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Friedrich Engels

Schwarz-weiß Aufnahme des Revolutionärs Friedrich Engels.
Detaillierte Informationen zu den Jahren von Friedrich Engels in Bremen.

Quelle: Kellner-Verlag, Johann-G. König

Die Bremer Jahre

Friedrich Engels wurde am 28. November 1820 in Barmen (heute Wuppertal) geboren. Er starb am 5. August 1890 in London. Mit Karl Marx traf er sich erstmals im Sommer 1844 in Paris – dort stellten die beiden ihre völlige Übereinstimmung in grundlegenden gesellschaftstheoretischen Anschauungen fest und begründeten ihre legendäre Zusammenarbeit.

Nach dem Besuch des Gymnasiums, das er vorzeitig verlassen musste, nahm Friedrich Engels 1837 die kaufmännische Lehre im väterlichen Unternehmen Friedr. Engels & Ermen auf. Nachdem er im Sommer 1838 den als modernen Unternehmer gerühmten Vater nach London und Manchester begleitet hatte, ging es direkt nach Bremen, wo der junge Mann dann seine Ausbildung im Kontor des Kaufmanns und Königlich-Sächsischen Konsuls Heinrich Leupold (1758-1865) fortsetzte.

Das imposante Wohn- und Packhaus von Heinrich Leupold, der vor allem mit Leinen, aber auch mit Kaffee und Zigarren handelte, stand schräg gegenüber der Martinikirche. Die Kontoranschrift lautete Martinistraße No. 11. Das Haus wurde 1897 abgebrochen. Seit den 1960er Jahren steht ein backsteinerner Neubau mit der Hausnummer  27 dort, wo Engels einst ein und ausging. Die durch die Zeiten gerettete reizvolle Rokokofassade an den beiden unteren Geschossen hält die Erinnerung an jene Zeit wach.
 

Zu sehen ist eine schwarz-weiß Aufnahme der Hausfassade von Friedrich Engels in der Martinistraße.

Quelle: Focke-Museum Bremen

Das prächtige Kaufmannshaus verfügte über zwei Hofplätze und einige Nebengebäude. Es war eines von damals 33 imposanten Kaufmannshäusern in der als Sackgasse angelegten Martinistraße und beeindruckte den jungen Friedrich: „In Bremen hier sind die Kaufmannshäuser alle ganz merkwürdig gebaut; sie stehen nicht an der Straße, so wie unser Haus, mit der langen, sondern mit der schmalen Seite, und die Dächer stehen so aneinander und die Diele ist ganz groß und hoch, wie eine kleine Kirche, oben und unten, grade über einander, sind Luken, die mit Falltüren verschlossen sind, und durch welche eine Winde auf und ab gehen kann; denn oben auf dem Oller, da ist ein Warenlager, und durch die Luken werden mit der Winde Kaffee, Leinen, Zucker, Tran etc. heraufgewunden. So sind auf allen Dielen zwei Reihen Fenster übereinander.“

Friedrich Engels lebte und wirkte vom 11. August 1838 bis zum Ende März 1841 in der Freien Hansestadt Bremen. In dieser Zeit und an diesem Ort begann seine wahrlich welt-bewegende publizistische und polit-ökonomische Karriere. Allerdings unter dem Pseudonym Friedrich Oswald, was übrigens erst nach seinem Tod bekannt wurde. In Bremen startete er einen regen Briefwechsel. Hier kaufte und las er „unbeaufsichtigt“ aktuelle Literatur, Streitschriften und Journale. Hier beschäftigte er sich immer intensiver mit den Fragen seiner Zeit. Hier vertiefte er sich in politische, wirtschaftliche, technische, literarische, philosophische und religiöse Themen. Hier schloss er sich der politisch-literarischen Bewegung des Jungen Deutschland an. Hier entwickelte er sich zum Junghegelianer. Hier stärkte er die für sein jugendliches Alter erstaunliche Beobachtungsgabe und klare Urteilskraft. Hier schärfte und schliff er seinen Stil. Hier trieb er Sport, sang in einem Chor und kostete fast alle weltlichen Genüsse aus, die damals offeriert wurden.
 

