© WFB/Jan Rathke
Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen – und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.
Im September stand uns Dr. Christel Trouvé Rede und Antwort: Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung Bremen und wissenschaftliche Co-Leiterin des Denkorts Bunker Valentin in Bremen-Farge. Wieso die französische Historikerin in Bremen gelandet ist und welche gesellschaftliche Bedeutung ihre Arbeit hat, erfahrt ihr hier bei „Wissenschaft persönlich":
Interessante Frage. Auf alle Fälle konnte ich mir mit Anfang 20 nicht vorstellen, dass ich eines Tages eine Gedenkstätte in Deutschland aufbauen würde.
Meistens hängt es mit persönlichen Begegnungen zusammen: Menschen interviewen; Empowerment einer Praktikantin; Familienangehörige von NS-Verfolgten auf der Spur ihrer Vorfahren – einem oftmals schmerzhaften Prozess – begleiten und spüren, welche tiefe Bedeutung dies für sie hat; neue Perspektiven vorgestellt bekommen und daraus wachsen; wertschätzender, offener Austausch mit Kolleg:innen (auch von anderen Institutionen), gemeinsames Brainstormen, kollegiale Beratung; … Begeistert bin ich auf jeden Fall davon, was wir als Team in den letzten 15 Jahren gemeinsam auf die Beine gestellt haben!
Zentrales Objekt meines Stands wäre das Postkarten-Set, das wir gerade anläßlich des 10jährigen Jahrestags der offiziellen Eröffnung vom Denkort im Nov. 2015 entwickeln. 10 Jahre – 10 Motive, stellvertretend für die Vielfalt unserer Tätigkeiten und meiner Aufgaben (Besuche von Nachfahren; oral history; Kunstprojekte; pädagogische Angebote; Forschung; Baumaßnahmen …). Die Karten würden sich wunderbar für Gespräche anbieten.
Für die Landeszentrale für politische Bildung Bremen ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus von hoher Bedeutung für den Schutz der Demokratie. An den Jahren zwischen 1933 und 1945 lässt sich sehr gut zeigen, wie schnell demokratische Strukturen und Bürger:innen-Rechte abgeschafft und durch ein auf Rassismus und Willkür beruhendes Macht-System ersetzt werden können, und welche Folgen dies sowohl für die einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft (und letztlich für die Welt) haben kann. Der Denkort Bunker Valentin ist ein Ort der Erinnerung an das Schicksal von Tausenden von aller ihrer Rechten beraubten Menschen, am Ende einer jahrelangen Radikalisierungsspirale der Gewalt. Die gegenwärtige (geo)politische Lage macht es mir an manchen Tagen schwer, an der Relevanz unserer Arbeit am DENK-Ort Bunker Valentin nicht zu zweifeln. Dann hilft es mir aber an die Worte des französischen Historikers Henri Rousso zu denken: wenn wir nicht dranbleiben würden, wäre alles noch schlimmer.
Leider werden Gedenkstätten immer noch mit Waschmaschinen verglichen: kurz rein, politisch ‚clean‘ wieder raus. Doch wir können die Welt nicht retten (wenn schon, dann ist es eine gesamt-gesellschaftliche Aufgabe). Woran wir täglich arbeiten, sind vielfältige Angebote zu unterbreiten, um Menschen beim Nachdenk-Prozess zu unterstützen. Wir helfen, neue Perspektiven einzunehmen, Fakten zu checken, eigene Fragen zu formulieren, neue Überlegungen zu entfalten. Fortschritt für mich ist, wenn wir immer wieder neue Menschen erreichen bzw. stärken, wenn sich daraus neue, gemeinsame Projekte entwickeln, wenn wir als das gesehen werden, was wir sind: ein historischer Lern- und (Ge-)Denk-Ort, der dazu beitragen kann, Komplexität auszuhalten und – die Mechanismen der Gegenwart besser verstehend – eine Haltung zu entwickeln und entsprechend zu handeln.
