Entdeckt Stolpersteine und Erinnerungsorte in der Bremer Innenstadt und im Viertel. In persönlichen Geschichten erfahrt ihr von Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden und lernt mehr über Bremens NS-Geschichte. Dieser Audioguide ist in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Initiativkreis Stolpersteine entstanden, dauert ca. eine bis eineinhalb Stunden und ist ungefähr 3,5km lang.
Jetzt im „Dein Bremen Guide“ – inklusive Entfernungen.
Innenstadt, 1937
Standort: Marktplatz
Audio Länge: 03:23 Minuten
In diesem Audioguide blicken wir gemeinsam auf die Geschichten von Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Bremen. In den folgenden 60 bis 90 Minuten lernst du Schicksale aus Bremen kennen, an die unter anderem mit Stolpersteinen erinnert wird.
Wir starten unseren Rundgang auf dem Marktplatz – laut Legende Gründungsort der Stadt. Meist wird von einer 1.200-jährigen Geschichte voller Tradition und Weltoffenheit gesprochen, von Recht und Freiheit, seit 1404 symbolisch verkörpert durch die Roland-Statue vor dem Rathaus. Doch zur Geschichte der Stadt gehören auch Zeiten, die von Gewalt und Unrecht geprägt waren. Besonders in der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 herrschte Willkür und Terror. Er richtete sich gegen diejenigen, die aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen wurden.
Heute herrscht auf dem Marktplatz ein lebhaftes Miteinander. Menschen aus aller Welt kommen hier zusammen. Vielleicht findet auch eine politische Demonstration statt oder es sind am Christopher-Street-Day Regenbogenflaggen zu sehen. Doch im Jahr 1933 wehten hier Hakenkreuzflaggen. In den nachfolgenden Jahren wurden in Europa Millionen von Menschen systematisch verfolgt, verhaftet und ermordet.
Das Projekt Stolpersteine erinnert an diese Menschen. Es geht auf den Bildhauer Gunter Demnig zurück. Vor den letzten Wohnsitzen oder Wirkungsstätten der Opfer werden seit 1995 in Europa kleine Betonquader mit Messingtafeln verlegt, die an sie erinnern. Hier in Bremen werden die Recherchen und Verlegungen in ehrenamtlicher Arbeit vom „Initiativkreis Stolpersteine“ organisiert. Der Verein „Erinnern für die Zukunft“ und die Landeszentrale für politische Bildung sind Träger des Projekts. Bis Januar 2025 wurden in Bremen über 800 Steine verlegt.
Insgesamt wurden aus Bremen mindestens 765 Jüdinnen und Juden in Lagern ermordet. Darüber hinaus gab es über 900 Opfer der sogenannten „Euthanasie“, 150 ermordete Sinti und Roma, über 100 politisch sowie religiös Verfolgte und eine unbekannte Zahl an queeren Opfern und an Menschen, die als sogenannte „Asoziale“ verfolgt wurden. Die Schicksale, die wir in diesem Audioguide betrachten werden, können also nur symbolisch für die unzähligen Toten und Leidtragenden stehen.
Die nächste Station liegt hinter dem Schütting. Geh rechts an dem Gebäude gegenüber vom Rathaus vorbei und biege links ab in die Straße „Hinter dem Schütting“. Auf Höhe der Hausnummer 8 findest du den Stolperstein von Else Weinberg.
Bremer Heil- und Pflegeanstalt in Osterholz, 1936
Standort: Hinter dem Schütting 8
Audio Länge: 02:48 Minuten
Du stehst jetzt vor der Dienstwohnung, die Else Weinberg 1938 mit ihrer Familie bezog. Ihr Mann hatte eine Stelle als Hausmeister im Gebäude des Senators für Wirtschaft erhalten, gleich hier um die Ecke, in der Stintbrücke Hausnummer 5.
Es ist der 25. August 1943. Eine Frau verlässt in Begleitung zweier Männer das Gebäude vor dir. Sie kann nicht gehen und ist auf die Hilfe ihrer Begleiter angewiesen. Die Frau ist Else Weinberg, geborene Wolff. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 48 Jahre alt. An ihrer Seite ist ihr Ehemann Gerhard Weinberg und ihr sechzehnjähriger Sohn Horst-Günther. An diesem spätsommerlichen Tag machen sich die drei auf den Weg zur Bremer Nervenklinik im Stadtteil Osterholz. Sie hoffen, dass Else dort jene Hilfe und Pflege bekommen wird, die die Familie nicht mehr leisten kann. Die Mutter von zwei Kindern ist an Multipler Sklerose erkrankt, ihre Beine sind gelähmt, sie kann das Bett nicht mehr verlassen, das Sprechen fällt ihr schwer.
Im November 1943 wird die Klinik bei einem Bombenangriff auf Bremen stark beschädigt. Else Weinberg wird deshalb am 9. Dezember zusammen mit mehr als 300 anderen Patientinnen und Patienten in einem Sonderzug in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Meseritz-Obrawalde transportiert, eine Einrichtung in der Nähe von Frankfurt an der Oder im heutigen Polen. Die Fahrt dauert 18 Stunden.