Eine Zeichnung von Friedrich Engels.

Quelle: Kellner-Verlag, Johann-G. König

Aus Engels’ Bremer Zeit sind bisher mehr als 40 eigenhändig geschriebene Briefe (teilweise mit literarischen Anlagen und Zeichnungen versehen) sowie über 30 von ihm unter Pseudonym veröffentlichte literarische und publizistische Arbeiten nachgewiesen und der Nachwelt zugängig gemacht worden. Sie spiegeln seinen rapiden intellektuellen, geistigen und sozialen Entwicklungsprozesses in den Mauern der alten Hansestadt. Leider ist von dem lebhaften Briefwechsel, den Friedrich Engels in seiner Bremer Zeit mit weiteren Schul- und Jugendfreunden führte, bis heute nichts aufgefunden worden. Auch die an ihn gerichteten Schreiben sind wohl für immer verloren.

Eine Zeichnung der Stadt Bremen und der Weser.

Quelle: Focke-Museum Bremen

Als der 17-Jährige Unternehmersohn im Sommer 1838 nach Bremen kam und in der Martinistraße ansässig wurde, lebten in der Hansestadt rund 37000 Menschen und in der ländlichen Vorstadt zusätzliche 12000. Der Handel blühte zu jener Zeit und die rund 210 bremischen Seeschiffe fuhren Ziele in aller Welt an. Zudem entwickelte sich Bremen gerade zum größten europäischen Auswandererhafen. Entscheidend dafür war der 1830 in Betrieb genommene zusätzliche Hafen in Bremerhaven. In seinem hervorragenden Reisebericht Eine Fahrt nach Bremerhaven ging Friedrich Engels auf die Ursachen der Emigration ebenso ein wie auf die Missstände an Bord der Auswandererschiffe.

Eine Zeichnung von Bremerhaven von Friedrich Engels. Zu sehen sind ein Schiff, Bäume und Häuser.

Zeichnung von Friedrich Engels.

Quelle: Kellner-Verlag, Johann-G. König

Quartier bezog er gleich gegenüber dem Kontor im Pastorenhaus von St. Martini, beim Pastor Georg Gottfried Treviranus (1788-1866) und dessen warmherziger Ehefrau Mathilde (1794-1878).

Das geräumige, am westlichen Ende des Kirchhofs gelegene Pastorenhaus, in dem Friedrich Engels herzlich aufgenommen wurde, steht nicht mehr. Wie es sich nebst dem Garten dem Betrachter während Engels’ Aufenthalt von der Weserseite aus darbot, veranschaulicht die detaillierte Zeichnung von Rudolf Stein:

Zeichnung

Quelle: Focke-Museum Bremen

Pastor

Quelle: Kellner-Verlag, Johann-G. König

Wie groß Engels‘ Pensionszimmer war und welche Möbel es enthielt, ist nicht überliefert. Durch das Fenster konnte er die Erste Schlachtpforte einsehen, die heute noch neben der Kirche verläuft. Bei schönem Wetter zog es den jungen Mann in den sich zwischen der Martinikirche und der Ufermauer zur Weser erstreckenden Pfarrgarten. Tagsüber – auch sonntags musste damals bis zur Mittagszeit gearbeitet werden – saß Friedrich Engels im Kontor seines erstaunlich liberalen Chefs Konsul Heinrich Leupold (1798-1865). Manchmal ging es recht locker zu, wie er in einem Brief an seine Schwester Marie berichtet:

„Gestern Nachmittag waren keine Arbeiten mehr zu tun, und der Alte war weg […]. So steckt’ ich mir eine Cigarre an, schrieb erst das Vorstehende an Dich, sodann nahm ich Lenau’s Faust aus dem Pulte und las darin. Nachher trank ich noch eine Flasche Bier, und ging um halb acht zum Roth; wir schoben in die Union, ich las Raumers Geschichte der Hohenstaufen und aß dann ein Beefsteak und Gurkensalat. Um halb Elf ging ich nach Hause, las Diez Grammatik der romanischen Sprachen bis ich schläfrig wurde.“

