Wissenschaft persönlich: Anna Caroline Kehl

Eine Frau steht lächelnd vor Stufen, auf denen steht: "Come as you are".
Wie beeinflussen multinationale Unternehmen die Energiewende? Daran forscht Doktorandin Anna Kehl. Was sie aus ihrem abgebrochenen Politikwissenschaftsstudium gelernt hat und warum sie die Bremer Wissenschaftsszene mit einem Bienenstock vergleicht, lest ihr bei „Wissenschaft persönlich“.

Bremens Wissenschaft ist exzellent! Und daran haben natürlich die vielen schlauen Köpfe, die sich in den Laboren und den Hörsälen tummeln, erheblichen Anteil. Wer steckt hinter dem Erfolg der Bremer Wissenschaft? In unserer Porträt-Reihe Wissenschaft persönlich stellen sich Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen regelmäßig unseren Fragen  und verraten, was sie an ihrer Arbeit lieben und warum der Standort Bremen für sie genau der richtige ist.

Im September stand uns Anna Caroline Kehl Rede und Antwort. Als Doktorandin im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen beschäftigt sie sich mit der Rolle multinationaler Unternehmen in der Energiewende. Warum sie wissenschaftlichen Fortschritt vor allem darin sieht, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen, was sie an ihrer Forschung besonders begeistert und weshalb es sie einst nach Bremen verschlagen hat, verrät sie hier bei „Wissenschaft persönlich“.

  • Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftskommunikatorin geworden wären?

Diese Frage stelle ich mir selbst oft – als Doktorandin ist der weitere berufliche Weg ja noch offen. Ich mag es, wenn Wissenschaft die großen Fragen stellt. Früher wollte ich am liebsten für eine große Zeitung schreiben.

  • Wann finden Sie Ihren Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

Ich finde es spannend zu beobachten, wie sich ein Forschungsfeld entwickelt: Welche Fragen dominieren gerade? Wann tauchen neue Perspektiven auf? Und wann verändern sie plötzlich die Richtung eines ganzen Feldes? Über aktuelle Forschung informiert zu bleiben, ist deshalb tatsächlich einer meiner liebsten Teile der Arbeit. 

  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten auf dem Freimarkt einen Stand und müssten nun den Besucher:innen erklären, an was Sie gerade arbeiten – wie sähe Ihr Stand aus?

Mein Stand wäre ein Investitionsspiel: Die Besucher wären CEOs von großen Energieunternehmen mit einem begrenzten Budget und müssten entscheiden, in welchen Standort sie investieren. Auf dem Spielfeld gäbe es Hinweise auf Standortfaktoren, zum Beispiel kleine Sonnen für bereits bestehende Solarparks, Spielgeld für staatliche Förderungen oder Karten mit Informationen zu Faktoren wie Korruption und Rechtssicherheit. Nach jeder Runde würden alle Entscheidungen zusammenlaufen und die Bedingungen für die nächste Runde verändern. 

  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihre Arbeit und worin besteht der Nutzen?

Internationales Management beschäftigt sich mit Unternehmen, die über nationale Grenzen hinweg agieren – und damit auch mit der Komplexität von Globalisierung. Globaler Handel kann Wohlstand schaffen und gleichzeitig prekäre Arbeitsbedingungen begünstigen. Oder auf die Energiewende bezogen: Unternehmen können ihre emissionsintensive Produktion in andere Länder auslagern und zugleich neue grüne Technologien skalieren und international verbreiten. Die Frage ist, wann passiert das eine oder das andere (oder beides gleichzeitig), und warum?

  • Wann sprechen Sie bei Ihrer Arbeit von Fortschritt? Oder anders gefragt: Womit retten Sie die Welt?

Hm, ob wirtschaftswissenschaftliche Forschung die Welt rettet, wäre eine eigene Diskussion wert (Spoiler: Ich denke eher nicht). Fortschritt bedeutet für mich, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und sichtbar zu machen, siehe die Beispiele aus der letzten Frage. Im besten Fall hilft uns dieses Wissen dabei, bessere politische Entscheidungen zu treffen. 

  • Verraten Sie uns Ihr liebstes Arbeitsinstrument oder Ihre wichtigste Forschungsmethode?

Als quantitativ arbeitende Person: die Statistiksoftware R. Besonders mag ich, dass R Open Source ist. Menschen auf der ganzen Welt entwickeln neue so genannte „Packages“ für bestimmte Analysemethoden, die wiederum alle nutzen können. Viel kollaborativer geht es kaum.

  • Wann und warum führte Sie Ihr Weg nach Bremen? Und woher kamen Sie?