Meseritz-Obrawalde ist jedoch keine „Heil- und Pflegeanstalt“ mehr. Während der deutschen Besatzung werden dort kranke, behinderte und alte Menschen aus ganz Deutschland systematisch ermordet. 266 Patientinnen und Patienten aus dem Bremer Transport überleben den Aufenthalt dort nicht. Auch Else Weinberg wird am 12. Dezember 1943, nur zwei Tage nach ihrer Ankunft, ermordet. Um den Mord zu vertuschen wird „Altersschwäche“ als offizielle Todesursache angegeben.
Else Weinberg wird nur 48 Jahre alt.
Folge jetzt bitte der Straße „Hinter dem Schütting“, überquere die Domsheide und gehe in die Dechanatstraße. An der Kreuzung zum Landherrnamt findest du das Mahnmal für die Opfer der Novemberpogrome 1938 in Bremen und die nächste Station.
Brand der Kapelle auf dem jüdischen Friedhof nach Brandstiftung durch die SA, 10. November 1938
Standort: Dechanatstraße 9
Audio Länge: 04:04 Minuten
Du stehst jetzt vor dem Mahnmal für die Opfer des Novemberpogroms 1938 in Bremen. Es wurde von dem deutschen Künstler Hans D. Voss entworfen und steht seit 1982 an dieser Stelle.
In der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erreichen Feindseligkeit, Gewalt und Diskriminierung gegen Jüdinnen und Juden eine neue Stufe der Gewalt:
Überall im Deutschen Reich und auch hier in Bremen brennen die Nationalsozialisten Synagogen nieder, plündern und zerstören Geschäfte, verwüsten religiöse Stätten und terrorisieren jüdische Menschen. Auch hier im Schnoor brennt die Synagoge nieder. Die Nachbarn schauen zu. Die Feuerwehr verhindert nur, dass die Flammen auf die umliegenden Gebäude übergreifen. SA-Trupps ziehen auf „Judensuche“ durch die Stadt und verhaften jüdische Bürger. Im Stadtteil Gröpelingen wird das jüdische Altersheim überfallen, in Sebaldsbrück das jüdische Bethaus verwüstet. Im Laufe des 10. Novembers zerstören Nationalsozialisten die Kapelle des jüdischen Friedhofs im Stadtteil Hastedt und schänden dort Gräber.
Im Hemelinger Anzeiger heißt es am 11. November: „ …Die dreckige Juden-Synagoge in Sebaldsbrück war sehr schnell das Zentrum der Bevölkerung. Der Stall wurde erst einmal ausgemistet und die „Betstühle“ auf den richtigen Platz, nämlich auf den Scheiterhaufen verwiesen…“
Die fünf Namen, die du hier am Mahnmal lesen kannst, erinnern an die Menschen, die in Bremen in dieser Nacht von der SA ermordet werden:
Heinrich Rosenblum und Selma Zwienicki in der Neustadt,
Dr. Adolph Goldberg und seine Frau Martha in Burgdamm,
Leopold Sinasohn in Platjenwerbe bei Ritterhude.
Nähere Einzelheiten zu ihren Schicksalen kannst du auf der Website des Bremer Stolperstein Projektes nachlesen.
Während des Pogroms werden deutschlandweit 91 jüdische Menschen ermordet. Viele weitere sterben in den Tagen danach. Meist an den Folgen von Misshandlungen während der Haft in Gefängnissen und Konzentrationslagern, oder durch Selbstmord.
Gehe nun weiter zur Hochschule für Künste. Das große denkmalgeschützte Gebäude auf der rechten Straßenseite war 1938 das Alte Gymnasium. Wo heute Kunst und Musik gelehrt werden, beginnt für viele jüdische Männer der Weg in die Deportation. Im Innenhof dieses Gebäudes werden in der Pogromnacht über 160 jüdische Menschen zusammengetrieben und festgehalten. Am nächsten Morgen müssen sie, bewacht durch die SA, quer durch die Stadt marschieren: von der Innenstadt zum 8 km entfernten Zuchthaus Bremen-Oslebshausen. Frauen und Kinder kommen am Folgetag frei, die Männer werden in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin deportiert.
Ein großer Teil von ihnen kehrt bis Jahresende nach Bremen zurück. Doch für viele sind diese ersten Verhaftungen der Beginn eines Weges, der in die Konzentrationslager des NS-Regimes führte und für die meisten mit dem Tod endete, wie du auf unserem weiteren Rundgang erfahren wirst.
Gehe nun zur nächsten Station am Altenwall 3. Folge der Ostertorstraße bis zum Altenwall. Dort findest du den Stolperstein von Ludwig Fürstenthal.