Friedrich Engels wurde während seiner Lehrzeit wohl nicht zu konsularischen Tätigkeiten herangezogen. Allerdings ließ der Königlich Sächsische Konsul seinen Zögling gewiss an seinen Erkenntnissen zu Handels-, Wirtschafts- und Auswanderungsthemen teilhaben. Wie Heinrich Leupold äußerlich auf Engels wirkte, hat er in einer Zeichnung fixiert:

Das bis ans Ufer der Weser reichende Martiniviertel, in dem Friedrich Engels wohnte, las, lernte, schrieb und kaufmännisch arbeitete, kannte er bald wie seine Westentasche. Auch in der es einbettenden Bremer Altstadt hatte er keine Orientierungsprobleme. Die meisten Stätten, zu denen es ihn in der Altstadt zog, lagen ohnehin in nächster Umgebung vom Pastorenhaus der St. Martinikirche, wo er wohnte, bzw. vom Leupoldschen Kaufmannshaus, wo er den Kontorbock ritt.

Obwohl die Altstadt heutzutage nicht anders als um 1840 von Wallanlagen und Stadtgraben eingehegt wird, würde sie Engels hinsichtlich des Lebensgefühls und des architektonischen und stadträumlichen Erscheinungsbildes kaum wiedererkennen. Ursächlich dafür sind vor allem die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg – von einigen wenigen Bauten wie etwa dem zum Weltkulturerbe zählenden Rathaus abgesehen, bestand 1945 fast die gesamte Altstadt nur mehr aus Trümmern und Ruinen. Das einst beschauliche Martiniviertel hat längst nicht mehr die Anmutung wie um 1840. Die bei Engels‘ Ankunft hier dominierenden Bürger- und Packhäuser mit ihren kunstvoll verzierten Giebeln sind fast sämtlich verloren gegangen. Immerhin, die 1229 erbaute St. Martinikirche samt Neanderhaus steht – trotz schwerer Bombentreffer – noch an angestammter Stelle. Friedrich Engels hat sie für seine Schwester Marie trefflich gezeichnet:

Die Schlachte unterhalb von St. Martini bildete bis zum Ausbau der Freihäfen (1885-88) den stadtbremischen Uferhafen und war Umschlagplatz für die vielen Im- und Exportgüter. Heute werden hinter der Ufermauer keine Waren, keine Baumwoll- und Tabaksballen, Reis-, Kakao- und Kaffeesäcke etc. mehr aufgestapelt.

Der zu Engels‘ Zeiten noch rege Schiffsverkehr ist Geschichte. Heute legen die Containerschiffe an den langen Kajen in Bremerhaven an. Schon weil er nur einige Schritte entfernt von der Schlachte wohnte und arbeitete, hatte er täglichen Anschauungsunterricht darin, wie mühsam die Handelsgüter aus den Leichtern und Kähnen über steile Stege an Land geschafft und in die jeweiligen Kaufmanns- und Packhäuser transportiert wurden.

Was die Schlachte heute auszeichnet – die Vielzahl gastronomischer Betriebe – war für sie allerdings auch schon um 1840 typisch. In fast jedem zweiten Haus gab es damals eine Kellerwirtschaft, wo die Arbeiter in den Pausen frühstückten und Bier tranken.

Friedrich Engels reifte in Bremen zu einem bedeutenden Publizisten heran. Unter dem Pseudonym Friedrich Oswald verfasste er zahlreiche Essays und Artikel für den Telegraph für Deutschland sowie für die beiden damals einflussreichen Cottaschen Zeitungen Morgenblatt für gebildete Leser und Augsburger Allgemeine Zeitung, für die auch Heinrich Heine und Ludwig Börne schrieben. Seine Artikel zeugen von einer für sein Alter erstaunlichen Weitsicht. Wie blutjung dieser Bremer Korrespondent eigentlich noch war, blieb den Lesern jedenfalls verborgen. Ein Beispiel. Als im Herbst 1840 in England der erste schnelle Schraubendampfer getestet wurde, erkannte Engels umgehend, welche verkehrstechnische Revolution bevorstand. Im Morgenblatt für gebildete Leser skizzierte er die bemerkenswerte Vision eines durch die Kombination verschiedener moderner Verkehrsmittel möglich werdenden Massentourismus.

