bereich verteilt sind. Aus ihnen würden kontinuierlich Klanglandschaften zu hören sein, die die Besucher:innen zu einer aktiveren und aufmerksameren Form des Hörens einladen. Die Idee wäre zu zeigen, wie sich Klänge verändern und neue Bedeutungen annehmen können, je nachdem, wie wir uns zu ihren Quellen und zur Umgebung verhalten. Auf diese Weise könnte man Hören als eine bewusste Praxis erfahrbar machen.

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Meine Arbeit ist gesellschaftlich relevant, weil sie dazu anregt, gewohnte Formen des Hörens und unsere Beziehung zum Klang zu hinterfragen. Sie macht sichtbar, wie koloniale Machtverhältnisse beeinflussen, was gehört wird und was nicht. Insbesondere in Archiven und institutionellen Kontexten. Ich möchte mit meiner Arbeit Räume für andere Formen von Aufmerksamkeit und Wissen schaffen, die auf Respekt und Dialog basieren. Auf diese Weise kann meine künstlerische Forschung zu einem stärkeren kritischen Bewusstsein beitragen.

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Ich spreche von Fortschritt, wenn meine Arbeit dazu beiträgt, neue Räume des Zuhörens und des gegenseitigen Verständnisses zu eröffnen. Es geht nicht darum, „die Welt zu retten“, sondern darum, einander besser zuzuhören und die eigene Kommunikationsfähigkeit zu verbessern. Der Versuch, den Anderen zu verstehen, ohne die eigenen Denkweisen aufzuzwingen, ist für mich eine konkrete Form von Veränderung. So arbeite ich mit der Kággaba Gemeinschaft zusammen auf Augenhöhe, beteilige mich an ihren Aktivitäten und versuche ihre Perspektive besser zu verstehen. Ich betrachte sie nicht – wie im wissenschaftlichen Kontext meist üblich – aus der Distanz.

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Meine wichtigste Forschungsmethode ist das Hören. Schon in dem Moment, in dem ich auf Klänge achte, seien es Stimmen, Erzählungen, Tiere oder die natürliche Umgebung, wird das Hören zu einer Form des Denkens. Es ist nicht nur ein Werkzeug, sondern eine Haltung, die meine künstlerische und wissenschaftliche Arbeit leitet. Durch sie versuche ich Beziehungen und Kontexte besser zu verstehen.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Ich bin 2018 von Bogotá, Kolumbien, nach Bremen gezogen, um an der Hochschule für Künste Bremen den Master in Instrumentalkomposition zu studieren. Danach habe ich das Meisterschülerstudium in Freier Kunst gemacht und kurz danach habe ich an der HfK einen Artistic PhD angefangen. Schon seit dem Masterstudium bin ich Teil der projektgruppe neue musik bremen (pgnm), mit der ich unter anderem die Biennale für Aktuelle Musik plane. Dadurch fühle ich mich schon von Anfang an bis heute sehr der Stadt verbunden.

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Ich schätze an Bremen, dass es ein Ort ist, an dem eine kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit möglich ist. Für mich begann dieser Prozess bereits während meiner Studienzeit, angestoßen und begleitet durch mehrere Professor:innen sowie durch den Austausch mit meinen Kommiliton:innen. Dieser Kontext erlaubte es mir, die Geschichten aus einer künstlerischen und akademischen Perspektive zu analysieren und zu problematisieren. Bremen ist dadurch zu einem zentralen Ort für die Entwicklung meiner künstlerischen und wissenschaftlichen Praxis geworden, an dem ich eine Arbeit im Dialog zwischen lateinamerikanischen und europäischen Kontexten konsolidieren konnte.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Manchmal vermisse ich mehr Anerkennung von nicht-europäischen Wissensformen in akademischen und kulturellen Kontexten. Zudem fehlt es oft an Zeit und an Strukturen, die wirklich nachhaltige Kooperationen mit Gemeinschaften ermöglichen. Gleichzeitig geben mir diese Leerstellen eine kritische Orientierung für meine Arbeit und unterstreichen die Notwendigkeit, solche Kontexte zu fördern.

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Meistens bewege ich mich mit dem Fahrrad durch die Stadt. Bei Schietwetter nutze ich die Straßenbahn.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Ich würde sie mit Zugvögeln vergleichen. Meiner Erfahrung nach sind viele meiner Kolleg:innen und Professor:innen an der HfK regelmäßig in unterschiedlichen Regionen Europas und der Welt unterwegs, um andere Wissensformen kennenzulernen. Wenn sie nach Bremen zurückkehren, wird dieses neu gewonnene Wissen geteilt und weitergegeben, wodurch neue Fragen, Analysen und Denkweisen entstehen. Diese kontinuierliche Bewegung ist für die wissenschaftliche Szene vor Ort sehr bereichernd.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Eine der größten Herausforderungen für mich war, mit Strukturen umzugehen, die von kolonialem Gedankengut geprägt sind. Hier wird das „Andere“ von oben herab betrachtet. Das steht leider echtem kollaborativem Arbeiten im Weg. Dazu kommen sehr konkrete Herausforderungen: Bürokratie, Aufenthaltsverfahren und die Sprache, die u. a. berufliche Entwicklung und Selbstbewusstsein beeinflussen und teilweise im Weg stehen.