Innenstadt mit Blick auf die Wallanlagen 1933
Standort: Altenwall 3 /Ostertorstraße 39
Audio Länge: 03:37 Minuten
Es ist 1937. Du gehst die Ostertorstraße entlang. Durch ein geöffnetes Fenster hörst du Geräusche. Du bleibst stehen und lauschst. Nach kurzer Zeit erkennst du: Hier arbeitet ein Zahnarzt. Es ist der 49-jährige Ludwig Fürstenthal, der in diesem Haus seit 1928 arbeitet und lebt. Da ihn eine Gehbehinderung körperlich einschränkt, bekommt er Hilfe von seiner Nachbarin Emma Ahlburg. Die beiden sind ein Paar, haben sich sogar verlobt. Doch heiraten dürfen sie nicht. Die nationalsozialistischen Rassengesetze von 1935 verbieten es, weil Ludwig Jude ist.
Diese auch als „Nürnberger Gesetze“ bekannten Verordnungen unterteilen Menschen nach ihrer sogenannten „rassischen Herkunft“ und schließen Jüdinnen und Juden aus der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft aus. Sie verbieten unter anderem Eheschließungen und sexuelle Beziehungen zwischen Menschen jüdischer Herkunft und solchen, die das Regime als „arisch“ einstufte. Kommen solche Beziehungen ans Licht, sind die Beteiligten häufig Repressionen und Gewalt ausgesetzt. Emma Ahlburg wird als sogenannte „Judenbraut“ schikaniert, von der Gestapo verhört und dabei so stark misshandelt, dass sie bleibende Schäden davonträgt.
Im Februar 1939 verschärft sich die Situation weiter. Ludwig Fürstenthal darf ab jetzt nur noch Jüdinnen und Juden behandeln. Im November 1941 erhält er von der Bremer Gestapo schließlich den Ausweisungsbefehl. Ludwig Fürstenthal darf lediglich einen Koffer und Handgepäck bis zu 50kg mitnehmen. Ludwig aber verpackt seine gesamte Praxiseinrichtung in zehn Kisten. Wo auch immer er hinkommt, er will seine Mitmenschen weiter behandeln können. Am 18. November 1941 wird er zusammen mit 442 anderen jüdischen Menschen aus Bremen mit dem Zug in das Ghetto Minsk deportiert. Dieses Lager richtet die Wehrmacht im Juli 1941 gleich nach der Besetzung der belarussischen Hauptstadt ein. Es wird zu einem der größten nationalsozialistischen Ghettos für Jüdinnen und Juden im von Deutschland besetzten Teil der Sowjetunion. Was dort mit Ludwig Fürstenthal geschieht ist bis heute ungeklärt. Entweder stirbt er an den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto oder wird Opfer einer der Massenmorde, die Ende Juli 1942 beginnen. Von den Bremer Deportierten überleben nur sechs Männer.
Gehe nun über die Kreuzung und an der Kunsthalle vorbei zum Wilhelm Wagenfeld Haus. Dort – Am Wall 209 – findest du die nächste Station, die Dokumentationsstätte am Gefangenenhaus der Ostertorwache.
Ostertorwache, zwischen 1930 und 1943
Standort: Am Wall 209
Audio Länge: 03:49 Minuten
Vor dir erhebt sich ein imposantes Gebäude. Die klassizistischen Säulen, der Giebel und nicht zuletzt die Lage mitten in den malerischen Wallanlagen, umgeben von herrschaftlichen Häusern, lassen kaum erahnen, was sich im Inneren verbirgt.
Im vorderen Trakt der Ostertorwache befindet sich heute das Wilhelm Wagenfeld Haus – ein Museum für Design und Alltagskultur. 1828 wird es jedoch zu einem anderen Zweck errichtet. Über 150 Jahre dient es als Gefangenenhaus, Polizeigewahrsam und schließlich als Abschiebehaftanstalt.
In der NS-Zeit wird das Gebäude als Polizei- und Gestapogefängnis genutzt. Mit dem Beginn des Nationalsozialismus im März 1933 setzt eine Verhaftungswelle ein. Gegnerinnen und Gegner des NS-Regimes werden politisch verfolgt: Sozialdemokratinnen und –demokraten, Kommunistinnen und Kommunisten, aber auch Bibelforschende, queere Menschen, Sinti und Roma und nicht zuletzt Jüdinnen und Juden. Unter unmenschlichen Bedingungen warten die Inhaftierten tage-, wochen- oder monatelang auf ihre Verhöre durch Polizei und Gestapo. Einige werden erst nach Jahren wieder entlassen. Etliche werden von dort in Untersuchungshaft oder Konzentrationslager überstellt.
Mit Beginn des Krieges werden auch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mit dem Vorwurf der „Arbeitsverweigerung“ im Polizeigefängnis inhaftiert. Unter ihnen ist der 16-jährige Walerian Wróbel.