„Ist dann einmal der Anfang einer Dampfpaketfahrt zwischen Deutschland und dem amerikanischen Kontinente gemacht, so wird die neue Einrichtung ohne Zweifel bald ausgebildet und von den größten Folgen für die Verbindung beider Länder werden. Die Zeit wird nicht lange mehr auf sich warten lassen, wo man aus jedem Teile Deutschlands in vierzehn Tagen New York erreichen, von dort aus in vierzehn Tagen die Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten beschauen und in vierzehn Tagen wieder zu Hause sein kann. Ein paar Eisenbahnen, ein paar Dampfschiffe, und die Sache ist fertig; seit Kant die Kategorien Raum und Zeit von der Anschauung des denkenden Geistes abgelöst hat, strebt die Menschheit mit Gewalt dahin, sich auch materiell von diesen Beschränkungen zu emanzipieren.“

Neben seiner Kontorarbeit und der umfangreichen schriftstellerischen Produktion fand Friedrich Engels ausreichend Zeit für das Zusammensein mit Freunden, Bekannten und Kaufleuten. Regelmäßig besuchte er den zuvor bereits Heinrich Heine und Wilhelm Hauff zu literarischen Höchstleistungen inspirierenden Bremer Ratskeller, die heute noch aktive Kaufmanns-Vereinigung Union von 1801 und andere gastliche Orte, wo er nur zu gern über wirtschaftliche und politische Themen diskutierte.

Engels kannte sich bestens in den Buchhandlungen aus, wurde Mitglied in der Bremer Sing-Academie, besuchte Theateraufführungen und Konzerte. Zu Beginn des Jahres 1841 vermerkte er in einem Artikel unter seinem Pseudonym Oswald über das bremische Kulturleben:
„[Es] lässt sich nicht leugnen, dass Bremen durch seine Lage und seine politischen Verhältnisse zu einem Mittelpunkte für die Bildung des nordwestlichen Deutschlands mehr als jede andre Stadt sich eignet. Gelänge es nur, zwei oder drei tüchtige Literaten hierher zu ziehen, so könnte hier ein Journal begründet werden, das den größten Einfluss auf die Kulturentwicklung Norddeutschlands hätte. Die Buchhändler Bremens haben Unternehmungsgeist genug, und ich habe es von Mehreren schon aussprechen gehört, dass sie gern die nötigen Fonds hergeben, und den wahrscheinlichen Schaden der ersten Jahrgänge tragen wollten. Die beste Seite Bremens ist die Musik. Es wird in wenig Städten Deutschlands so viel und so gut musiziert wie hier. Eine verhältnismäßig sehr große Anzahl von Gesangvereinen hat sich gebildet, und die häufigen Konzerte sind immer stark besucht.“

In den Bremer Jahren entwickelte der 18- bis 20-Jährige Friedrich Engels all die Fähigkeiten, die ihn bald darauf zum Mitverfasser des Manifests der Kommunistischen Partei und steten Antreiber und Berater von Karl Marx werden ließen, dessen Jahrhundertwerk Das Kapital ohne ihn nicht entstanden wäre. Dass er in Bremen unter dem zu jener Zeit weithin anerkannten Namen Friedrich Oswald den Grundstock für eine die Welt verändernde Karriere legen konnte, kam nicht von Ungefähr. In der Wesermetropole hinderte ihn so gut wie nichts und niemand daran. Auf seinem Lieblingsplätzchen im Pfarrgarten von St. Martini – mit Blick auf die Weser und die Hafenanlagen an der Schlachte –, aber auch in seiner Stube, auf Kontor und Packhausboden sowie im Lesesaal des kaufmännischen Vereins Union verschlang er zwischen 1838 und 1841 van demokratische Journale, diverse Zeitungen und Zeitschriften, Goethes Werke, Börnes Schriften, Volksbücher, nahezu alle jungdeutschen Neuerscheinungen etc. Darüber hinaus weitete er seine Stenographie- und Fremdsprachenkenntnisse deutlich aus.