Ich bin vor zwölf Jahren zum Studium aus Berlin nach Bremen gezogen, mit einer guten Freundin und dem Plan, gemeinsam eine WG zu gründen. Sie wollte in Bremen Politik- und Religionswissenschaft studieren – eine Kombination, die es nur an ganz wenigen Standorten gibt. Weil ich noch unsicher war, sind wir spontan eine Woche nach Bremen gefahren, haben im Hostel übernachtet und die Stadt zu Fuß erkundet. Tatsächlich haben wir noch in dieser Woche über eine Anzeige auf dem Schwarzen Brett unsere spätere Wohnung gefunden und den Mietvertrag unterschrieben. Seitdem wurde ich unzählige Male gefragt, warum man von Berlin nach Bremen zieht. Dass ich zwölf Jahre später immer noch gern hier lebe, spricht wohl für sich. Ich finde sogar, Bremen hat sehr viel vom Berliner Vibe: Es ist grün, lebendig, am Fluss, irgendwo findet fast immer ein Open Air statt und es hat sehr viel Subkultur. 

  • Was schätzen Sie am Land Bremen als Wissenschaftsstandort? Was hält Sie hier?

Die kurzen Wege – wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Wenn von Wissenschaft im Elfenbeinturm die Rede ist, spürt man davon in Bremen herzlich wenig. Schon im Studium sind mir viele Unternehmen als Praxispartner begegnet, dazu kommen zahlreiche Transferformate. Forschung und gesellschaftliche Wirkung liegen oft erstaunlich nah beieinander.

  • Fehlt Ihnen etwas?

Für mein eigenes Forschungsfeld manchmal die Infrastruktur: Viele der großen Forschungsinstitute sind an ausländischen Universitäten angesiedelt. Aber man kann nicht alles haben, dafür ist Bremen in anderen Forschungsfeldern enorm stark. 

  • Die Wege in Bremen und Bremerhaven sind bekanntlich kurz. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Viel zu Fuß oder mit den Öffis.

  • Wenn Sie die Wissenschaftsszene im Land Bremen mit einem Tier vergleichen sollten, welches würden Sie wählen und warum?

Hm, vielleicht ein Bienenstock: viele einzelne Akteur:innen, die an unterschiedlichen Orten arbeiten, ständig Wissen austauschen und gemeinsam an größeren Themen bauen.

  • Was war die größte Herausforderung Ihrer wissenschaftlichen/beruflichen Laufbahn, die Sie zu meistern hatten?

Ich glaube, ich stecke gerade mittendrin: in der Abschlussphase meiner Promotion. Das Schwierige ist, dass Forschung eigentlich nie wirklich fertig ist (und das ist ja auch richtig so). Man könnte immer noch eine Analyse ergänzen, eine weitere Variable testen oder neue Literatur einarbeiten. Die Herausforderung ist deshalb, irgendwann zu sagen: So ist die Arbeit gut genug. 

  • Welche stehen Ihnen noch bevor?

Als nächstes die Verteidigung meiner Dissertation vor der Prüfungskommission. Aber das wird sicher nicht die letzte Herausforderung bleiben. 

  • Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel?

Man wächst mit neuen Anforderungen.

  • Aus welchem Scheitern haben Sie am meisten gelernt?

Vielleicht aus einem abgebrochenen Politikwissenschaftsstudium. Vorher war ich mir so sicher, dass das genau mein Ding sein würde. Dabei habe ich gelernt: Interesse an einem Thema ist wichtig, aber genauso wichtig ist, ob einem die Art gefällt, wie man sich damit beschäftigt.

  • Wobei oder wodurch wird Ihr Kopf wieder frei?

Beim Laufen an der Weser, wenn der Wind einen durchpustet. Oder bei Musik – am liebsten live. Davon hat Bremen glücklicherweise ziemlich viel zu bieten.

  • Die nächsten Nachwuchswissenschaftler:innen zieht es nach Bremen. Was würden Sie ihnen raten, wo man wohnen und abends weggehen soll?

Ich würde möglichst nah an der eigenen Institution wohnen – wer im Technologiepark arbeitet, in Schwachhausen, beim Arbeitsplatz an der Hochschule in der Neustadt. Abends: eine der vielen Kneipen im Viertel oder im Sommer rund um den Europahafen. 

  • Mit wem würden Sie diese Wissenschaftler:innen hier in Bremen oder Bremerhaven bekannt machen wollen?

Mit Dr. Yvonne Bauer von der Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation. Sie stellt Fragen, die einen dazu bringen, die eigene Perspektive zu überdenken und ist wahnsinnig gut vernetzt – daraus ergibt sich eigentlich immer etwas Neues. Und, falls die Person zu einem Nachhaltigkeitsthema forscht: mit den Kolleg:innen aus dem SPIN-Doc-Netzwerk

  • Wenn Sie einen Tag lang Ihr Leben mit einer Bremer oder Bremerhavener Persönlichkeit tauschen könnten, wessen Leben würden Sie wählen?

Auf jeden Fall mit einer Gründerin.

Fachbereich / Forschungsfeld
Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen, Bereich Internationales Management

 

Aktuelle Position / Funktion
Doktorandin und Lehrbeauftragte im Wintersemester 2026/27

Aktuelle Tätigkeit / aktuelles Forschungsprojekt
Dissertation zur Rolle multinationaler Unternehmen in der Energiewende 

 

Porträtfoto einer Frau, die lächelnd vor Gebäude steht.

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