Mein liebstes Arbeitsinstrument ist mein Ohr; aktiv und ernsthaft zuhören sind meine Leidenschaft. Ein Teil meiner Arbeit bestand und besteht immer noch darin, Zeitzeug:innen und ihre Nachfahren zu interviewen. Dabei geht es mir grundsätzlich darum, ihnen einen Raum zu schenken, in dem sie ihre Gedanken und Emotionen artikulieren können und sich gehört fühlen. Mir wiederum bieten sie die Chance an, nicht nur gewisse Forschungsaspekte neu zu beleuchten, sondern auch neue Perspektiven einzunehmen und neue Gedanken zu formulieren. Zuhören bedeutet, verstehen zu wollen, was mein Gegenüber eigentlich sagt und damit meint, um überhaupt in der Lage zu sein, weiterzudenken und ggf. einen reflexiven, sachlichen Austausch zu gestalten. „Beim Zuhören trifft unsere Landkarte auf die Landkarte des anderen.“ Einige sehen darin eine Gefahr. Ich finde es ungemein bereichernd.
Ich hatte bereits mein Geschichtsstudium in Paris begonnen, als ich im Sommer 1992 aus privaten Gründen nach Berlin zog. An der T.U. Berlin studierte ich neben Neuere Geschichte auch Kunstwissenschaft und entdeckte bei fantastischen Dozent:innen, wie spannend und erfüllend der wissenschaftliche Austausch sein kann. Im Frühjahr 1993 bekam ich im Rahmen eines Praktikums einen ersten Einblick in die Arbeit der Gedenkstätte Sachsenhausen bei Oranienburg und begegnete zum ersten Mal KZ-Überlebende. Dies war ein wichtiger turning point. Von da an fokussierte ich meine Recherchen auf das NS-Verfolgungssystem, führte meine ersten Zeitzeug:innen-Interviews durch und fing als „Guide“ in verschiedenen Berliner Institutionen an. Nach Abschluss meiner Promotion (zu einem Außenlager des KZ Sachsenhausen), einem Forschungsaufenthalt am USHMM in Washington D.C. und mehreren Aufträgen als freie Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen und der Stiftung Topographie des Terrors wurde ich nach Bremen vermittelt, als mein aktueller Arbeitgeber vom Land Bremen beauftragt wurde, ein Konzept für die Umgestaltung des bis dato von der Bundesmarine als Depot benutzten Bunkers „Valentin“ in Bremen-Nord zu einem „Denkort“ umzugestalten.
Als gebürtige Französin und international vernetzte Wissenschaftlerin schätze ich sehr die vielfältigen Netzwerke, auf die ich in Bremen – auf kurzem Weg – zurückgreifen kann. Sei es an der Universität Bremen (u.a. Osteuropa Institut; Romanistik und CaNoFF), an der Hochschule für Künste, bei der Landesarchäologie oder beim Staatsarchiv, aber auch an den Museen und kulturellen Institutionen wie das Institut Français oder das Instituto Cervantes: Bremen verfügt über ein reiches, stimulierendes Kooperationsnetzwerk.
Die Arbeitstage ähneln sich nicht und die Vielfalt meiner Aufgaben ist sehr erfüllend. Allerdings leide ich zunehmend unter der fehlenden ZEIT, sich intensiv und ausführlich mit einzelnen Projekten befassen zu können. Mein Alltag besteht aus einem ständigen Hin-und-Her-Springen, zwischen der Klärung von organisatorischen Aufgaben und der Bereitstellung von Förderanträgen, Gesprächen mit Künstler:innen und der Betreuung von Nachfahren von NS-Verfolgten oder -Tätern, der Weiterentwicklung unserer Vermittlungsformate und der Bearbeitung der vielfältigen Anfragen. Ich spüre immer wieder eine ähnliche Frustration bei
Kooperationspartner:innen und es tut manchmal weh, auf Projekte verzichten zu müssen, weil die Ressourcen dafür nicht reichen.