Friedrich Engels lebte in seiner Bremer Zeit zwei Leben. Das eines freundlich zugewandten, warmherzigen Kaufmannsgehilfen, Pensionsgastes und trinkfesten Zechkumpanen. Und das unter Pseudonym geführte geistige Parallelleben als literatur-, gesellschafts- und religionskritischer Literat und Journalist. Das weltoffene Bremen bot dem hochbegabten Unternehmersohn Bedingungen, die für seinen nachgerade unglaublichen Entwicklungssprung mitentscheidend waren: einen Lehrherrn, der ungewöhnlich tolerant war, eine Pensionsfamilie, die ihm alle erdenklichen Freiheiten ließ, eine Zensurkommission, die sich merklich zurückhielt, eine gepflegte Musikkultur und Gesellschaften, die die Bildung junger Kaufleute förderten.

Kritiklos ließ der scharfe Beobachter Friedrich Engels die Bremerinnen und Bremer dennoch nicht davonkommen. In einem seiner Artikel für Cottas Gebildetes Morgenblatt heißt es im Juli 1840:
„Im Übrigen ist das hiesige Leben ziemlich einförmig und kleinstädtisch; die haute volée, d. h. die Familien der Patrizier und Geldaristokraten, sind den Sommer über auf ihren Landgütern, die Damen der mittlern Stände können sich auch in der schönen Jahreszeit nicht von ihren Teekränzchen, wo Karten gespielt und die Zunge geübt wird, losreißen, und die Kaufleute besuchen Tag für Tag das Museum, die Börsenhalle oder die Union, um über Kaffee- und Tabakspreise, und den Stand der Unterhandlungen mit dem Zollverband zu sprechen; das Theater wird wenig besucht. – Eine Teilnahme an der fortlaufenden Literatur des Gesamtvaterlandes findet hier nicht statt; man ist so ziemlich der Ansicht, dass mit Goethe und Schiller die Schlusssteine in das Gewölbe der deutschen Literatur gelegt seien, und lässt allenfalls die Romantiker noch für später angebrachte Verzierungen gelten. Man ist in einem Lesezirkel abonniert, teils der Mode halber, teils um bei einem Journal bequemer Sieste halten zu können; aber Interesse erregt nur der Skandal und Alles, was etwa über Bremen in den Blättern gesagt wird. Bei vielen der Gebildeten mag diese Apathie freilich in dem Mangel an Muße begründet sein, denn besonders der Kaufmann ist hier gezwungen, sein Geschäft stets im Kopfe zu behalten, und den etwaigen Rest der Zeit nimmt die Etikette unter der meist sehr zahlreichen Verwandtschaft, Besuche etc. in Anspruch.“

Obwohl Friedrich Engels, wie er einem Freund offenbarte, in der Hansestadt einen „renommistischen studiosistischen Anhauch“ pflegte – sozusagen als Ausgleich dafür, was ihm sein Vater verwehrt hatte: das ersehnte Studium an einer Universität –, renommierte er öffentlich in keiner Weise mit dem guten Ruf, den er ab 1839 unter dem Pseudonym Friedrich Oswald bei vielen Lesern, namhaften Redakteuren und Herausgebern gewann und festigte. Der von einer gehörigen Portion Selbstbeherrschung begleitete autodidaktische Studier- und Schreibeifer korrespondierte mit einer für einen tatenfrohen jungen Mann sicherlich nicht leicht zu wahrenden Disziplin beim konsequenten öffentlichen Verschweigen der Hervorbringungen seines zweiten Ich. Lediglich seinen besten Schulfreunden gegenüber, auf deren Verschwiegenheit er sich verlassen konnte, erwähnte er seine religions-kritischen Gedanken und literarischen Erfolge.