Walerian stammt aus einem Dorf in Polen. Im April 1941, nur wenige Tage nach seinem 16. Geburtstag, wird Walerian zusammen mit seinem Schulfreund und anderen Männern zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, wo er einem Bauernhof in Bremen-Lesum zugeteilt wird. Aus Heimweh und in der Hoffnung, zur Strafe nach Hause zurückgeschickt zu werden, legt er ein Feuer in der Scheune des Hofes. Doch sein Plan geht nicht auf. Die Polizei nimmt Walerian in Haft und überstellt ihn anschließend ins Konzentrationslager Neuengamme. Ein dreiviertel Jahr später verurteilt das Bremer Sondergericht unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Warneken den inzwischen 17-jährigen als „Volksschädling“ zum Tode. Am 25. August 1942 wird Walerian Wróbel in Hamburg hingerichtet.
An die Geschichte des Hauses als Strafvollzugsanstalt, Polizei- und Gestapogefängnis, erinnert heute ein erhaltener Trakt mit fünf Zellen, der besichtigt werden kann.
Gehe nun ein Stück den Ostertorsteinweg entlang, bis du vor dem Theater Bremen stehst. Gehe dann rechts daran vorbei. So gelangst du in die Bleicherstraße. An der Hausnummer 26 befindet sich dort der Stolperstein von Wilhelm Rengstorf.
Bleicherstraße 26 (links), 1941
Standort: Bleicherstraße 26
Audio Länge: 04:52 Minuten
Für diese Station wurde aus dramaturgischen Gründen ein Cello als musikalisches Element gewählt. Es ist nicht überliefert, welches Instrument Wilhelm Rengstorf tatsächlich spielte.
Es ist ein milder Frühlingstag im Jahr 1937. Du spazierst die Bleicherstraße entlang, als du leise Musik vernimmst. Woher kommt sie? Auf Höhe der Hausnummer 26 bleibst du stehen. Hier ist die Musik am lautesten zu hören. Offenbar übt hier jemand auf seinem Instrument. Du stehst vor dem Haus, in dem Wilhelm Rengstorf 1937 mit seiner Frau Emma wohnte.
Rengstorf ist Musiker und wird 1902 in Bremen-Sebaldsbrück geboren. 1935 heiratet er Emma Hunte. Zusammen engagieren sie sich aktiv für die internationale Bibelvereinigung. Heute kennst du sie als Zeugen Jehovas. Die beiden gehen zu Gottesdiensten und Versammlungen und verteilen Info-Materialien. Außerdem bieten sie Heinrich Dietschi Unterschlupf in ihrer Wohnung. Er ist der ranghöchste Älteste der Zeugen Jehovas im Deutschen Reich und wird zu dieser Zeit wegen illegaler Tätigkeiten von den Nationalsozialisten gesucht.
Zeugen Jehovas, aber auch Angehörige anderer religiöser Gruppen, werden vom NS-Regime als sogenannte „Asoziale“ oder auch „Gemeinschaftsfremde“ angesehen. Ihre Weigerung, sich der Ordnung des nationalsozialistischen Staates unterzuordnen, wird als „verbrecherisches Verhalten“ gewertet. Beispielsweise lehnen viele Zeugen Jehovas den Hitlergruß ab und verweigern den Kriegsdienst.
Am 6. Juli 1937 werden Wilhelm und Emma festgenommen und im Gefangenenhaus Ostertorwache inhaftiert. Während des Verhörs misshandelt die Gestapo sie schwer. Trotzdem schweigt Wilhelm Rengstorf konsequent. Daraufhin wird er in die Nervenklinik Bremen-Osterholz eingewiesen. Dort soll seine Zurechnungsfähigkeit begutachtet werden. Nach über sieben Monaten Klinikaufenthalt kommt der ärztliche Direktor zu dem Schluss, dass keine Aussagen zur Zurechnungsfähigkeit möglich seien. Rengstorf wird zurück ins Untersuchungsgefängnis überstellt.
Immer wieder wird er gedrängt, eine Erklärung zu unterschreiben. Darin soll er sich von seinem Glauben abwenden und einen Treueeid auf den „Führer“ Adolf Hitler leisten. Es handelt sich um ein Standarddokument, das den Zeugen Jehovas vom NS-Staat vorgelegt wird. Rengstorf weigert sich eisern, seiner Überzeugung abzuschwören.
Im Juli 1938 werden 28 Zeugen Jehovas vor dem Hamburger Sondergericht angeklagt und zu drei Jahren Haft verurteilt – darunter auch Wilhelm und Emma. Ab August 1938 sitzen die beiden diese Strafe in Vechta ab. Während Emma bereits am 1. Juli 1940 entlassen wird, wird Wilhelm in die sogenannte „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Neuengamme gebracht, wo er, wie andere Zeugen Jehovas, durch ein violettes Dreieck gekennzeichnet wird. Dort betätigt er sich unter anderem als Musiker.
Als die Leitung das Lager im März 1945 räumt, wird Wilhelm Rengstorf zusammen mit ca. 4.600 Häftlingen auf das Schiff Cap Arcona in der Lübecker Bucht gebracht. In der Annahme, dass sich nationalsozialistische Funktionäre und Wehrmachtssoldaten darauf befinden, schießen britische Flugzeuge am 3. Mai 1945 auf das Schiff. Es fängt Feuer und versinkt. Immer noch im Glauben, auf den Feind zu zielen, feuert die britische Luftwaffe auch auf die Überlebenden, die versuchen das rettende Ufer zu erreichen.