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Eine der Herausforderungen, die noch vor mir liegen, besteht darin, weiterhin Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, die keine extraktiven oder hierarchischen Beziehungen reproduzieren. Hinzu kommt die Aufgabe, ethische Projekte langfristig aufrechtzuerhalten, die Sorgfalt, Zuhören und langsame Prozesse erfordern, innerhalb institutioneller Strukturen, die häufig schnelle Ergebnisse verlangen. Zudem stellt das fortwährende Arbeiten zwischen unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Kontexten eine zentrale Herausforderung dar.

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Ich glaube nicht an eine Erfolgsformel im engeren Sinne. Für mich basiert die Arbeit auf Beständigkeit, aufmerksamem Zuhören und ethischer Kohärenz über längere Zeiträume hinweg. Diese Prinzipien zu wahren bedeutet, langsame Prozesse zu akzeptieren, aus Fehlern zu lernen und Verantwortung für jede Entscheidung zu übernehmen. Wichtiger als schnelle Erfolge sind für mich Kontinuität und Ehrlichkeit in der eigenen Praxis.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Ich würde es nicht unbedingt als ein Scheitern bezeichnen. Dennoch habe ich nach meiner Ankunft in Deutschland, besonders zu Beginn, sehr schwierige Phasen erlebt. Die Anpassung an eine andere Kultur, das Klima, die Bürokratie und die räumliche Distanz zu allem Vertrauten war herausfordernd. Möglicherweise habe ich Deutschland zunächst idealisiert, und die Auseinandersetzung mit der Differenz zwischen Erwartung und Realität hat mich dazu gezwungen, viel zu lernen, durchzuhalten und mehr Klarheit zu bekommen und reifer zu werden.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Mein Kopf wird durch verschiedene Dinge wieder frei. Sport zu treiben, E-Gitarre zu spielen und Musik zu hören, helfen mir, meine Gedanken neu zu ordnen. Auch Spaziergänge entlang des Osterdeichs sowie Zeit mit meiner Familie und mit Freund:innen zu verbringen, helfen mir sehr.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht es nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Zunächst würde ich ihnen in der aktuellen Situation viel Glück bei der Suche nach einer WG wünschen. Danach würde ich empfehlen, Zeit an der Schlachte oder am Speicher zu verbringen, wo sich die Stadt und ihre Beziehung zum Fluss gut erfahren lassen. Außerdem würde ich einen Besuch im Hafenmuseum vorschlagen, in dem zentrale Aspekte der kolonialen Geschichte Bremens thematisiert werden, etwa das System des Be- und Entladens kolonialer Waren, die Weserkorrektur, die Geschichten von Hafenarbeiter:innen mit Migrationshintergrund sowie die Zirkulation von Samen aus anderen Regionen, von denen einige später in Orten wie den Gärten der HfK keimten. Diese Orte helfen dabei, die kolonialen Verflechtungen der Stadt zu verstehen, die teilweise bis heute fortwirken.

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Ich würde ihnen die Mitglieder der projektgruppe neue musik vorstellen. Die Projektgruppe betrachtet Klang und Musik nicht ausschließlich aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Man kann dort nämlich auch praktische Erfahrungen durch Konzerte und die Organisation dahinter machen. Die Gruppe vereint sehr unterschiedliche Profile, wie Musikwissenschaftler:innen, Musiker:innen, Pädagog:innen, Künstler:innen und Professor:innen, was den Austausch mit vielfältigen Blickwinkeln und Ansätzen bereichert. Zudem ist die Gruppe eng mit der freien Szene Bremens verbunden und erleichtert so ein umfassenderes Verständnis des kulturellen Kontexts der Stadt. Außerdem würde ich den Wissenschaftler:innen raten, sich über das Programm der HfK zu informieren und die vielfältigen Ausstellungen und Konzerte zu besuchen.

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Ich könnte mir vorstellen, mein Leben für einen Tag mit Andreas Bovenschulte zu tauschen, um besser zu verstehen, wie politische Entscheidungen getroffen werden, die sowohl die wissenschaftliche Landschaft als auch die freie Szene Bremens betreffen. Es wäre eine Gelegenheit, diese Prozesse aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Ein Wissenschaftler schaut lächelnd in die Kamera. Hinter ihm befindet sich das Gebäude von der Hochschule für Künste.

© WFB/Jan Rathke

Fachbereich / Forschungsfeld
Artistic Research – Klangarchiven – Klang-Ontologien - Dekolonialisierung

 

Aktuelle Position / Funktion
Doktorand - Lehrbeauftragter

 

Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte
Ethics and Compositional responsability behind the use of colonial phonographic recordings

 

Geburtsjahr
1993

 

Familienstand
verheiratet

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