Als Friedrich Engels zu Ostern 1841 Bremen verließ. hatte er sich im Hinblick auf Großgrundbesitzer bereits eine Etappenposition auf dem Weg zur sozialistischen Anschauung erarbeitet: „Als ob eine Generation das Recht hätte, über das Eigentum aller künftigen Geschlechter, welches sie augenblicklich genießt und verwaltet, unbeschränkt zu verfügen, als ob die Freiheit des Eigentums nicht zerstört würde durch ein Schalten mit demselben, welches alle Nachkommen dieser Freiheit beraubt!“

Friedrich Engels genoss im späteren Leben den Ruf, der Didaktiker der Ideen der Arbeiterbewegung zu sein. Die Grundlage dafür schuf er in Bremen. Als 1845 sein bahnbrechend empirisches Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England erschien, war spätestens klar, wozu ihm das Leben in der Hansestadt verholfen hatte. Friedrich Engels hat dem sozialen Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert nachhaltige Impulse verliehen. Nicht zu vergessen: In seiner letzten größeren Arbeit, in der Einleitung zu Marx‘ Klassenkämpfen in Frankreich 1848 bis 1850, forderte er, die politische Machtergreifung der Arbeiterklasse müsse auf demokratische und friedliche Weise erfolgen – sprich durch Nutzung und Ausweitung der demokratischen Instrumentarien des bürgerlichen Staates und mittels der Gewinnung der Mehrheit des Volkes.
 

Eine Geschichte für sich

Ungefähr dort, wo einst das Friedrich Engels vertraute Kaufmannshaus stand, erhebt sich das backsteinerne Gebäude aus den 1960er Jahren, das nicht zufällig an den beiden ersten Geschossen um genau die um eine Auslucht ergänzte Sandstein-Rokokofassade bereichert ist, deren Tor der junge Engels einst täglich durchschritt. Wahrlich eine Geschichte für sich.

Die 1755 vor das um 1600 erbaute Leupoldsche Haus in der Martinistraße 11 gesetzte Rokokofassade war nach dem Abbruch 1897 kurzerhand vor ein Haus in der nahen Langenstraße gesetzt worden. Nach den schweren Bombenangriffen auf die Bremer Altstadt im Oktober 1944 fiel jedoch auch dieses Gebäude der Zerstörung anheim; allerdings konnte die historische Fassade überwiegend geborgen werden. 1965 wurde sie auf Geheiß des Bauherren Dr. Heinrich Ahrens (1903-2002) in seinen Neubau in der Martinistraße – nun mit der Hausnummer 27 – integriert. Der Versicherungskaufmann Ahrens wusste nur zu genau, warum er die geborgenen Steine reden lassen wollte. Er war als Wehrmachtssoldat 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und erlebte dann dort, wie er später schrieb, mit Bremer Landsleuten „zehn dunkle Jahre russischer Kriegsgefangenschaft“. Als einer von ihnen in der im Lager verfügbaren deutschen Werkausgabe von Marx und Engels die Bremer Briefe von Friedrich Engels entdeckt hatte, ging „dieser Band von Hand zu Hand“; schöpfte Heinrich Ahrens bei Hunger, Krankheit und sibirischer Kälte aus „diesen friedlichen Bildern unserer lieben Vaterstadt“ die Kraft zum Überleben. Ahrens kehrte erst 1954 aus der Gefangenschaft zurück. 1966 gab er mit seinem Verlegerfreund Dierk Rodewald eine Auswahl der Bremer Briefe von Friedrich Engels heraus.

Text: Johann-Günter König

Lektüretipp

Johann-Günther König: Friedrich Engels. Die Bremer Jahre. 1839 bis 1841. Mit allen überlieferten Briefen, Schriften und Zeichnungen aus der neuen MEGA und einer detaillierten biografischen und ortbezogenen Studie. 608 Seiten. Kellner-Verlag, Bremen / www.kellnerverlag.de

Museumstipp

Die historischen Ausstellungen im Engels-Haus und im Museum für Frühindustrialisierung in Wuppertal vermitteln das Werk von Friedrich Engels vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Industrialisierung. Mehr Infos unter: www.friedrich-engels-haus.de

Wir bedanken uns beim Focke-Museum Bremen für die Lieferung der historischen Bremen-Aufnahmen.
 

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