Nur ungefähr 400 Menschen können aus dem acht-Grad-kalten Wasser gerettet werden. Wilhelm Rengstorf ist nicht unter ihnen. Er gilt als vermisst und wird schließlich am 4. Juni 1951 für tot erklärt.
Gehe nun entlang der Mozartstraße zurück zum Ostertorsteinweg. Über die Wulwesstraße gelangst du zur Charlottenstraße 28. Dort befindet sich der Stolperstein der Familie Altgenug.
Standort: Charlottenstraße 28
Audio Länge: 03:05 Minuten
Du stehst jetzt vor einem ehemaligen sogenannten „Judenhaus“. 1939 schafft ein Gesetz den Mietschutz für Jüdinnen und Juden ab, weswegen die Wohnungsbehörden veranlassen können, dass in bestimmten Häusern jüdische Menschen konzentriert werden. Diese Ausgrenzung und Demütigung schafft nicht nur Wohnraum für die nicht jüdische Bevölkerung, sondern erleichtert den Nationalsozialisten auch die nachfolgenden Deportationen.
Hier in der Charlottenstraße kommt, neben anderen, die Familie Altgenug unter.
Geboren werden die Mitglieder der Familie in Norden in Ostfriesland. Ihre Heimat müssen sie jedoch aufgrund von Vertreibung verlassen. Durch die NS-Propaganda wurde die Behauptung verbreitet, Ostfriesland sei „verjudeter“ als jedes andere deutsche Gebiet. Im Februar 1940 verfügt die Gestapo Wilhelmshaven deshalb, dass alle Jüdinnen und Juden Ostfriesland, den damaligen Regierungsbezirk Aurich und das Land Oldenburg bis zum 1. April verlassen müssen. Viele fliehen in die umliegenden Städte.
So auch Jakob, sein Bruder Joseph mit Frau Sophie und gemeinsamen Sohn Hugo, sowie Samson und Johanna mit ihren Kindern Hermann und Fränzel Altgenug. Sie fliehen nach Bremen und sind ab 1940 hier in der Charlottenstraße gemeldet. Josephs und Sophies jüngstem Sohn Rolf gelingt ein Jahr zuvor im Alter von nur neun Jahren die Flucht nach Schweden. Ihr ältestes Kind Hugo bleibt nur kurz in Bremen. Bereits im April ist er in Ahlem bei Hannover gemeldet. Dort existiert eine Israelitische Gartenbauschule, in der er sich wahrscheinlich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Doch nach kurzer Zeit verlässt er Ahlem wieder und kehrt nach Bremen zu seinen Eltern zurück. Mit nur 15 Jahren nimmt er sich dort das Leben. Am 16. Juli 1940 wird seine Leiche in der Weser gefunden.
Die anderen sieben Familienmitglieder werden am 18. November 1940 nach Minsk in Belarus deportiert. Sofern sie nicht unter den schrecklichen Lebensbedingungen im Ghetto zu Tode kommen, fallen sie einer der Massenmordaktionen ab 1942 zum Opfer.
Kehre nun zur Wulwestraße zurück und folge ihr weiter, bis du bei der Hausnummer 15 bist. Dort befindet sich der Stolperstein von Robert Dorsay.
Robert Dorsay im Kabarett der Komiker, 1939
Standort: Wulwesstraße 15
Audio Länge: 04:35 Minuten
„Wann ist endlich Schluss mit dieser Idiotie. Idiotie. Anders kann man es schon gar nicht bezeichnen... Nun sind schon 14 Tage vergangen, wo ich hier wieder diese Scheiße mitmachen muß. (...) Eigentlich ärgere ich mich darüber, daß ich unserem geliebten Führer beim Endkampf nicht helfen kann, zu dumm. Ich hätte so gern mein Leben eingesetzt für die herrliche Idee der NSDAP. (...) Die ganze Angelegenheit wird immer lächerlicher.“
Das war ein Auszug aus dem Brief, der Robert Stampa sein Leben kostete. Paul Ferdinand Theodor Robert Stampa wird 1904 in Bremen geboren. Hier, in diesem Haus in der Wulwesstraße 15, lebt er mit seinen Eltern, bevor sie Bremen schließlich verlassen.
So, wie seine Mutter und sein Vater, wird auch Robert Stampa Schauspieler. Er übernimmt den Künstlernamen „Dorsay“ von seiner Mutter. 1928 feiert Robert sein Bühnen-Debüt in München. Er wirkt in vielen Filmen mit, unter anderem zusammen mit damals bekannten Schauspielern wie Gustaf Grundgens, Zarah Leander und Theo Lingen.