Der Weg nach Bremen-Nord ist etwas länger (insbesondere als Nicht-Autofahrerin) und der regelmäßige Ausfall bzw. die regelmäßige Verspätung der Züge und Busse der regionalen Verkehrsbetriebe machen die tägliche Fahrt zur Arbeitsstelle manchmal sehr beschwerlich…
Ich würde sie mit einem bunten Fishbowl vergleichen: die Vielfalt der Akteur:innen und der Projekte ist berauschend, man trifft sich immer wieder oder lernt immer wieder neue Leute kennen, tauscht sich aus, verweist auf Andere, trifft sich wieder, verliert sich aus den Augen, um sich wieder über drei Ecke zu begegnen. Es bleibt nie langweilig!
Die größte Herausforderung meiner bisherigen beruflichen Laufbahn war zweifelsohne der Aufbau einer Gedenkstätte. Es war aber auch die spannendste Aufgabe! Auch der Wechsel vom Status einer free lance Historikerin zur festen Einstellung als Mitarbeiterin einer staatlichen Institution – so groß die Vorteile auch sein mögen – und dazu noch die Übernahme einer Leitungsfunktion – so großartig und erfüllend diese Position auch sein kein – gestalteten sich zu Beginn als herausfordernder als geplant. Ebenso der berufsbedingte Wechsel zum neuen Wohnort (nach 20 Jahren in Berlin hatte ich dort tiefe Wurzeln geschlagen) – wenngleich die Bremer*innen mich von Tag eins mit offenen Armen empfangen haben!
Im November 2025 feiern wir den 10. Jahrestag der offiziellen Eröffnung vom Denkort Bunker Valentin in Trägerschaft der Landeszentrale für politische Bildung Bremen. Seit dem Projektstart im Jahr 2009 haben wir viel erreicht und bewegt. Nun stellt sich die Frage, welche Ziele ich (sowohl individuell als auch als Angestellte einer öffentlichen Institution) noch erreichen möchte, in einer sich rasant wandelnden Welt.
Immer neugierig sein und offen bleiben für neue Perspektiven!
„Scheitern“ ist ein harscher Begriff. Ich möchte lieber von Situationen sprechen, in denen meine Kolleg:innen und ich angedachte, wichtig erscheinende Projekte nicht realisieren konnten. Sofern ich zurückblicken kann, hat es sich immer gelohnt, Geduld auszuüben statt Frust auszuleben. Mehrfach konnten wir unser ursprüngliches Vorhaben zu einem späteren, günstigeren Zeitpunkt, ggf. in geänderter bzw. teilweise sogar verbesserter Form doch umsetzen. Geduld und Hartnäckigkeit zahlen sich öfters aus. Und wenn es trotzdem nicht klappt: dann sollte es einfach nicht sein.
Lesen, Reisen, Podcasts, Kino, Kunst.
Mein Rat: über den Rand des Viertels hinausschauen.
Mit zwei fantastischen Frauen: Karen Struve (Prof. an der Univ. Bremen) und Phanie Bluteau (ehem. Leiterin vom Institut Francais Bremen).
Ich würde gerne einen Tag lang in die Haut von der Radio-Journalistin Katharina Guleikoff (Bremen Eins) schlüpfen. Sie ist eine hoch motivierende Persönlichkeit und macht eine spannende Arbeit!
© WFB/Jan Rathke
Fachbereich / Forschungsfeld
Historikerin
Aktuelle Position / Funktion
wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung Bremen, wissenschaftliche Co-Leitung vom Denkort Bunker Valentin in Bremen-Farge
Aktuelle Tätigkeiten / aktuelle Forschungsprojekte
s.o.
Geburtsjahr
1970 (in Frankreich)
© WFB/Jens Lehmkühler