Robert Dorsay versucht sich zunächst mit dem NS-Regime zu arrangieren und tritt im August 1932 der NSDAP bei. Gleichzeitig wahrt er eine komödiantische Distanz und bietet auch in der Öffentlichkeit Hitlerwitze und -imitationen dar. Im September 1933 wird er wegen nicht gezahlter Beiträge wieder aus der Partei ausgeschlossen. Ab 1939 wird ihm ein Film-Verbot erteilt. 1942 zieht ihn die Wehrmacht ein. Er leistet Dienst in einer Kraftfahrerkompanie in Osterode in Ostpreußen. Ein Antrag auf Arbeitsurlaub, um ein Theaterstück aufzuführen, wird abgelehnt. Robert Dorsay äußert sich immer wieder negativ über seine Zeit bei der Wehrmacht: „Die Schweine haben mich als Soldat eingezogen, aber ich bin Schauspieler und kein Soldat."
Wütend und ohne die Hoffnung wieder in seinem Beruf arbeiten zu können, schreibt er einen langen, ironischen Brief an einen Freund in Berlin:
„Sobald ich diesen Brief beendet habe, mach ich mir eine schöne Stulle mit Adolf-Hitler-Gedächtnis-Crem (Kunsthonig) und lege mich ins Bettchen, denke an schöne Stunden in Berlin und lasse (...) einen kräftigen Kommisbrotforz fliegen und scheiße auf die ganze Monarchie.“
Die Post wird damals systematisch kontrolliert und der Brief geöffnet . Die Gestapo verhaftet Robert Dorsay am 8. Juni 1943 in Osterode. Die Anklage lautet Wehrkraftzersetzung nach § 5 Kriegssonderstrafrechtsverordnung. Er wird zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Weil Reichspropagandaminister Goebbels aber eine härtere Strafe fordert, wird das Urteil wieder aufgehoben. In einem neuen Verfahren verurteilt ein Gericht Robert Dorsay schließlich am 8. Oktober 1943 zum Tode. Am 29. Oktober 1943 wird er in Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet.
„Das am 8.10.43 ergangene Todesurteil ist nach Bestätigung am 29.10.43 vollstreckt worden. Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften und dergl. sind verboten", so die knappe, bürokratische Nachricht, die seine Frau Louise noch am selben Tag erreicht. Der Völkische Beobachter, berichtet im November 1943 über die „Hinrichtung eines Verräters".
Gehe nun weiter und biege links in die Kohlhökerstraße. Bei der Hausnummer 6 findest du das Gebäude der letzten jüdischen Schule in Bremen und unsere nächste Station.
Blick Richtung Kolhökerstraße, 1942
Standort: Kohlhökerstraße 6
Audio Länge: 04:31 Minuten
Vor dir befindet sich das Gebäude der letzten jüdischen Schule in Bremen. Hier versucht die jüdische Gemeinde in Bremen ihre Kinder trotz systematischer Ausgrenzung zu unterrichten.
Sechs Tage nach der Pogromnacht am 9. November 1938 wurden jüdische Kinder in Bremen vom Schulunterricht ausgeschlossen. In den Dokumenten jener Zeit finden sich durchgestrichene Namen mit dem Vermerk „jüdisch“ oder „Auf Anordnung der Behörde am 15.11.38 aus der Schule entfernt“. Doch die jüdische Gemeinde ließ ihre Kinder nicht ohne Bildung zurück. Ob die Einrichtung einer jüdischen Schule offiziell angeordnet wurde, ist heute nicht mehr eindeutig belegt. Dank der Aussagen und Aufzeichnungen von Gerhard Zwienicki, der später Rabbiner wurde, konnte jedoch ein Teil der damaligen Ereignisse rekonstruiert werden.
Zwienicki beginnt in Würzburg eine Ausbildung zum Lehrer, wird dann aber während der Pogrome verhaftet. 1938 kehrt er nach Bremen zurück und erfährt dort, dass seine Mutter Selma von den Nazis ermordet wurde. Ihren Namen hast du auf dem Mahnmal in der Dechanatstraße gelesen. Zwienicki bleibt in Bremen und engagiert sich in der israelitischen Gemeinde. Im März 1939 betraut sie ihn mit der Organisation einer jüdischen Schule.
Nach viel Zureden erhält Zwienicki schließlich eine Erlaubnis von der Gestapo für die Eröffnung der Schule in einem heruntergekommenen Sportgebäude in der Deichstraße. Der Unterricht darf jedoch nur nachmittags stattfinden, wenn die sogenannte „deutsche“ Schule beendet ist. Am 12. Mai 1939 wird die jüdische Schule eröffnet und Zwienicki erklärt den Schülerinnen und Schülern in einer Rede:
„...ihr müsst euch sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule beispielhaft benehmen. Ordnung und Sauberkeit muß in diesem Gebäude gehalten werden, das uns nur geliehen wurde, und – wie ihr wißt – sofort geschlossen wird, sollten wir es je anders verlassen, als wir es jetzt vorgefunden haben. Seid euch im Klaren darüber, daß wir von der Staatspolizei permanent überwacht und beobachtet werden, die uns jederzeit ohne Vorwarnung überraschen kann."
Es stehen keine ausgebildeten Lehrkräfte zur Verfügung, deshalb erklärt er seinen Kolleginnen und Kollegen wie man unterrichtet. Sie lehren die Fächer Englisch, Spanisch, Geografie, Algebra, Geschichte, Religion und Sport. Aufgrund einer Verordnung zieht die Schule 1939 zur jüdischen Gemeinde hier in die Kohlhökerstraße.
Zwienicki leitet die Schule bis zum 31. Mai 1939 und flieht schließlich über Kanada in die USA. Vorher aber kümmert er sich noch um eine Vertretung. Diese leitet die Schule bis zu ihrer Schließung zwei Jahre später.
Im November 1941 besuchen laut Dokumenten noch 33 Kinder die jüdische Schule. Zu dieser Zeit beginnen die massenhaften Deportationen im gesamten Deutschen Reich. So auch am 18. November in Bremen. Während die Behörden den Eltern sagen, dass sie zum Arbeiten in den Osten „übersiedelt“ werden, wird den Kindern in der Schule erzählt, sie seien auf dem Weg zu einem Ausflug. Mit der Deportation findet die jüdische Schule in Bremen ihr endgültiges Ende. Keines der Kinder überlebte. Eine Gedenktafel am Haus erinnert heute an sie.
Geh nun die Kohlhökerstraße entlang, bis du zur Contrescarpe kommst. Folge ihr entlang der Wallanlagen bis zum Rudolf-Hilferding-Platz. Dort findest du unsere nächste Station: Das Finanzamt Bremen.
Haus des Reichs, 1931
Standort: Rudolf-Hilferding-Platz 1
Audio Länge: 04:34 Minuten
Es ist das Jahr 1942. Du stehst hier auf dem Platz und blickst auf das große Gebäude vor dir. Es handelt sich um das „Haus des Reichs“, in dem das „Oberfinanzpräsidium Weser-Ems“ seinen Sitz hat. Finanzbeamte betreten das Gebäude, um zur Arbeit zu gehen. Ein Lastwagen hält neben dem Haupteingang und du siehst, wie mehrere Männer etwas entladen. Als du näher herangehst, erkennst du, wie sie Schreibmaschinen ins Innere des Oberfinanzpräsidiums tragen. Was hat es damit auf sich?
Die Finanzbehörde spielt in der NS-Zeit eine tragende Rolle bei der Beraubung der Jüdinnen und Juden in Bremen. Sie ist aktiv an der sogenannten „Arisierung“ beteiligt – eine staatlich organisierte, systematische Enteignung jüdischen Eigentums, durch die Besitz, Geschäfte und Vermögen in sogenannte „arische“ Hände überführt werden. In der deutschen Steuerzeitung von 1939 heißt es dazu: „Die Finanzämter sind damit im Kampf des nationalsozialistischen Reichs gegen das Judentum in vorderster Front eingesetzt.“ Vor der physischen plante man die wirtschaftliche Vernichtung jüdischen Lebens.
Diese systematische Beraubung durch den NS-Apparat erreicht nach den Reichspogromen im November 1938 neue Ausmaße: Versicherungsleistungen für zerstörte Geschäfte und Wohnungen werden vom Staat beschlagnahmt. Schäden müssen selbst gezahlt werden. Und eine Vermögensabgabe, die sogenannte "Sühneleistung", wird eingeführt. Nach dieser müssen alle Jüdinnen und Juden, die mehr als 5000 Reichsmark besitzen, ein Viertel ihres Geldes abgeben.
Nicht nur der Staat bereichert sich am Besitz der Jüdinnen und Juden. Auch private Unternehmen unterstützen den Raub als „Dienstleister“. Ein dichtes Netzwerk von Spediteuren, Auktionatoren und Gerichtsvollziehern realisiert die Ausplünderungen. Mit 1300 Mitgliedern ist die jüdische Gemeinde in Bremen 1933 zwar vergleichsweise klein. Aber da über die Häfen in Bremen sämtliche Umzugsgüter von Flüchtenden aus dem gesamten Deutschen Reich verschifft werden sollen, hat das Bremer Finanzamt als zuständige Behörde Zugriff auf eine viel größere Menge von Eigentum. Als nach Kriegsausbruch keine zivilen Schiffe mehr auslaufen, wird das Hab und Gut von knapp 1000 Familien beschlagnahmt und zur Auktion freigegeben. So wird enorm am Besitz jüdischer Emigrantinnen und Emigranten profitiert.
Einen weiteren großen „Warenschub“ bringt die „Aktion M“, bei der Möbel aus Wohnungen von geflohenen oder deportierten Jüdinnen und Juden in Frankreich und den Beneluxländern beschlagnahmt werden. In Bremen landen über 5.900 Waggon- und unzählige Schiffsladungen mit mehr als 45.000 Kubikmetern Mobiliar. Genaue Angaben, in welchem Ausmaß die Bremer Bevölkerung davon profitiert, gibt es nicht. Allerdings ist die Beraubung in der Öffentlichkeit bekannt. So wird beispielsweise in der Weser-Zeitung ausdrücklich für sogenannte „Judenauktionen“ geworben. Vorab bedient sich jedoch das Finanzressort meist selbst. Zum Beispiel an Schreibmaschinen.
Das sogenannte „Arisierungs“-Mahnmal an der Tiefer erinnert heute an die unrechtmäßigen Enteignungen der als jüdisch verfolgten Menschen.
Mit einer Ausstellung im Jahr 2014 wurde die Geschichte des Bremer Finanzamtes aufgearbeitet. Trotzdem stehen noch Möbelstücke im Keller, die wahrscheinlich einmal jüdischen Familien gehörten. Auch wurde bis in die 50er Jahre noch mit den beschlagnahmten Schreibmaschinen gearbeitet.
Gehe jetzt durch die Wallanlagen weiter zum Herdentorsteinweg und biege links ab. Gehe dann weiter geradeaus bis du in die Sögestraße kommst. Auf Höhe der Hausnummer 25 befindet sich unsere letzte Station: der Stolperstein von David und Brandel Finkelstein.
Sögestraße, 1936
Standort: Sögestraße 25
Audio Länge: 05:14 Minuten
Hier in der Sögestraße 25 leben ab 1933 David und Brandel Finkelstein mit ihrer Tochter Sophie.
David und Brandel stammen aus Polen und kommen 1919 nach Bremen. Die beiden behalten die polnische Staatsbürgerschaft und heiraten 1920 im Alter von 21 und 18 Jahren. Zwei Jahre später erblickt ihre Tochter Sophie das Licht der Welt.
David ist Schneidermeister und meldet im März 1923 sein Gewerbe an. Sein Atelier befindet sich zunächst in der alten Wohnung in der Wissmannstraße und nach dem Umzug hier in der Sögestraße 25.
Am 28. Oktober 1938 wird die Familie im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ verhaftet und ausgewiesen. Während Bremerinnen und Bremer auf der Bürgerweide hinter dem Hauptbahnhof über den Freimarkt bummeln, werden die polnischen Mitmenschen in der Abfertigungshalle des benachbarten Lloyd-Bahnhofs zusammengetrieben und schließlich nach Polen deportiert.
Dort angekommen, gehen die Finkelsteins zurück in Davids Heimatstadt Pabjanice. Zwei Jahre später werden sie erneut deportiert. Von nun an müssen sie im Ghetto in Lodz leben. Hier lernt Sophie ihren späteren Ehemann Szama Furman kennen. Er ist Schneider – wie ihr Vater. Sophie und Szama geben sich ein Versprechen: Sollten sie getrennt werden, so würden sie sich in Bremen wiedertreffen.
Im April 1943 stirbt schließlich Sophies Mutter, Brandel Finkelstein, an den katastrophalen Lebensumständen im Ghetto.
Im August 1944 lösen die Nationalsozialisten das Ghetto Lodz auf und deportieren David und seine Tochter Sophie zusammen mit mehr als 150.000 Jüdinnen und Juden in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Bei der Ankunft werden sie getrennt. Sophie sieht ihren Vater nie wieder.
Er wird von dort direkt in das KZ Groß-Rosen überstellt. Nach der Räumung des Lagers im Februar 1945 verlieren sich die Spuren von David Finkelstein. Der Internationale Suchdienst Bad Arolsen verzeichnet den 26. April 1945 als seinen Todestag.
Sophie Finkelstein wird von Auschwitz weiter in das KZ Bergen-Belsen deportiert und erlebt im Außenlager Salzwedel schließlich ihre Befreiung. Auch Szama Furman überlebt die Konzentrationslager in Auschwitz und Dachau. Geprägt durch den Verlust von Familie und Existenz schaffen es Sophie und Szama zurück nach Bremen, wo sie sich schließlich wiedersehen. Die beiden haben ihr Versprechen gehalten.
Am 14. Dezember 1945, ihrem 23. Geburtstag, heiratet Sophie Finkelstein Szama Furman in Bremen. Im Juli 1946 beginnen sie ein neues Leben in den USA und bekommen später zwei Kinder.
Du bist nun am Ende des Audioguides angekommen. Wenn du dich weiter zum Thema informieren willst, besuche die Webseite der Landeszentrale für politische Bildung, stolpersteine-bremen.de oder spurensuche-bremen.de. In Bremen gibt es außerdem spannende Museen, die sich mit der NS-Geschichte auseinandersetzen, darunter der Denkort Bunker Valentin, das Krankenhausmuseum, die Dokumentationsstätte Ostertorwache und das Focke Museum.
Ein Audioguide der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH
Idee: Marie Steinhoff
Text: Timon Wiese und Marie Steinhoff
Sounddesign: Timon Wiese
Inhaltliche Beratung und Lektorat: Hedwig Thelen, Landeszentrale für politische Bildung Bremen und Initiativkreis Stolpersteine Bremen
Sprecher*innen: Radiohouse